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Zschäpe-Verteidiger im NSU-Prozess: Ungewollt, doch unverzichtbar

Von , München

Anwälte Sturm, Heer, Stahl (v.l.): Mit der Mandantin überworfen Zur Großansicht
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Anwälte Sturm, Heer, Stahl (v.l.): Mit der Mandantin überworfen

Beate Zschäpe würdigt ihre Altverteidiger keines Blickes. Doch trotz des zerrütteten Verhältnisses spielen die Anwälte eine wichtige Rolle im NSU-Prozess. Das Schicksal ihrer Mandantin hängt mehr denn je von ihrem Einsatz ab.

Die Stammverteidiger von Beate Zschäpe hatten in den letzten Wochen vermehrt darüber geklagt, dass sie nicht mehr in der Lage seien, ordnungsgemäß zu verteidigen - weil ihre Mandantin jeden Kontakt mit ihnen verweigere. Inzwischen aber widerlegen sie sich zunehmend selbst.

Unstreitig sind Anja Sturm, Wolfgang Heer und vor allem Wolfgang Stahl die einzigen Anwälte, die objektiv zur Verteidigung Zschäpes fähig sind. Sie kennen nicht nur die Akten, sondern waren seit Beginn der Hauptverhandlung vor mehr als zweieinhalb Jahren anwesend - im Gegensatz zu dem auf Wunsch Zschäpes neu hinzugekommenen Anwalt Mathias Grasel.

Der Plan der Stammanwälte war es, eine schweigende Angeklagte zu verteidigen. Dieser Plan scheint durchkreuzt zu werden, da Zschäpe via Grasel eine Aussage ankündigte. Nun lassen auch die Altverteidiger ein verändertes Verteidigungsverhalten erkennen.

Sie hatten lange darauf vertraut, dass die Lücken in der Anklage mit der schwer beweisbaren Einschätzung der Rolle Zschäpes für sich selbst sprechen und es reiche, dies im Schlussplädoyer noch einmal deutlich zu machen. Inzwischen aber äußert sich Stahl immer häufiger nach der Vernehmung von Zeugen zur Bedeutung der betreffenden Aussage für seine Mandantin - ob diese es nun will oder nicht.

Zschäpe würdigt ihre Altverteidiger nach wie vor keines Blickes, obwohl sie erkennen müsste, dass ihr Schicksal mehr denn je von deren Einsatz abhängt.

Fingerabdrücke auf der Zeitung

In den vergangenen Tagen wurden zahlreiche Ermittlungsbeamte gehört, die ausgewertet hatten, was etwa im Brandschutt von Zschäpes letzter Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden wurde: Stadtpläne mit Markierungen, die möglicherweise potenzielle Anschlagsziele ihrer Gefährten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren; oder Zeitungsausschnitte über den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstrasse, mit Fingerspuren, die vermutlich von Zschäpe stammen. Verteidiger Stahl hakte jeweils nach. Er zog vermeintliche Gewissheiten in Zweifel.

Die Zeugen, die zuletzt vernommen wurden, gaben Auskunft über Ermittlungen gegen den mutmaßlichen NSU-Helfer Holger G. Dieser hatte am 7. Verhandlungstag im Juni 2013 eine wenig überzeugende Erklärung abgegeben und sich dann auch noch einer Befragung durch Prozessbeteiligte verweigert.

Holger G. soll laut Anklage den NSU unter anderem mit Tarndokumenten ausgestattet und Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe ein Leben in der Illegalität ermöglicht haben. Außerdem soll er über Ideologie-Diskussionen und die Einstellung des Trios zu Gewalt gegen Ausländer oder Personen nicht-deutscher Herkunft Bescheid gewusst und nichts dagegen unternommen haben.

G. kennt Zschäpe und den Mitangeklagten Ralf Wohlleben sehr lange, fast von Kinderzeiten an. Später blieb er auch mit Böhnhardt und Mundlos in Verbindung. Ob er sich wirklich von der rechten Szene distanziert hat, wie er behauptet, ist zweifelhaft. Für die Anklage ist G. jedenfalls eine Art Kronzeuge, dessen Einschätzung viel gilt. Von ihm stammen Aussagen, die nicht nur Zschäpe schwer belasten. Ohne ihn säßen vermutlich Wohlleben und der Mitangeklagte Carsten S. nicht auf der Anklagebank. Also nahm Stahl die Arbeit der Ermittler zu diesem Mitangeklagten besonders unter die Lupe.

Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL
Der Verteidiger unterstrich, was für Zschäpe von Vorteil ist und zweifelte an dem, was ihr negativ ausgelegt werden könnte. Er stellte Fragen, beanstandete, kurz: Er verteidigt nach den Regeln der Kunst und macht damit immer öfter ein Stück Boden für die Angeklagte gut. Fast scheint es, als animiere ihn die Anwesenheit Grasels zu besonderem Einsatz für die Angeklagte.

Vielleicht wollten sich die Stammverteidiger dies alles für den Schlussvortrag aufheben. Wobei eine alte Anwaltsweisheit sagt, dass am Ende eines Prozesses nur selten noch etwas zu retten ist, was zuvor verloren wurde.

Falls Zschäpe genau zugehört haben sollte, müsste sie gemerkt haben, dass Stahls Kritik an der Teileinlassung G.s, an dessen wechselnden Angaben und dessen Weigerung, umfassend auszusagen, wie eine Warnung in ihre Richtung klang. Denn die Altverteidiger sind nach wie vor überzeugt, dass Schweigen die beste Verteidigungsstrategie für ihre Mandantin wäre. Nun will sie sich aber anscheinend erklären und fällt Heer, Stahl und Sturm damit in den Rücken. Wie sie danach noch zu verteidigen sein wird, weiß niemand.

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