Ermittlungen nach NSU-Anschlag in Köln Gescheiterte Akribie

Nach dem Nagelbombenanschlag auf die Kölner Keupstraße im Jahr 2004 arbeiteten die Ermittler beeindruckend genau - das zeigte sich jetzt im NSU-Prozess. Umso unerklärlicher ist, warum sie bei der Aufklärung der Hintergründe versagten.

Tatort Keupstraße (Juni 2004): Fahndung gescheitert
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Tatort Keupstraße (Juni 2004): Fahndung gescheitert

Von , München


Je länger die Ermittler an diesem Montag im Münchner NSU-Prozess vortragen, desto eindringlicher nimmt die Bedrohung für jedermann Gestalt an. Jene Bedrohung, die von terroristischen Anschlägen gleich welcher Couleur ausgeht.

Es ist der erste Tag nach der Weihnachtspause, es geht um den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004, bei dem 22 Personen zum Teil schwer verletzt wurden.

Bestens dokumentiert

Die Keupstraße im Stadtteil Mülheim mit ihren vielen kleinen Geschäften und Restaurants gilt als das kulturelle Zentrum einer großen türkischen Gemeinde; fast alle Anwohner sind türkischer Herkunft. Gegen 14.30 Uhr wurde damals Uwe Böhnhardt von Überwachungskameras des Musiksenders Viva an der Schanzenstraße aufgenommen, wie er zwei Mountainbikes in Richtung Keupstraße schob.

Zehn Minuten später kam er zurück. Weitere 20 Minuten später kehrte er wieder zur Keupstraße zurück, in der linken Hand einen durchsichtigen Beutel, in der rechten eine weiße Tüte mit einem kantigen Gegenstand. Nach Auffassung des Generalbundesanwalts dürfte es sich um eine Funkfernsteuerung gehandelt haben. In einiger Entfernung folgte laut Anklage Uwe Mundlos, der ein Fahrrad geschoben haben soll.

Auf dem Gepäckträger lag ein Hartschalenkoffer, darin ein Sprengsatz und Hunderte von Nägeln. In einer Seitentasche des Fahrrads befand sich der Empfänger. Das Rad wurde vor einem Friseurladen abgestellt. Um diese Zeit hielten sich darin Kunden und Angestellte auf, die Straße war belebt.

Laut Anklage soll Böhnhardt um 15.57 Uhr den Sprengsatz ausgelöst haben. Anschließend sollen er und Mundlos auf den Mountainbikes geflüchtet sein.

Warum erkannte man die Parallelen nicht?

Wahrscheinlich liegt es am Schock, den der mörderische Anschlag auf die Pariser Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" ausgelöst hat, dass die Sensibilität für die Verunsicherung durch solche gemeingefährlichen Taten gestiegen ist. Doch anders als in Frankreich, wo man die Täter rasch identifizieren konnte, blieb das Attentat in Köln jahrelang ungeklärt. Die Folge: eine nicht nachlassende Angst der Anwohner, solchen Angriffen schutzlos ausgeliefert zu sein. Dazu Ermittler, die einen Nachbarschaftsstreit oder einen persönlichen Racheakt vermuteten - und manches Opfer als Verdächtigen ansahen.

Im Münchner Prozess sagten nun Kölner Fahnder aus. Sieht man ihre vorbildliche Tatortarbeit, fällt die Entschlossenheit, einen rechtsterroristischen Hintergrund nicht ins Auge zu fassen, umso mehr auf. Auch der Generalbundesanwalt legte sich in seiner Anklage fest und sprach von einem Anschlag "auf den in der Keupstraße 29 gelegenen Friseursalon ,Öczan'". Wieso auf den Friseursalon? Weil das Fahrrad vor diesem Laden platziert war? Weitere Hinweise, dass der Anschlag dem Friseur gegolten haben könnte, gab es nicht.

In den zurückliegenden Jahren aber hatte es mehrere ungeklärte Mordtaten gegeben, bei denen Fahrradfahrer beobachtet worden waren, deren Beschreibung auf Böhnhardt und Mundlos passte. Hier nun waren wieder zwei Männer involviert, die Fahrräder in Richtung des Tatorts schoben; das Fahrrad selbst war offensichtlich Tatmittel geworden. Hatte man die zwei Männer als Tatverdächtige ausgeschlossen, weil diesmal nicht geschossen worden war?

"Haben Sie eine Parallele zum Sprengstoffanschlag auf die Kölner Probsteigasse im Jahr 2001 gezogen?", fragt ein Anwalt der Nebenklage in Richtung eines Beamten. "Nein", so die kleinlaute Antwort.

Große Akribie, kleine Vorstellungskraft

Der Zeuge, der vor allem mit der Spurensicherung betraut war, beschreibt die Wucht der Detonation, als der Sprengsatz explodierte: Fenster- und Schaufensterscheiben gingen in weitem Umkreis zu Bruch, Splitter durchschlugen noch in 150 Meter Entfernung das Blech parkender Autos und flogen über die mehrstöckigen Gebäude der Keupstraße bis in die Höfe und Gärten hinter den Häusern. Zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel zischten wie Geschosse durch die Luft.

Fotos der Schäden zeigen den abgesperrten Tatort - eine menschenleere Straße, verwüstete leere Geschäfte, "entglaste" Fassaden, nichts als Scherben, Trümmer, Splitter, Stofffetzen, Drähte. Dazwischen die Reste eines Fahrrads, das aus einer Werbeaktion von Aldi-Süd stammte, Kostenpunkt 249 Euro. Was mögen die Personen, die zur Tatzeit vor Ort waren, erlebt haben, als ihnen diese Splitter und Nägel um die Ohren flogen?

Mit unendlicher Akribie haben die Ermittler jedes Stückchen Kunststoff, jede Litze und jedes Teilchen Schmutz, alles, was auf der Straße und auf dem Gehweg lag oder in einer Wand steckte, gesammelt, asserviert und sortiert, fotografiert und aufgelistet. Jede "Beschmauchung" wurde zugeordnet, jede Einkerbung interpretiert. Man hat analysiert und zusammengesetzt und rekonstruiert, was das Zeug hielt - eine fabelhafte Leistung. Aber warum fehlte es dann ausgerechnet an Vorstellungskraft, wer hinter solcher Infamie stecken könnte? Die Diskrepanz könnte größer nicht sein.

In der nächsten Woche werden die ersten Verletzten vor Gericht als Zeugen aussagen.

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