NSU-Prozess Mandy S. trifft Mandy S.

Beate Zschäpe trat in ihrer Zeit im Untergrund zwischenzeitlich unter dem Namen von Mandy S. auf. Jetzt sagte die Frau, deren Identität die mutmaßliche Terroristin vorübergehend annahm, im NSU-Prozess aus - und konnte sich dabei an etliche Details nicht mehr erinnern.

Angeklagte Beate Zschäpe: Begegnung mit Mandy S. im Oberlandesgericht München
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Angeklagte Beate Zschäpe: Begegnung mit Mandy S. im Oberlandesgericht München

Von , München


Sie nannte sich mal Susann Dienelt, Silvia Rossberg oder Lisa Pohl, Beate Zschäpe verwendete in ihrer Zeit im Untergrund diverse Tarnnamen. Auch ein echter Name war dabei, der von Mandy S. Jetzt kam es im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht zu einer besonderen Begegnung. Beate Zschäpe und Mandy S., die 1975 im sächsischen Erlabrunn geboren wurde, im Erzgebirge aufwuchs und später nach Chemnitz zog, sitzen sich stundenlang schräg gegenüber: die falsche Mandy S. und die echte. Zwischen ihnen liegen in dem Raum kaum mehr als drei Meter, und trotzdem gelingt es beiden, Blickkontakt zu vermeiden.

Es war mit Spannung erwartet worden, ob die 38-Jährige vor Gericht reden oder ihre Aussage verweigern würde, um sich nicht selbst zu belasten. Gegen Mandy S. laufen noch immer Ermittlungen der Bundesanwaltschaft. Sie steht im Verdacht, eine Unterstützerin des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) gewesen zu sein. "Ich möchte gern aussagen", erklärt sie zu Beginn.

Die Frau mit den langen, schwarzen Haaren spricht sehr leise. So leise, dass der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sie mehrfach bittet, näher an das Mikrofon zu rücken. Mandy S . wirkt angespannt, die Finger ihrer linken Hand trommeln auf der rechten, sie sei "total nervös", sagt sie. Gut möglich, dass Mandy S. ihre Bereitschaft zur Aussage zwischendurch bereut. "Ich belaste mich hier doch schon genug", sagt die ausgebildete Friseurin einmal, als Götzl mit seinen Fragen nachbohrt. Dann bricht sie in Schluchzen aus. Götzl unterbricht vorübergehend die Sitzung.

"Ich wusste nicht, um was es geht"

Es ist aber wohl auch ziemlich unangenehm, darüber zu reden, warum sie im Frühjahr 1998 dafür sorgte, dass drei Leute, die sie angeblich nicht kannte, Unterschlupf erhielten. Ein "Kamerad" habe damals vor ihrer Tür gestanden und gefragt, ob drei Leute bei ihr schlafen könnten, die "Scheiße gebaut" hätten. Der "Kamerad" war wie Mandy S. damals ein Skinhead. "Kopf rasiert, Bomberjacke und Springerstiefel gekauft", so berichtet die Frau vor Gericht von ihrem Weg in die rechte Szene Mitte der neunziger Jahre.

Die drei Leute wollte Mandy S. nicht bei sich haben, aber es gab noch die freie Wohnung ihres damaligen Freundes Max-Florian B., der damals bei Mandy S. wohnte. Dort kamen die drei für mehrere Wochen unter. Die Gäste waren nach Erkenntnissen der Ermittler Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Sie waren gemeinsam aus Jena verschwunden, als die Polizei am 26. Januar 1998 Sprengstoff in einer von Zschäpe angemieteten Garage entdeckt hatte.

"Kameradschaftshilfe" sei das damals gewesen. "Ich wusste nicht, wer es ist, ich wusste nicht, um was es geht." Sie sei schließlich auch aufgenommen worden, als sie einst aus dem Elternhaus geflogen war.

Viele Erinnerungslücken bei Mandy S.

Die Hilfe von Mandy S. reichte weiter. So habe sie der Frau, die sie als "klein, niedlich", mit Lockenkopf und "piepsiger Stimme" in Erinnerung hat, einmal ihre AOK-Krankenversichertenkarte geliehen. Sie könne das "Mädchen" von damals nicht zweifelsfrei in der Hauptangeklagten und mutmaßlichen Terroristin wiedererkennen, erklärt Mandy S. Auch habe sie später auf ihr vorgelegten Fotos etwa von Böhnhardt und Mutlos nicht die früheren Gäste wiedererkannt.

Überhaupt hat Mandy S. viele Erinnerungslücken. Auf viele Fragen Götzls weiß sie keine Antwort, auch wenn der Vorsitzende Richter ihr sagt, dass er sich das nur schwer vorstellen könne. Das passt gewissermaßen ins Muster: Selbst langjährige Weggefährten der späteren mutmaßlichen Terroristen - wie etwa André K. - fielen vor Gericht vor allem damit auf, dass sie sich kaum mehr erinnern wollten.

Bei der Krankenversicherungskarte ist sich Mandy S. aber ganz sicher: Demnach hatte "die Frau" einmal "total verkrampft auf dem Sofa" gelegen, woraufhin ihr Mandy S. einen Besuch beim Arzt nahelegte. Sie hatte aber keine Versicherungskarte. Also half Mandy S. aus. Ihre Karte lag später, wie vereinbart, wieder bei ihr im Briefkasten. Sie habe sich über die Sache "keinen Kopf" gemacht, sagt die 38-Jährige vor Gericht.

Kein Kontakt seit 1998

Mandy S. holte auch auf Bitten der drei einen Personalausweis bei der Chemnitzer Stadtverwaltung ab, darauf das Foto von einem der beiden Männer (von wem genau, weiß sie wieder nicht), dazu falscher Name und falsche Daten. Dies sei wohl ein Test gewesen, "ob es klappt", sagt Mandy S. Die drei hätten sich Personalausweise besorgen wollen, um so an Reisepässe zu gelangen, mit denen sie "nach Amerika" wollten.

Warum sie den Namen Zschäpes ausgesprochen habe, will Götzl von ihr wissen, als Mandy S. der Name der Hauptangeklagten einmal herausrutscht. "Weil mir jeder eingeredet hat, dass die Frau von heute die Frau von damals ist", sagt Mandy S. Zu den zwei Männern und der Frau habe sie nach 1998 keinerlei Kontakt mehr gehabt, sagt sie - die Mordserie der drei mutmaßlichen Terroristen begann im Jahr 2000.

Im Brandschutt der letzten Wohnung des mutmaßlichen Terrortrios hatten Ermittler unter anderem auch zwei gefälschte Mitgliedsausweise von Tennisvereinen gefunden, die auf den Namen Mandy S. ausgestellt waren. Auch eine aktuelle Telefonnummer von Mandy S. wurde damals gefunden. Sie kann sich diesen Umstand vor Gericht nicht erklären: "Ich weiß nicht, wie die Personen zu dem Zettel kommen."

Ihre Vernehmung wird am Donnerstag fortgesetzt.

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