Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Zwickauer Nachbarin der NSU-Zelle: Gericht will offenbar 92-jährige Zeugin im Heim befragen

Von

Letztes Versteck der Terrorzelle NSU in Zwickau: Nichten retteten Charlotte E. aus brennendem Haus Zur Großansicht
DPA

Letztes Versteck der Terrorzelle NSU in Zwickau: Nichten retteten Charlotte E. aus brennendem Haus

Beate Zschäpe setzte laut Anklage die NSU-Wohnung in Zwickau in Brand, ihre Nachbarin Charlotte E. überlebte. Die 92-Jährige ist dement, eine Befragung kaum zumutbar. Doch das Münchner Gericht plant nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen offenbar, sie in ihrem Heim zu befragen.

Charlotte E. wäre eine wichtige Zeugin im Münchner NSU-Prozess. Anscheinend ist dies so verführerisch, dass Begriffe wie Verhältnismäßigkeit oder Mitgefühl leicht auf der Strecke bleiben. Frau E. wäre wichtig, wenn - ja wenn die mittlerweile 92 Jahre alte Dame noch in der Lage wäre, einem Gericht Rede und Antwort zu stehen. Doch sie ist nicht nur körperlich schwer beeinträchtigt, sondern versteht auch wegen fortschreitender Demenz immer weniger, was um sie herum vorgeht.

Frau E. wäre deshalb so wichtig, weil sie bis zum 4. November in der Wohnung neben Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in der Zwickauer Frühlingsstraße gewohnt hatte, ehe Zschäpe laut Anklage der Bundesanwaltschaft ihre eigene Bleibe in Brand setzte. Zschäpe wollte damit offenbar alle Spuren, die auf die mutmaßlichen Verbrechen des Trios hinwiesen, vernichten.

Mehr im SPIEGEL
Das Feuer richtete dabei nicht nur in der Zschäpe-Wohnung schwere Schäden an. Durch eine Explosion wurde auch der Dachstuhl des Hauses größtenteils weggesprengt und die Nachbarwohnung Frau E.s in Mitleidenschaft gezogen. Die alte Frau kam zwar mit dem Leben davon, weil ihre Nichten die schwerhörige und auf einen Rollstuhl angewiesene Greisin rechtzeitig in Sicherheit brachten. Seitdem aber hat Frau E. keine eigenen vier Wände mehr, denn das baufällige Haus wurde inzwischen abgerissen. Den Rest ihrer Tage muss sie in einem Pflegeheim verbringen, verwirrt und sich nach ihrem Zuhause sehnend, was ihrem Allgemeinzustand nicht zuträglich ist. "Sie ist überhaupt nicht gut drauf", sagt ihr Neffe.

Angeblich soll Zschäpe, ehe sie die Brandstätte an jenem 4. November verließ - in einem Korb ihre Katzen rettend - , bei Frau E. geklingelt haben. Um die Nachbarin auf die Gefahr aufmerksam zu machen? Aber: Hätte sich die Frau überhaupt aus eigener Kraft retten können? Demnach wäre sich Zschäpe der möglicherweise bedrohlichen Folgen bewusst gewesen, die durch die Brandlegung hätten entstehen können. Handwerker, die eine Wohnung renovierten, hatten damals das Haus verlassen, als das Feuer ausbrach. Es war Zufall. Auch sie hätten in Lebensgefahr geraten können. Im übrigen aber soll auch einer von ihnen geklingelt haben.

Frau E. wäre eine wichtige Zeugin vor allem deshalb, weil sie vielleicht, als es ihr noch besser ging, mitbekommen haben könnte, was in der Zschäpe-Wohnung vor sich ging. Sie könnte Beobachtungen gemacht haben über das Treiben der drei Bewohner, sie hatte möglicherweise mit Zschäpe oder den beiden Uwes den einen oder anderen Kontakt. Der Münchner Senat versuchte daher, Frau E. auf Rat eines medizinischen Sachverständigen am 20. Dezember vergangenen Jahres wenigstens per Video zu vernehmen. Der Zustand der Zeugin, so der Gutachter, habe ihr Erscheinen vor Gericht nicht mehr zugelassen, aber "unter optimalen Umständen" hätte sie vielleicht etwas zur Aufklärung beitragen können.

Soll auch Zschäpe mit ins Heim?

Die Zschäpe-Verteidigung hatte ursprünglich auf eine konfrontative Befragung Frau E.s gedrungen. Doch mittlerweile sagen auch die Anwälte: zu spät.

Denn auch die Video-Vernehmung stellte sich schon als keineswegs optimal heraus. Die alte Dame verstand nicht, dass der Vorsitzende Richter auf dem Fernsehschirm erschien und mit ihr zu sprechen versuchte; dass sie sich also mit dem Fernseher hätte unterhalten sollen. Ihre Hilflosigkeit mitansehen zu müssen, war für alle Beteiligten eine Qual. Und für die alte Dame war die ganze Veranstaltung, für die man sie hergerichtet hatte, eine Tortur. Nach diesem Vernehmungsversuch sei sie so verwirrt und verstört gewesen, dass sie nicht einmal mehr die engsten Angehörigen erkannt habe, sagt ihr Neffe.

Am Montag nun verlautete in München, dass der Senat offenbar in kleiner Besetzung - mit dem Vorsitzenden, einem Vertreter der Bundesanwaltschaft und den Zschäpe-Verteidigern - die Zeugin am 16. Mai in Zwickau aufsuchen will, um noch einmal zu versuchen, sie zu einer Aussage zu bewegen. Gegebenenfalls solle auch Zschäpe dabeisein - mit dem entsprechenden Polizeiaufgebot. Die Vernehmung durch diese Rumpftruppe soll überdies angeblich in Abwesenheit der Betreuerin von Frau E., einer Angehörigen, stattfinden. Die Aktion soll anscheinend geheim bleiben. Auch die Heimleiterin wurde zu strengster Diskretion aufgefordert. Was soll dabei herauskommen?

Frau E. ist schon durch den Verlust ihrer Wohnung - in ihrem Alter eine Katastrophe - geschädigt. Ihre Familie befindet sich in heller Aufregung und befürchtet das Schlimmste.

Mit Verlaub und allem Respekt vor der Notwendigkeit genauester Aufklärung: Wenn Zschäpe nur mit solchen Mitteln eine Straftat nachgewiesen werden kann, dann sollte die Justiz darauf verzichten. Aufklärung um jeden Preis gibt es nicht im Rechtsstaat.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: