NSU-Prozess 55 Fragen an Beate Zschäpe

Die Verteidiger von Beate Zschäpe hatten sich gewünscht, die Fragen an ihre Mandantin schriftlich zu erhalten. Denkste: Richter Manfred Götzl las der Hauptangeklagten im NSU-Prozess einen Fragenkatalog vor, der es in sich hat.

Von , München

Beate Zschäpe: "Wie war es zwischen Ihnen und Böhnhardt?"
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Beate Zschäpe: "Wie war es zwischen Ihnen und Böhnhardt?"


Auf ruhige Weihnachten wird sich Beate Zschäpe auch in diesem Jahr vermutlich nicht freuen können. Denn der Senat, der den NSU-Prozess in München verhandelt, hat ihr 55 Fragen mitgegeben, die sie über die Feiertage beantworten kann. Der Vorsitzende Manfred Götzl übergab diese Fragen nicht in schriftlicher Form, so wie es die Neuverteidiger Zschäpes gewollt hatten. Er las den Katalog vor, und Anwalt Mathias Grasel musste aufpassen, dass er mit dem Mitschreiben hinterher kam.

Noch ehe Götzl mit der Auflistung dessen begann, was das Gericht für noch nicht beantwortet hält, hatte Grasel am Dienstag erklärt, seine Mandantin fühle "sich nach wie vor nicht in der Lage, Fragen selbst zu beantworten". Außerdem sei nicht auszuschließen, dass es dabei zu Missverständnissen und dadurch zu Fehlinformationen komme.

"Wie war es zwischen Ihnen und Böhnhardt?"

Die ersten Fragen des Gerichts waren Routinefragen: Ob Zschäpe auch vor 2006 schon Alkohol und wenn ja, wie viel, wie oft und mit welcher Wirkung konsumiert habe? Denn in ihrer Erklärung hatte die Hauptangeklagte im NSU-Prozess vortragen lassen, sie habe während der Abwesenheit von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos etwa drei bis vier Flaschen Sekt täglich getrunken, "bis ich angetrunken war". Jene Gefährten, von denen sie sich laut der Erklärung nicht habe trennen können, schließlich sei sie ja auch finanziell abhängig gewesen.

Der Senat fragte nach Drogenkonsum, nach ernsthaften Erkrankungen. Das ist im Strafprozess üblich. Dann aber ging es um die mit Grasel und Neuverteidiger Nummer zwei Hermann Borchert verfasste Erklärung. Zum kleineren Teil sollen Fakten präzisiert werden, zum größeren aber geht es um Fragen, deren Beantwortung Zschäpe nicht leicht fallen wird.

Welche politische Einstellung hatten Böhnhardt und Mundlos? Wie standen die beiden Männer zu Waffen, wie zum Thema Gewaltanwendung? "Wie war das Verhältnis unter Ihnen dreien? Wie war es zwischen Ihnen und Böhnhardt? Wie zwischen Ihnen und Mundlos? Wie standen die beiden Männer zueinander?"

Zschäpe wird Namen und Details nennen müssen: Wer war bei der Abholung jenes Wohnmobils am 25. Oktober 2011 dabei, in dem Böhnhardt und Mundlos später starben? Wieso führte die erste Fahrt nach Leipzig? Wer fuhr den Wagen? Nach Recherchen der Nebenklage war Ziel jenes Krankenhaus, in dem der wegen Unterstützung des NSU mitangeklagte André E. nach einem Arbeitsunfall lag. Bis zuletzt gab es offenbar eine enge Verbindung zwischen Zschäpe und der Familie E.

Fragen gegen die Worthülsen

Wer hatte den Schlüssel zu jener Garage in Jena, die Zschäpe angemietet und Böhnhardt und Mundlos zur Verfügung gestellt hatte? In der Sprengstoff, Schwarzpulver, vier im Bau befindliche Rohrbomben, Adresslisten und jede Menge rechtsextremer Schriften übelster Art lagerten? Wie stand Zschäpe zu Susann E., der Ehefrau André E.s? Wieso war sie sich sofort sicher, dass es sich bei der Radionachricht von einem brennenden Wohnmobil in Eisenach um das von Böhnhardt und Mundlos handelte?

Worthülsen, die sich in der Erklärung finden, fragt Götzl mit unverhohlenem Interesse nach: "Was meinen Sie mit ...?" "Welche Anhaltspunkte gibt es dafür, dass ...?" Dass Böhnhardt sich etwa "niemals untergeordnet" hätte, was bedeutet das? Dass beide Uwes ihr Leben für "verkackt" gehalten und aus "Perspektivlosigkeit, Gefängnis und insgesamt bestehender Frustration" getötet haben sollen? Welche "Ausflüchte" benutzten die beiden Männer auf Zschäpes angebliche Frage, warum sie nicht ein Waffengeschäft ausgeraubt hätten, wenn sie eine funktionstüchtige Waffen gewollt hätten - anstatt die Polizistin Kiesewetter zu töten und deren Kollegen Martin A. schwer zu verletzen?

Was muss man sich vorstellen, wenn Zschäpe erklären lässt, die Uwes hätten ihr "in gewisser Weise" misstraut? Welche Vorstellungen hatten die beiden Männer hinsichtlich einer Auswanderung nach Südafrika, nachdem sie von der Polizei gesucht wurden? Was wurde über Köln gesprochen, wo der Rohrbombenanschlag auf ein iranisches Geschäft in der Probsteigasse und der verheerende Nagelbombenanschlag in der Keupstraße stattgefunden hatten?

Götzl gestattet Fragen von allen Beteiligten

"Sie, Frau Zschäpe, schreiben, Sie hätten resigniert? Was meinen Sie damit? Welche 'inhaltslosen Floskeln' verwendeten die Uwes bei Ihrer Frage nach dem 'Warum'?" Dann wird es besonders unangenehm: "Wo haben Sie sich nach dem Brand im Einzelnen aufgehalten? Welche Informationen haben Sie zur Auswahl der Opfer in Heilbronn (Fall Kiesewetter)?"

Anklagevertreterin Anette Greger fügte Fragen hinzu, die Zschäpe voraussichtlich mit nein beantworten wird und damit geradewegs in die Falle des Teilschweigens tappen könnte: "Welche Kenntnisse hatte Susann E. von den Taten?" Oder: "Hatten Sie oder Böhnhardt und Mundlos während der Zeit des Untertauchens Kontakt zu Personen, die nicht als Zeugen hier gehört wurden, und wenn ja, zu welchen?" Oder: "Wurden zwischen 1998 und 2011 weitere Wohnungen, Wohnwagen oder Lager benutzt, die nicht in der Anklage aufgeführt sind?"

Die meisten Anwälte der Nebenklage schienen nicht darauf vorbereitet, dass Götzl auch sie aufforderte, Fragen zu stellen. Denn Zschäpe hatte ihnen ja schon ausrichten lassen, Fragen der Opfer nicht zu beantworten. Doch Fragen gestattet Götzl allen Verfahrensbeteiligten - den Opferanwälten ebenso wie dem psychiatrischen Sachverständigen. Wenn Zschäpe dann jeweils schweigt, ist das ihre Entscheidung.

Nach dieser Woche beginnt im NSU-Prozess die Weihnachtspause. Am 12. Januar wird er fortgesetzt. Wann genau die Antworten zu erwarten sind, ist noch unklar.

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