NSU-Prozess: Zschäpes Reise in die Vergangenheit

Von , München

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Beate Zschäpe vor Gericht (Archiv): Angeklagt im NSU-Verfahren

Die Angehörigen der NSU-Opfer hoffen auf Aussagen von Beate Zschäpe, doch die Angeklagte schweigt vor Gericht. Bilder der Tatorte ignoriert die 38-Jährige. Erst als Fotos ihres ehemaligen Verstecks gezeigt werden, wird sie ungewohnt aufmerksam.

Mehr als anderthalb Jahre ist es her, dass Beate Zschäpe die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren hat: Am 4. November 2011 wurden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen in einem Wohnmobil in Eisenach aufgefunden. Am selben Tag verlor die 38-Jährige auch ihr Zuhause. Überstürzt soll sie die Wohnung in der Frühlingsstraße in Zwickau, in der sie mit den beiden Männern lebte, in Brand gesetzt haben. Sie hetzte aus dem Haus, brachte ihre Katzen zu einer Nachbarin und stürmte davon.

Im NSU-Prozess bekam Zschäpe nun Einblick in das, was übrig blieb von ihrem Zuhause, ihrer Zuflucht, ihrem Refugium. Für die Reise in die Vergangenheit zückte sie ihre Brille und starrte gebannt auf die Fotos, die an die Wand projiziert wurden.

590 Lichtbilder hat Brandermittler Frank Lenk vor dem Oberlandesgericht München (OLG) bereits gezeigt und kommentiert. Nun kamen weitere 357 dazu. Sie zeigten das rote Sofa, auf dem es sich die mutmaßlichen Rechtsterroristen gemütlich gemacht haben dürften, die Badewanne und den Deko-Schwimmring, der zur Zierde an der Wand hing, das hellblau-weiß gestreifte Deckchen auf dem Küchentisch, rote, flauschige Hauspuschen. Das Zuhause der NSU-Familie. Unter den angekokelten Büchern im und vor dem Regal im Wohnzimmer liegt ein Roman mit dem Titel "Die Rache der Zwerge".

Zschäpe schaute angestrengt zur Wand in Saal A101. Sie selbst soll laut Bundesanwaltschaft ihr Heim verwüstet haben, um Spuren zu vernichten - unter Inkaufnahme, dass eine betagte Mitbewohnerin des Hauses und zwei Handwerker in Lebensgefahr gerieten. Mindestens 19 Stellen haben die sogenannten Brandmittelspürhunde ausgemacht, an denen Ottokraftstoff verschüttet wurde.

"Man sieht die hohe Intensität des Brandes"

Bild 747 zeigt einen schwarzen Zehn-Liter-Kanister, der auf dem Boden im Eingangsbereich liegt. Bild 739 die Reste der Druckwelle, die eine Außenwand des Sportraums gesprengt hat. Das Benzin-Luft-Gemisch war in der Wohnung explodiert, Druckwellen zerstörten das halbe Haus. Die Feuerwehr brauchte mehrere Stunden, um den Brand komplett zu löschen. "Man sieht die hohe Intensität des Brandes", sagt Ermittler Lenk bei Bild 630. Mit viel Phantasie lassen sich die Reste eines weiteren Badezimmers erkennen.

Das Zimmer, in dem Kratzbäume für Zschäpes Katzen Lilly und Heidi standen, nennen die Ermittler "Katzenzimmer". Am einzigem Fenster dieses Raumes war eine Kamera installiert mit Blick auf die Rückfront des Mehrfamilienhauses. Ein Relikt des Hochsicherheitstrakts, den sich das Trio im Untergrund gebaut hatte.

Zu den Bildern gehören Detailaufnahmen. Sie zeigen einen zerstörten Toaster, einen abgebrannten Lüfter, die Reste eines Spirituskochers oder eines Teelichthalters. Es geht darum auszuschließen, dass der Brand nicht doch durch einen Kurzschluss oder eine Nachlässigkeit entstanden ist.

Bild 794 dokumentiert die Waffenfunde in einem der Schlafzimmer. Im Wandtresor lagen eine Waffe und Handschellen mit Nummerierung. Sie gehörten der Polizistin Michèle Kiesewetter. Mundlos und Böhnhardt sollen die Beamtin im April 2007 in Heilbronn erschossen und ihren Kollegen lebensgefährlich verletzt haben.

Der Tresor habe nachweislich offengestanden, sagt Ermittler Lenk. "Einen Schlüssel konnten wir nicht finden." Schlecht für Zschäpe, man kann es so deuten, dass sie den Inhalt des an die Wand montierten Schränkchens kennen musste. Insgesamt wurden elf Waffen in der ausgebrannten Wohnung sichergestellt. Auf dem Boden und in einem Schrank steckten Bündel von Geldscheinen, fast unversehrt, nur die Ränder waren verkohlt.

H-Milch und Wasser gebunkert

Die Bilder 820 bis 912 haben Lenk und sein Team in den beiden Kellerräumen gemacht. Fahrradschläuche hängen an der Wand, Schneeschipper und Besen lehnen am Regal, neben Mountainbikes sieht man auch ein Kinderfahrrad, eine Werkbank, eine Kreissäge. Über einem ausrangierten Computer baumelt ein bunter Plastikroller.

In einem gefüllten Mülleimer fanden Ermittler eine Hülse, in der Nähe standen mehrere Holzplatten zu einer massiven Platte zusammengenagelt. Der improvisierte Schießstand zeigt jede Menge Einschusslöcher. An die weiß getünchte Kellerwand hat jemand mit Bleistift geschrieben: "32 km in 88 min und 79 min".

Auf einem Metallregal lagern Unmengen von Kartons voller Milchbeutel, haltbar und fettarm. Darunter mehr als hundert Flaschen Mineralwasser. "Wie im 'Führer'-Bunker", sagt ein Zuschauer zynisch.

Auf fast zehn Fotos sieht man ausgebreitet die Kleidung der Untergetauchten. Zschäpe schaut genau hin. Da liegen verkohlte Stiefel, saubere Jeans, gestreifte Shirts und Pullover, viel in ihrer Lieblingsfarbe Pink.

"Ehe mit zwei Partnern"

Am Vormittag war ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) befragt worden, der den ebenfalls angeklagten Holger G. im November 2011 vernommen hatte. G. gilt als Kronzeuge, die Bundesanwaltschaft stützt ihre Anklage in weiten Teilen auch auf seine Aussagen.

Der Gerichtspsychiater Henning Saß befragte den Ermittler, was G. zum Verhältnis der drei Untergetauchten gesagt habe. Größtenteils sei es harmonisch gewesen, bis es Spannungen gegeben und einer der Männer gar zum Messer gegriffen habe, soll G. ausgesagt haben. Uwe Mundlos sei daraufhin für eine Weile ausgezogen und habe allein gelebt.

Saß bezeichnete die Verbindung der drei Untergetauchten als "eine Ehe mit zwei Partnern". Ob er auch Informationen zu der emotionalen Beziehung untereinander erhalten habe, wollte Saß wissen. "Nein", sagte der BKA-Beamte. "Darauf haben wir nicht unseren Frageschwerpunkt gelegt."

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