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Mordfall Yasar im NSU-Prozess: Ermittler ging von ausländerfeindlichem Motiv aus

Von , München

Tatort in Nürnberg: Ismail Yasar wurde im Juni 2005 erschossen Zur Großansicht
DPA

Tatort in Nürnberg: Ismail Yasar wurde im Juni 2005 erschossen

Ismail Yasar starb hinter dem Tresen seines Kebap-Imbisses in Nürnberg - vermutlich ist er das sechste Opfer der NSU-Terrorzelle. Vor Gericht sagte jetzt ein Ermittler aus, es sei für ihn offensichtlich gewesen, dass die Tat einen fremdenfeindlichen Hintergrund gehabt habe.

Eine gewisse Nüchternheit und Sachlichkeit ist sicher fester Bestandteil bei der Ermittlungsarbeit, Abgebrühtheit kann die Folge sein. Doch wenn eine 35 Jahre alte Polizeibeamtin über einen ermordeten Imbissbesitzer sagt: "Der Notarzt hat dann festgestellt, dass die Person ex ist", dann sind das doch Momente, in denen man sich wünscht, einem Beamten gelänge es, der verbalen Verrohung Einhalt zu gebieten.

Der Satz stammt von Sindy J., die mit ihrem Kollegen am 9. Juni 2005 auf Streife durch Nürnberg fuhr und als Erste den Dönerstand erreichte, in dem Ismail Yasar kurz zuvor erschossen worden war. Sie ist am 32. und letzten Verhandlungstag vor einer fünfwöchigen Sommerpause Zeugin vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München (OLG). Yasar gilt als sechstes Mordopfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU).

Zeugen hörten die Schüsse

Ein Stammkunde hatte gegen 10.15 Uhr die Polizei benachrichtigt, dass Yasar in seiner Schürze blutüberströmt hinter dem Verkaufstresen lag. Yasar wurde von fünf Schüssen in Kopf und Herz getötet. Der gebürtige Türke, er stammte aus Suruç, war 50 Jahre alt.

Ismail Yasar hatte ein bewegtes Leben hinter sich: Er kam im April 1978 nach Berlin, stellte einen Asylantrag, wohnte bei einem Bekannten und in einem Asylbewerberheim. Drei Ehen scheiterten. Der gelernte Schweißer arbeitete in verschiedenen Betrieben, auch mal in einer Zeitarbeitsfirma, bis er sich 2003 mit seinem Imbiss selbständig machte. So fasste Kriminalhauptkommissar Manfred W. von der Nürnberger Polizei das Leben des Getöteten zusammen.

Sein Kollege Karl R. berichtete, was Zeugen an jenem 9. Juni beobachtet haben: Zwei schwarzgekleidete Fahrradfahrer, die im Zeitlupentempo zum Imbiss radelten oder dort standen. Zwei Zeugen saßen zum Tatzeitpunkt im Auto und hörten die fünf Schüsse. Ein Schall-Gutachter bestätigte, dass deren Wahrnehmung trotz des Lärms einer nahe gelegenen Baustelle absolut plausibel sei.

Eine Frau, die wohl kurz nach der Tat in Schrittgeschwindigkeit an Yasars Verkaufsstand vorbeiradelte, will gesehen haben, wie einer der beiden Männer den Stand verließ und seinem Kompagnon eine gelbe Plastiktüte mit schwarzer Aufschrift in die Hand drückte, die dieser in seinen Rucksack steckte.

Diese Beobachterin bezeichnete Manfred H., Leiter der Mordkommission II in Nürnberg, als "sehr, sehr wichtige Zeugin". Mit ihrer Hilfe seien Phantombilder der beiden Fahrradfahrer angelegt worden. Auch habe man ihr die Videobilder vom Nagelbombenattentat in der Kölner Keupstraße gezeigt. Auch dort waren Fahrradfahrer aufgefallen. Für ihn sei eine Parallele zwischen den Verbrechen offensichtlich gewesen, so der Kriminalbeamte. "Für mich persönlich steckte bei beiden Taten ein fremdenfeindliches Motiv dahinter." Zudem sei der Mord an Ismail Yasar der sechste dieser Art gewesen.

Doch unter den Ermittlern habe es unterschiedliche Auffassungen gegeben, räumte Manfred H. ein. In einer Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags war gar die Formulierung gefallen, dass ein Vergleich zwischen dem Kölner Anschlag und der Mordserie wie "Äpfel mit Birnen vergleichen" sei, wie Nebenklagevertreter Yavuz Narim aus dem Sitzungsprotokoll zitierte.

Verräterische Anmerkungen auf Stadtplänen

"Aus meiner Sicht war das eiskalt, eine Hinrichtung", sagte Manfred H. über den Anschlag auf Ismail Yasar. Die Art der Tötung sei "sehr aussagekräftig und belege einen starken Tötungswillen". Die komplette Ermittlungskommission BAO Bosporus habe deshalb bereits 2005 "keinerlei Zweifel" gehabt, dass die Mordserie einen "ausländerfeindlichen Hintergrund" gehabt habe.

Oft habe man diese Theorie besprochen, über Jahre hinweg. Eine Untergruppe der BAO habe deshalb auch in der militanten Neonazi-Szene ermittelt. Allerdings ohne Ergebnis. Vielleicht lag es auch an der Kooperation der Verfassungsschützer. Zumindest die bayerischen Kollegen, so Manfred H., hätten "nicht alles rausgerückt, was wir angefordert haben".

Nach dem Mord an Ismail Yasar war das Bundeskriminalamt zunächst davon ausgegangen, dass er und die anderen Opfer der Mordserie in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden standen. Dazu stellte Manfred H. vor dem OLG klar: "Die Familie hat nichts mit Drogenhandel oder kriminellen Machenschaften zu tun, die waren alle ganz sauber. Auch Herr Yasar war ein ganz honoriger Mann."

Zuvor hatte ein BKA-Kommissar die Auswertung von Asservaten vorgestellt, die nach der Explosion in der Wohnung der Terrorzelle in Zwickau gefunden worden waren. Demnach waren auf Stadtplänen von Nürnberg Orte markiert, auch Yasars Dönerstand. Mit dem handschriftlichen Vermerk: "Imbiss neben Post." Auch eine Unterkunft für Asylbewerber war erwähnt mit dem Hinweis: "Ohne Schloss, Keller zugänglich."

Manfred H., der Mordkommissionsleiter, sagte, er sei im Rahmen der Ermittlungen auch nach Suruç, in Yasars Heimat geflogen. "Ein ziemlich armes Gebiet, in dem die Männer das absolute Sagen haben und die Frauen nicht in gesellschaftliche und geschäftliche Dinge eingebunden werden", erinnerte er sich am Dienstag. Dort habe er mit Yasars Eltern und Geschwistern gesprochen. "Sehr einfache Leute mit sehr seltenem kurdischen Dialekt."

Unaufgefordert lieferte der 50-jährige Beamte die Begründung für seine weite Reise: "Das ist man den Angehörigen auch schuldig." Eine Bemerkung, die nach dem Auftritt der Streifenbeamtin am Vormittag fast eine Wohltat war.

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