NSU-Prozess BKA-Beamter berichtet von Ermittlungspanne

Die Ermittler waren elektrisiert, ein DNA-Fund erschien ihnen als "Knaller-Information" gegen einen mutmaßlichen NSU-Helfer. Doch vor Gericht kommt nun heraus: Die heiße Spur war eine Ermittlungspanne.

Zschäpe und Verteidiger im OLG München (Archivbild): Wieder eine falsche Spur
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Zschäpe und Verteidiger im OLG München (Archivbild): Wieder eine falsche Spur

Von , München


Der Aufwand der Ermittler schien sich gelohnt zu haben. Zwar brachte die wochenlange Überwachung der insgesamt sechs Telefonanschlüsse von Thomas S. und seiner Lebensgefährtin von Ende Januar bis Ende April 2012 keine konkreten Ergebnisse - aber dann war da plötzlich diese andere Spur. Sie machte Thomas S. zusätzlich verdächtig.

Er hatte bereits gestanden, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe 1996 vor ihrem Untertauchen Sprengstoff verschafft zu haben. Einen Kontakt zu den drei Rechtsextremisten konnten die Ermittler ihm aber lediglich bis Mai 1998 nachweisen. Das sah jetzt anders aus, die Spur wirkte vielversprechend: Eine im Jahr 2009 hergestellte Überwachungskamera, die in der Zwickauer Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gefunden worden war, wies ein DNA-Muster auf, das auf ein Eltern-Kind-Verhältnis zu Thomas S. schließen ließ. Die Wahrscheinlichkeit: 99,85 Prozent. So sagte es nun der BKA-Beamte Michael K. vor Gericht im NSU-Prozess. Es sei eine "Knaller-Information" gewesen.

Für die Ermittler erschien es fortan möglich, dass einer der minderjährigen Söhne von S. die Spur auf der Überwachungskamera hinterlassen hatte. Das Gerät gehörte zur Sicherheitseinrichtung, mit der sich offenbar die Untergetauchten geschützt hatten. Die Kamera hatte sich in einem Blumentopf im Wohnzimmer befunden, getarnt mit Kunstefeu.

Am 24. Juni 2013 fingen zwei BKA-Beamte Thomas S. auf dem Weg zur Arbeit ab, am selben Tag wurde er vernommen. S. habe dabei den Sachverhalt vehement bestritten und von "totalem Quatsch" gesprochen. Er habe nie eine Überwachungskamera besessen, gab er demnach zu Protokoll. Die Beamten sagten ihm, dass er dem Ermittlungsrichter in Karlsruhe vorgeführt werden könnte, wiesen ihn aber auch auf die Kronzeugenregelung hin. S. blieb bei seiner Aussage und betonte dem BKA-Beamten zufolge, dass er mit dem Sachverhalt "nichts anfangen" könne.

"Schon noch ein bisschen Puffer"

Eine spätere Durchsuchung seiner Wohnung führte nicht weiter. Zwar wurden Datenträger und Fotomaterial sichergestellt, die einen früheren Kontakt des Verdächtigen zu Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt belegten - eine Quittung über den Kauf der Überwachungskamera fanden die Ermittler aber nicht, auch keine Hinweise auf einen Kontakt nach 1998. S. war einst mit Zschäpe liiert. Weil er auch Beschuldigter ist, hatte er zuletzt im NSU-Prozess die Aussage verweigert.

Die Ermittler nahmen zudem eine DNA-Probe bei der Frau von S. Denn sicher konnten sich die Ermittler nach Aussage des Zeugen längst noch nicht fühlen: Bei der festgestellten Wahrscheinlichkeit von 99,85 Prozent seien 100.000 Personen infrage gekommen, sagte der BKA-Beamte. "Da war schon noch ein bisschen Puffer."

Das Ergebnis der Probe war für die Ermittler ernüchternd: Die Söhne von S. kamen nicht als Spurenverursacher an der Überwachungskamera infrage. Noch ernüchternder war allerdings der Umstand, dass wie im Fall des NSU-Mordopfers Michèle Kiesewetter eine Ermittlungspanne unterlaufen war. Bei der erschossenen Polizistin waren Beamte jahrelang irrtümlich einer vermeintlich heißen Spur gefolgt. Am Ende mussten sie feststellen, dass die Spur lediglich von einer Frau stammte, die in einer Firma arbeitete, in der die Wattestäbchen für die Polizei abgepackt wurden.

So ähnlich war es jetzt auch im Fall der DNA-Spur an der Überwachungskamera: Der BKA-Beamte sagte aus, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kriminaltechnik habe sie an dem Asservat hinterlassen.

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