Ferienbilder im NSU-Prozess Der Ostsee-Urlaub nach dem Anschlag

Im Juni 2004 verübten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in Köln einen Bombenanschlag, sechs Wochen später ging es mit Beate Zschäpe an die Ostsee. Im NSU-Prozess wurden nun Fotos aus dem Urlaub gezeigt - sie könnten wichtig werden.

Urlaubsfoto von Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe (2004)
REUTERS/Bundeskriminalamt

Urlaubsfoto von Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe (2004)

Von Wiebke Ramm, München


Es wirkt wie ein entspannter Sommerurlaub. Beate Zschäpe sitzt in der Sonne und liest "Das Testament" von John Grisham. Uwe Mundlos steht in Badehose in der Ostsee. Uwe Böhnhardt hat seinen Kopf in Zschäpes Schoß gelegt. Knapp 130 Urlaubsfotos lässt der Senat am Mittwoch im NSU-Prozess an zwei Wände des Saals des Oberlandesgerichts München projizieren. Die Fotos waren auf einer CD mit dem Titel "Urlaub 2004" gespeichert. Sie lag im Brandschutt der Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in der Zwickauer Frühlingsstraße.

Beate Zschäpe betrachtet sich und ihre Lebensgefährten an diesem 282. Verhandlungstag von der Anklagebank aus. Eben hat sie noch konzentriert mehrere bedruckte DIN-A4-Seiten durchgearbeitet. Offensichtlich sind es ihre Antworten auf die Fragen des Senats, die ihr Anwalt am nächsten Tag vorlesen will. An mehreren Stellen scheint sie mit der Formulierung nicht einverstanden, spricht zu ihrem Verteidiger Mathias Grasel. Er streicht Worte durch, macht sich Notizen am Rand.

Zeitgleich verliest der Senat Schriftstücke. Darunter etwa die Vollmacht eines Anwalts für einen Zeugen. Nichts, was Zschäpes Konzentration stört. Erst als Richter Manfred Götzl zu den Urlaubsfotos kommt, unterbricht sie ihre Arbeit, greift zur Brille und schaut auf die Bilder an der Wand.

War Zschäpe entsetzt?

Die Fotos zeigen die mutmaßlichen NSU-Terroristen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe, wie sie auf einer Bank sitzen und Eis essen, mit einem Motorboot auf dem Wasser schippern, klönend am Campingtisch sitzen. Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos sind mal jeweils alleine zu sehen, mal zu zweit, mal zu dritt. Dazwischen Landschaftsfotos.

Die Fotos, auf denen alle drei zu sehen sind, seien mit Selbstauslöser oder von Passanten gemacht worden, erklärt Grasel auf Nachfrage. "Ist das so zutreffend, Frau Zschäpe?", fragt der Richter. Zschäpe nickt.

Ganz normale Urlaubsbilder also? Nebenklagevertreter sehen das anders. Die Fotos sollen die mutmaßlichen NSU-Terroristen im Urlaub in Schleswig-Holstein zeigen, sechs Wochen nachdem Mundlos und Böhnhardt am 9. Juni 2004 einen Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße verübt haben. Die Bilder seien dazu geeignet, Zschäpes Einlassung "in wesentlichen Punkten" zu widerlegen, heißt es in dem Beweisantrag der Anwälte Reinhard Schön und Eberhard Reinecke. Auf ihren Antrag hin präsentiert das Gericht an diesem Tag die Fotos.

Im Dezember 2015 hatte Zschäpe vor Gericht erklären lassen, sie sei "entsetzt" gewesen, als Mundlos und Böhnhardt ihr von dem Anschlag erzählt hätten. Sie sei damals zudem davon "überzeugt" gewesen, dass die beiden auf Fahndungsbildern, die nach dem Anschlag veröffentlicht wurden, erkannt würden und "unsere Verhaftung bevorstünde". Sie habe fortan auch nicht mehr darauf vertraut, dass die Männer ihr "die Wahrheit über ihre Vorhaben berichteten".

Reinecke und Schön sehen diese Angaben durch die Fotos widerlegt. Die Bilder zeigten keinerlei Disharmonien zwischen den dreien, sagen sie. Zschäpes angebliches Entsetzen über den Anschlag habe es nie gegeben, meinen sie. "Die Fotos belegen vielmehr das besonders innige Verhältnis der Angeklagten zu Uwe Böhnhardt", so die Anwälte in ihrem Antrag. Allerdings hat Zschäpe selbst mehrfach betont, dass sie Böhnhardt geliebt hat.

Senat lehnt Befragung eines V-Manns ab

Was die Richter auf den Bildern sehen, behalten sie an diesem Tag für sich. Möglicherweise verraten sie es am Tag der Urteilsverkündung. Und dieser Tag ist am Mittwoch ein wenig näher gerückt. Denn der Senat hat den Antrag abgelehnt, Ralf M., ehemaliger V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz, als Zeugen zu hören. Auch sein V-Mann-Führer soll nicht vor Gericht aussagen und auch Akten über Ralf M. sollen nicht herangezogen werden.

Für die Aufklärung der angeklagten Taten seien die Tatsachen, die die Nebenklagevertreter durch die Befragung von Ralf M. beweisen wollten, "tatsächliche ohne Bedeutung", so Götzl.

Neonazi M. hatte unter dem Decknamen "Primus" in der rechten Szene gespitzelt. Es gibt Spekulationen, dass er Mundlos im Jahr 2000 oder 2001 in seiner Baufirma und Zschäpe in seinem Laden für rechte Szenekleidung beschäftigt habe. Der Senat hält es trotzdem nicht für notwendig, "Primus" zu befragen.

Selbst wenn Mundlos und Zschäpe für M. gearbeitet hätten, hätte dies "keine Aussagekraft auf die mögliche Verwirklichung der angeklagten Taten oder über die mögliche Schuld der Angeklagten", sagt Götzl. "Ein Aufklärungsgewinn für das Verfahren ist nicht zu erwarten." Er sagt auch: "Der Senat ist nicht zur ausufernden Aufklärung verpflichtet."

Ralf M. soll in der Schweiz leben. Eine Zeugenladung wäre kompliziert und womöglich zeitaufwendig geworden. Der Senat verzichtet darauf. Damit wird wahrscheinlicher, dass noch in diesem Jahr die Plädoyers beginnen können, vielleicht sogar das Urteil fällt.

VIDEO: Fitness auf Fehmarn - NDR dreht zufällig Beate Zschäpe im Sommer 2011

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