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NSU-Prozess: Der dubiose Schweizer

Von , München

NSU-Prozess: Die Angeklagte Zschäpe neben ihren Anwälten Sturm und Heer Zur Großansicht
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NSU-Prozess: Die Angeklagte Zschäpe neben ihren Anwälten Sturm und Heer

Die Münchner Justiz bot ihm freies Geleit, doch Hans-Ulrich M. lässt sich bislang nicht zu einer Vernehmung in Deutschland bewegen. Im NSU-Prozess wäre die Aussage des Schweizers allerdings von großem Interesse.

Es war ein Gespräch in entspannter Atmosphäre, aber das Ergebnis blieb für die deutschen Behörden ernüchternd: Am 1. Juli telefonierte ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) mit Hans-Ulrich M., um ihn von der Notwendigkeit einer Vernehmung in Deutschland zu überzeugen.

Der Schweizer signalisierte zunächst seine grundsätzliche Aussagebereitschaft, wie der BKA-Beamte Stefan K. jetzt im NSU-Prozess sagte. Hans-Ulrich M. habe dann aber auf seine "Angst vor strafrechtlicher Verfolgung" verwiesen.

Nach Überzeugung der Anklage nimmt Hans-Ulrich M. eine wichtige Rolle beim Weg der Ceska 83 nach Deutschland ein, mit der neun Menschen erschossen wurden - für die Morde wird der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) verantwortlich gemacht. Hans-Ulrich M. soll 1996 seinem Landsmann Peter Anton G. zwei Waffenerwerbsscheine abgekauft haben, die auf den Namen von G. ausgestellt waren. So hatte es vor dem Münchner Oberlandesgericht zuletzt auch ein Berner Staatsanwalt unter Berufung auf Aussagen von Peter Anton G. gesagt. G. bestellte demnach die Ceska, ließ sie sich nach Hause liefern und übergab das Paket an Hans-Ulrich M. Dieser habe die Ceska nach Deutschland liefern wollen, weil es dort für "bestimmte Kreise" schwierig sei, an Waffen zu kommen, hatte G. in der Schweiz ausgesagt.

Zwei ergebnislose Telefonate

Diesen Schilderungen hatte Hans-Ulrich M., der zwischenzeitlich in seiner Heimat für 60 Tage in Untersuchungshaft saß, in Vernehmungen in der Schweiz widersprochen: Er habe kein Waffengeschäft mit Peter Anton G. getätigt und auch keine Waffe nach Deutschland geliefert, sagte er.

Der Versuch, Hans-Ulrich M. zu einer Aussage in Deutschland zu bewegen, scheiterte bislang. Dabei hatte man dem Mann, der offenbar finanzielle Schwierigkeiten hat, praktisch alles geboten, was möglich war: etwa einen kostenlosen Zeugenbeistand. Auch gab es eine Zusicherung des Gerichts, ihn nicht zu belangen: Hans-Ulrich M. sei "unter Zusicherung freien Geleits" geladen worden, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl.

In den Telefonaten mit dem BKA-Beamten hatte der Schweizer seine Ablehnung schließlich unter anderem damit erklärt, dass man in Deutschland "schnell vom Zeugen zum Beschuldigten" werden könne. Auch eine neuerliche Befragung in der Schweiz lehnte er ab. "Ich konnte ihn letztlich nicht überzeugen", sagte der BKA-Beamte vor Gericht. Im zweiten Telefonat habe man gespürt, dass Hans-Ulrich M. das Gespräch "zeitnah" beenden wolle, so der BKA-Beamte.

Die frühere Frau von Hans-Ulrich M. hatte den Schweizer bereits in den Neunzigerjahren in Erfurt wegen illegaler Waffengeschäfte angezeigt. Dabei ging es unter anderem um Schießkugelschreiber.

"Ich kann mich nur repetieren"

Das Gericht versuchte am Mittwoch, sich mit Hilfe eines pensionierten Schweizer Gerichtspräsidenten den früheren Aussagen von Hans-Ulrich M. zu nähern. Der Jurist hatte die Untersuchungshaft gegen Hans-Ulrich M. angeordnet, konnte sich in München aber nicht mehr an die Vernehmung erinnern.

Immer wieder konfrontierte Götzl den 64-Jährigen mit Passagen aus Gerichtsprotokollen und fragte, ob dies Erinnerungen auslöse. "Ich weiß einfach nichts mehr, ich kann Ihnen keine Fragen beantworten", lautete die Antwort. Als Pensionär habe er keine Akten mehr einsehen können, um sich vorzubereiten, sagte der frühere Gerichtspräsident. Zudem sei seine Tätigkeit als Haftrichter "ein Nebengeschäft" gewesen - er sei vor allem mit Zivilangelegenheiten beschäftigt gewesen.

Götzl zeigte sich minutenlang unbeeindruckt und las aus Protokollen vor: "Kommt da jetzt eine Erinnerung?", fragte er mehrfach - und die Antwort im schönsten Schwyzerdütsch lautete: "Ich kann mich nur repetieren - nein."

Der genaue Weg der Ceska ist für das Gericht auch deshalb von Interesse, weil die Mitangeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S. die Waffe für die mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beschafft haben sollen.

Hans-Ulrich M. lebte in den Neunzigerjahren in Thüringen und war dort mit Enrico T. befreundet, der auf dieselbe Schule ging, die auch Wohlleben und Böhnhardt besuchten. Enrico T. soll einer der Mittelsmänner bei der Weitergabe der Waffe gewesen sein.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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