Zeuge im Zschäpe-Prozess: Die seltsamen Nachbarn in der Frühlingsstraße

Von , München

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NSU-Unterschlupf (2011): "Das gilt für Zwickauer Verhältnisse als gefragte Lage"

Ordentlich bis zur Pingeligkeit und manchmal leicht reizbar - ein Zwickauer Hausverwalter schildert im Prozess gegen Beate Zschäpe seine Beobachtungen vom Leben der mutmaßlichen NSU-Rechtsterroristen. Die hatten offenbar Angst, dass neue Nachbarn ihre Tarnung auffliegen lassen könnten.

Als die Handwerker anrückten, drohte Gefahr für Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Innerhalb Zwickaus waren sie von der Polenzstraße im eher einfachen Stadtteil Marienthal in die Frühlingsstraße in Weißenborn gezogen. "Das gilt für Zwickauer Verhältnisse als gefragte Lage", sagt Volkmar E. am Mittwoch im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München.

E. wurde durch einen Eigentümerwechsel im September 2011 Hausverwalter des Mehrfamilienhauses. Bereits im Oktober begannen dann Umbaumaßnahmen an dem Gebäude, in dem damals nur vier Parteien wohnten: Drei in der einen Haushälfte, die mutmaßlichen Rechtsterroristen in der anderen, mit separatem Eingang. Das Erdgeschoss unter ihnen, das Dachgeschoss über ihnen - beides stand leer. Das perfekte Versteck. "Die restlichen Wohnungen in dem Komplex sollten wieder bewohnbar gemacht werden", sagt Volkmar E. Das Trio musste also mit dem baldigen Einzug neuer Nachbarn rechnen.

Nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt legte Zschäpe am 4. November 2011 Feuer in der Wohnung, in der sie gemeinsam mit ihnen gelebt haben soll, und sprengte das Gebäude in die Luft.

Der Hausverwalter erinnert sich, wie ihn sein Vorgänger bei der Übergabe vor dem Trio gewarnt habe: "Ich soll mich nicht wundern, aber die Bewohner seien komisch." Nachgefragt habe er nicht. Bereits kurz nach seinem Arbeitsantritt, vermutlich in der zweiten Septemberwoche 2011, kam es zum ersten Kontakt. "Ein Herr Dienelt" habe ihn angerufen, weil sich der Boden in der Küche senke. Matthias Dienelt, Kraftfahrer aus Johanngeorgenstadt, hatte für das Trio die Wohnung in der Frühlingsstraße 26 angemietet. Mit wem Volkmar E. tatsächlich telefonierte, ob mit Mundlos oder Böhnhardt oder einem anderen Mann, ist unklar.

"95 Prozent der Mieter hätten diesen Mängel nicht angezeigt"

Beim Besichtigen des angeblichen Schadens führte ihn ein Mann - sportlich, 1,85 Meter groß, kurz rasierte Haare - in die Küche, wie E. sagt. Auf den Fahndungsfotos habe er jenen Mann nicht erkannt - weder Mundlos noch Böhnhardt. "Ich hatte von den Toten den Eindruck, dass beide extrem abstehende Ohren haben", so der Hausverwalter. Daran könne er sich bei jenem Mann nicht erinnern. "Das wäre mir aufgefallen. Ich war nicht auf das Gesicht des Herrn fokussiert."

Der angebliche Makel entpuppte sich als Petitesse: Bei der Absenkung habe es sich um eine "vielleicht fünf Millimeter breite Rinne" der Bodenfliesen gehandelt. "Nichts Dramatisches und nichts, was den Anruf gerechtfertigt hätte", sagt E. "95 Prozent der Mieter hätten diesen Mängel nicht angezeigt."

Beim zweiten Besuch - ein, zwei Wochen später und im Beisein des Eigentümers - habe Zschäpe die Tür geöffnet. "Herr Dienelt" hatte am Telefon angekündigt, "eine Bekannte" würde Einlass gewähren. "Für uns war sie die Vertraute des Mieters, wir haben keinen Ausweis verlangt." Auffälligkeiten habe es in der aus zwei Einheiten zusammengelegten Wohnung keine gegeben, wobei er bei beiden Hausbesuchen auch nur Flur und Küche betreten habe. Ordentlich sei es gewesen, betont E. Ihm schräg gegenüber, keine drei Meter Luftlinie entfernt, sitzt Beate Zschäpe, flankiert von zwei ihrer drei Verteidiger.

"Ich habe Frau Zschäpe nicht gegenständlich vorher gesehen, aber ich habe kürzlich vier Fotos in der 'Super Illu' von ihr gesehen und auf einem sah sie so aus wie damals." Als E. das ins Mikrofon sächselt, muss Zschäpe richtig auflachen. Minutenlang amüsiert sie sich über die Bemerkung des 61-Jährigen.

