Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ex-V-Mann "Piatto" im NSU-Prozess: Der Mann, der viel wusste

Von , München

Neonazis: "Piatto" lieferte Informationen, genutzt hat es nichts Zur Großansicht
DPA

Neonazis: "Piatto" lieferte Informationen, genutzt hat es nichts

Im NSU-Prozess soll an diesem Dienstag der frühere V-Mann "Piatto" aussagen. Der einstige Neonazi hatte schon früh Hinweise auf das untergetauchte Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe geliefert - die dann offenbar versickerten.

Es ist mit verschärften Sicherheitsvorkehrungen im Münchner Oberlandesgericht zu rechnen, wenn Carsten S. an diesem Dienstag auf dem Zeugenstuhl im NSU-Prozess Platz nehmen wird. Bis zu seiner Enttarnung im Jahr 2000 war er unter dem Decknamen "Piatto" als V-Mann für den brandenburgischen Verfassungsschutz tätig. Seitdem befindet sich der frühere Neonazi im Zeugenschutz und lebt an einem geheimen Ort.

Wegen der geplanten Vernehmung von Carsten S. im NSU-Prozess gegen die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe und weitere Angeklagte war es zu längeren Verhandlungen zwischen der Münchner Justiz und dem brandenburgischen Innenministerium gekommen. Die Potsdamer Behörde wollte zunächst nur unter strikten Bedingungen eine Aussagegenehmigung für den früheren V-Mann erteilen - so sollte die Vernehmung unter anderem an einem geheimen Ort stattfinden und per Videoschaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Gerichtssaal übertragen werden. Der Zeuge sollte mit verfremdetem Äußeren und verfremdeter Stimme aussagen.

Später erklärte sich das Ministerium bereit, Carsten S. in München aussagen zu lassen. Man gehe nach entsprechenden Hinweisen des Gerichts davon aus, dass "ein hinreichender Schutz des Zeugen vor Ort gewährleistet werden kann", erklärte zuletzt Brandenburgs Innenminister Ralf Holzschuher (SPD). Mit einem optischen und akustischen Schutz für den Zeugen ist demnach zu rechnen, das Gericht wollte sich dazu auf Anfrage aber nicht äußern.

Carsten S. könnte dem Gericht wichtige Erkenntnisse liefern, sollte er aussagen: Der gebürtige Berliner mit schwerkrimineller Vergangenheit hatte dem brandenburgischen Verfassungsschutz bereits wenige Monate nach dem Untertauchen von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Hinweise auf das Trio geliefert. Die Angaben hätten die Behörden durchaus früher auf die Spur der Untergetauchten bringen können, wäre man ihnen konsequent gefolgt: So meldete er seinen V-Mann-Führern am 9. September 1998, dass ein gewisser Jan W. persönlichen Kontakt zu den drei Untergetauchten habe. Dieser solle den Auftrag haben, "die drei Skinheads mit Waffen zu versorgen".

Höchster Quellenschutz für Ex-V-Mann "Piatto"

Laut dem Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags fand wegen der Quellenmeldung Mitte September 1998 eine Besprechung im Potsdamer Innenministerium statt. Das Ergebnis laut einem Vermerk vom 17. September 1998: Das Ministerium sei "grundsätzlich nicht bereit, die Quellenmeldung als solches für die Polizei freizugeben". Außerdem: Das offenbar auch an der Besprechung beteiligte Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz - Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt stammen aus Jena - solle das LKA Thüringen "ohne Nennung der Herkunft der Information" in Kenntnis setzen, "Behandlung der Hinweise mit hoher Sensibilität wird vorausgesetzt".

Mit anderen Worten: Quellenschutz im Fall "Piatto". Carsten S. galt dem brandenburgischen Verfassungsschutz als außerordentlich wichtiger V-Mann: Die von "Piatto" gelieferten Informationen über die rechtsextreme Szene hätten "auf Anhieb unser Lagebild und das anderer Verfassungsschutzbehörden" verbessert, sagte etwa Gordian Meyer-Plath, damals V-Mann-Führer in Brandenburg und heute sächsischer Verfassungsschutzpräsident, vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags. "Es war ein Quantensprung", so Meyer-Plath.

"WAS IST MIT DEN BUMS?"

Moralische Skrupel, einen Mann als Informanten zu nutzen, der wegen Mordversuchs an einem afrikanischen Asylbewerber zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden war, hatte man in Potsdam offenbar irgendwann verdrängt: Im Mai 1992 war eine Gruppe von Neonazis im brandenburgischen Ort Wendisch-Rietz über einen Nigerianer hergefallen. Dem Landgericht Frankfurt (Oder) zufolge, das Carsten S. 1995 zu der Haftstrafe verurteilte, hatte der Neonazi einen Kumpanen mit anfeuernden Rufen in einen "Tötungsrausch" getrieben, als dieser sein Opfer brutal traktierte und später in ein Hafenbecken stieß - der Nigerianer überlebte mit schwersten Verletzungen.

Carsten S. war ab 1994 für den Verfassungsschutz aktiv, er selbst hatte sich aus der Untersuchungshaft per Brief an die brandenburgische Behörde gewandt.

Die Prozessbeteiligten in München könnte am Dienstag auch die Frage interessieren, was es mit der SMS auf sich hat, die am 25. August 1998 von Jan W. auf das Handy ging, das die brandenburgischen Behörden Carsten S. zur Verfügung gestellt hatten: "HALLO. WAS IST MIT DEN BUMS?" Ging es dabei etwa um Waffen?

Sicher ist: Die auf "Piatto" zurückgehenden Hinweise, die drei Untergetauchten wollten sich Waffen beschaffen, sorgten bei den Behörden in Thüringen nicht für besonderen Alarm. Im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags hatte ein früherer V-Mann-Führer aus Thüringen erklärt, dass er es "heute nicht mehr sagen" könne, ob er daraufhin eigene Quellen wegen einer möglichen Waffenbeschaffung gefragt habe.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: