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Ermittler im NSU-Prozess: "Tür offen, ohne Schloss, Keller zugänglich"

Von , München

Die Angeklagte Beate Zschäpe im Oberlandesgericht in München: Mal interessiert, mal gelangweilt Zur Großansicht
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Die Angeklagte Beate Zschäpe im Oberlandesgericht in München: Mal interessiert, mal gelangweilt

Die rechtsextreme Terrorzelle NSU plante ihre Morde offenbar minutiös. Die Tatorte wurden detailliert ausgekundschaftet. Ein BKA-Beamter sagte vor dem Münchner Oberlandesgericht: Die Terroristen hatten viele weitere Ziele im Visier.

Wolfgang F. konnte seinen Geschäftspartner Theodoros Boulgarides nicht erreichen, als er ihn am 15. Juni 2005 anrief. Mehrfach wählte er die Nummer des 41-Jährigen. Boulgarides ging nicht ran. Das war ungewöhnlich, also fuhr F. am frühen Abend zu dem gemeinsamen Schlüsseldienstladen in der Münchner Trappentreustraße. Er öffnete die Tür, die ins Schloss gefallen war - und fand Boulgarides. Der Grieche lag reglos hinter dem Verkaufstresen auf dem Rücken in einer Blutlache.

Boulgarides war durch drei Kopfschüsse ermordet worden. Das erste Projektil war neben der rechten Nasenöffnung eingedrungen und hatte den Schädel durchschlagen. Zwei weitere Schüsse drangen im Kinnbereich ein, auch sie durchschlugen den Kopf.

Der Fall Theodoros Boulgarides gehört zu den zehn zwischen September 2000 und April 2007 verübten Morden, die der rechtsextremen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) zur Last gelegt werden. Neben Boulgarides wurden acht türkischstämmige Kleinunternehmer sowie eine Polizeibeamtin erschossen. Nun war der Fall Boulgarides Gegenstand der Verhandlungen im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht (OLG).

Boulgarides muss aus Sicht seiner Täter ein ideales Opfer gewesen sein: Die Aussagen eines Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) vor Gericht legen nahe, dass das mutmaßliche Terror-Trio aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die Anschläge minutiös plante. So wurde den Angaben von Roman G. zufolge in der letzten Wohnung des mutmaßlichen Trios in Zwickau umfangreiches Kartenmaterial zu 14 Städten mit Markierungen gefunden. Dazu habe es handschriftliche Eintragungen mit Hinweisen auf mögliche Tatvorbereitungen gegeben, sagte der BKA-Beamte.

"Ausspähnotizen" von vor Ort

Teilweise habe man in der ausgebrannten Wohnung nur noch Kartenreste sicherstellen können, sagte G. Die Brandstiftung wird der Hauptangeklagten Zschäpe zur Last gelegt. Dennoch ergab sich durch die Funde ein aufschlussreiches Bild darüber, wie die Terrorzelle offensichtlich ihre Taten plante. Der BKA-Beamte sprach vor Gericht von sichergestellten "Ausspähnotizen", deren Entstehung nur durch eine gezielte Anwesenheit vor Ort zu erklären sei.

So hieß es demnach in den Notizen etwa über ein mögliches Ziel in Nürnberg: "Café wie in Köln, Straße wirkt auch etwa so". Über einen türkischen Laden wurde festgehalten: "Gutes Objekt, geeigneter Inhaber, Lage ist akzeptabel". Über ein Asylbewerberheim in Nürnberg: "Tür offen, ohne Schloss, Keller zugänglich". In manchen Fällen wurden auch Bedenken notiert: "Keine besonders gute Lage, nur bei schlechtem Wetter ein Gedanke wert". Im Fall eines türkischen Imbisses: "Personal ist nicht optimal, vorher noch mal prüfen". Oder: "Guter Sichtschutz, Person aber alt, über 60" - offenbar wollten die Terroristen vor allem jüngere Migranten töten.

Die Notizen werden Mundlos und Böhnhardt zugeordnet. Sie sollen die Morde der Anklage zufolge unmittelbar ausgeführt haben. Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt. Sie soll dafür gesorgt haben, der Terrorzelle nach außen hin das Bild einer harmlosen Gruppe von Freunden zu verpassen.

Mal interessiert, mal gelangweilt

Die Terroristen hatten anscheinend viele Ziele im Visier. Allein zu den Städten Dortmund, München, Nürnberg und Kassel seien in der in Brand gesetzten Zwickauer Wohnung auf Stadtplänen sowie auf DVD und USB-Stick gespeicherten Adresslisten 267 Institutionen und Einrichtungen vermerkt gewesen, sagte der BKA-Mann. Darunter islamische und muslimische Einrichtungen, Asylbewerbereinrichtungen, aber auch Parteibüros, in vielen Fällen von der damaligen PDS.

Auf einer ausgedruckten Karte sei zudem eine Markierung in der Nähe der Trappentreustraße eingetragen, sagte Roman G. Die Täter hätten sich also offenbar "in der Nähe des späteren Tatorts befunden". Es ist der Moment, in dem die drei Verteidiger von Zschäpe protestieren. Beweiswürdigung sei nicht die Sache von Zeugen, sagt Rechtsanwalt Wolfgang Heer. "Was machen wir hier jetzt prozessual?", fragt wenig später Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl, als er Einwände gegen die Fragen des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl hat. "Das will ich mit Ihnen nicht diskutieren", entgegnet Götzl und fährt fort.

Auch eine Kriminalhauptkommissarin des BKA sagte aus. Ihre Schilderungen beleuchteten unter anderem mögliche Verbindungen des Angeklagten André E. zur Terrorzelle. In zwei Fällen seien bei einer Chemnitzer Firma Caravans auf den Namen von André E. angemietet worden, so die Beamtin. In der Zwickauer Wohnung sei zudem eine Buchungsbestätigung für eine Reise ins Pariser Disneyland im Juli 2011 gefunden worden - ausgestellt auf E., seine Frau sowie seine zwei Kinder. Bezahlt wurde die Reise demnach in bar von einer gewissen Lisa Pohl. Es ist einer der Namen, mit denen sich Zschäpe getarnt haben soll.

Zschäpe verfolgte die Ausführungen mal interessiert, mal gelangweilt. Gelegentlich tuschelte sie mit Anwalt Heer. Und als der BKA-Beamte ausführlich über den Mord an Theodoros Boulgarides berichtete, sah sie so aus, als würde sie jeden Moment einnicken.

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