Wann war wo welcher Baulärm zu vernehmen?

Während der Baumaßnahmen in der Frühlingsstraße scheint Zschäpe weniger gute Laune gehabt zu haben. Als ein Handwerker sich an der Kellertür des Trios zu schaffen machte, wurde sie ungemütlich. "Da kam die schwarzhaarige Frau dazu und machte ein Heidentheater", soll jener Handwerker Volkmar E. danach erzählt haben. Die Kellertür war mit einem Sensor versehen, der in der Wohnung oben Alarm ausgelöst hätte, falls Unbefugte eingedrungen wären.

Elf Waffen fand die Polizei nach der Explosion in der Asche der Wohnung. Die Ermittler hatten mehrfach gesicherte Wohnungstüren aufbrechen müssen. Zwischen grünem Plastikefeu in fest angeschraubten Blumenkästen vor den Fenstern waren Kameras versteckt.

Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer fragt am Mittwoch dezidiert nach, wann wo welcher Baulärm zu vernehmen war. Sein Interesse ist eindeutig: Auch am 4. November, dem Tag der Explosion, waren Handwerker vor Ort. Hat Zschäpe, die wegen schwerer Brandlegung angeklagt ist, diese und andere Bewohner bewusst in Gefahr gebracht, als sie mit Benzin hantierte? Die Explosion ist einer der Bausteine, auf dem die Zschäpe-Anklage ruht, daher wird sie akribisch seziert vor Gericht.

An noch ein Detail erinnert sich der Hausverwalter: Als parallel zu den Baumaßnahmen die Bäume vor dem Haus gestutzt werden sollten, habe sich ein Mann aus der "Dienelt"-Wohnung beschwert, weil "Nachbarn sonst Einblick in die Wohnung" haben könnten.

Disput zwischen Zschäpes Verteidigern und Vorsitzendem Richter

Der Sitzungstag brachte noch eine weitere Erkenntnis: Die Ladung der Zeugen ist sehr eng getaktet. Erst um 16.30 Uhr konnte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl den dritten von vier für diesen Tag vorgesehenen Zeugen aufrufen. Er wolle auch den vierten Zeugen noch an diesem Tag hören, kündigte Götzl an - schließlich seien alle vier von weit angereist.

Dies sorgte für reichlich Unmut und einen heftigen Schlagabtausch zwischen Zschäpes Verteidigern und dem Vorsitzenden. Am späten Nachmittag wurde der Prozess unterbrochen. "Die Konzentrationsfähigkeit unserer Mandantin ist überschritten, meine ist an der Grenze", sagte Verteidiger Heer.

Nach längeren Diskussionen unterbrach Götzl die Verhandlung zunächst für eine Pause. Zschäpe wurde von einem Arzt untersucht. Der Mediziner - ein Chirurg und Notarzt - habe "keine auffälligen Befunde" festgestellt, sich aber nicht in der Lage gesehen, die Konzentrationsfähigkeit zu beurteilen, sagte Götzl. Künftig werde man eine entsprechende ärztliche Versorgung sicherstellen.

Auf die direkte Frage Götzls, ob sie sich in der Lage sehe, der Verhandlung zu folgen, schaute Zschäpe nur auf die Tischplatte. Anwalt Heer erklärte, seine Mandantin sehe "sich nicht in der Lage, der Verhandlung mit der nötigen Konzentration zu folgen". Daraufhin unterbrach Götzl die Sitzung kurz nach 18.30 Uhr. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. xxxx
Stabhalter 26.06.2013
Zitat von sysopDPAOrdentlich bis zur Pingeligkeit und manchmal leicht reizbar - ein Zwickauer Hausverwalter schildert im Prozess gegen Beate Zschäpe seine Beobachtungen vom Leben der mutmaßlichen NSU-Rechtsterroristen. Die hatten offenbar Angst, dass neue Nachbarn ihre Tarnung auffliegen lassen könnten. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-einblick-in-das-perfekte-versteck-a-907987.html
lieber Spiegel,bitte keine solche Berichte mehr von der NSU,die sind es nicht wert und kein Mensch hat einen Nutzen davon.
2. Infodump
panameño 26.06.2013
Könnt ihr nicht bitte vom Prozess berichten, falls dort etwas Bemerkenswertes geschah? Auf die Art und Weise, wie das derzeit gehandhabt wird, werden ganz viele Menschen die Berichte -zumindest auf SPON- schlicht nicht mehr lesen.
3.
intoxic8ed 26.06.2013
also es gibt leute, die verfolgen das durchaus und möchten keine liveticker vom boulevard. danke.
4. Bericht mit war notwendig u. informativ
arctic_girl 26.06.2013
Weiter so und danke
5. Danke an den Spiegel für diese Berichterstattung
clubzwei 27.06.2013
Genau das will ich lesen.
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
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Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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