Carsten S. im NSU-Prozess Die Reifefrage

Carsten S. besorgte die Waffe, mit der die mutmaßlichen NSU-Terroristen neun Menschen erschossen. Einem Gutachter erzählte er, wie er der rechten Szene entsagte. Seine Chancen auf ein mildes Urteil könnten dadurch steigen.

Von , München

Angeklagter Carsten S. (Archiv): "Ergriffen und mit Tränen in den Augen"
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Angeklagter Carsten S. (Archiv): "Ergriffen und mit Tränen in den Augen"


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Zwei Schlüsselerlebnisse drängten Carsten S. zum Rückzug aus der rechten Szene. Einmal, als Polizeibeamte im August 2000 die Wohnung seiner Eltern durchsuchten und ihn in Gewahrsam nahmen. Seine Mutter und sein Vater warteten auf dem Polizeirevier, bis er die Zelle verlassen durfte und nahmen ihn wieder mit nach Hause. Das überraschte ihn, damit hatte er nicht gerechnet. Hatte er sich doch auch den Rechtsextremisten angeschlossen, um seine Eltern zu provozieren, zu schockieren.

So schilderte es Carsten S. zumindest dem forensischen Psychiater Professor Norbert Leygraf, der am 193. Verhandlungstag im NSU-Prozess sein Gutachten zu dem heute 35-Jährigen vorstellte. Leygraf soll eine Einschätzung abgeben, ob der Jüngste der fünf Angeklagten nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht zu beurteilen ist.

Das zweite Schlüsselerlebnis im Leben des Carsten S. folgte zeitnah auf das erste: Carsten S. wollte nach seinem Aufenthalt in Polizeigewahrsam von der rechten Szene als Märtyrer gefeiert werden, doch statt Applaus erntete er Spott. "Das hat ihn gekränkt", sagt Leygraf am Mittwoch vor Gericht.

Die Frage nach der Reife

Carsten S. habe sich daraufhin entschlossen, auszusteigen. Kurz zuvor allerdings hat er eigenen Angaben zufolge die Straftat begangen, die ihn neben Beate Zschäpe auf die Anklagebank gebracht hat: Carsten S. soll im Auftrag des ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben die Ceska 83 samt Munition und Schalldämpfer besorgt haben, mit der vermutlich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft in den Kopf schossen.

Der Angeklagte hat zugegeben, die Pistole nach Chemnitz gebracht und sie dort in einem Abbruchhaus den beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen übergeben zu haben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor.

Carsten S. war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt. Wie weit gereift war seine Persönlichkeit zur Tatzeit und in den Jahren zwischen 1996 und 2000, als er fest in der rechten Szene Jenas integriert war? Glich seine psychische Entwicklung der eines Jugendlichen? Oder der eines Erwachsenen?

Carsten S. erlebte Homosexualität als Makel

15 Jahre später eine genaue Feststellung der Persönlichkeit zum damaligen Zeitpunkt zu machen, sei "kaum mehr möglich", sagt Gutachter Leygraf. Carsten S. habe sich im Alter zwischen 16 und 20 Jahren in einer Phase befunden, "in der noch viel Entwicklungspotenzial möglich war". "Erwachsenwerden ist kein gleichförmiger Prozess, es gibt Sprünge und Unterschiede bei einzelnen Persönlichkeitsbereichen", sagt Leygraf. Doch da Carsten S. als Kontaktperson für das Trio ausgewählt worden sei, könne er "nach außen hin keinen jugendlich unbedarften Eindruck" gemacht haben.

Ein großes Thema im damaligen Leben von Carsten S. war dessen Homosexualität. Laut Leygraf stellte Carsten S. sie zwar früh fest, erlebte diese jedoch als Makel und hoffte - spätestens nach der Lektüre eines Artikels in der Zeitschrift "Bravo" - dass es sich bei seiner homosexuellen Orientierung um eine Entwicklungsphase handelt, die wieder in Heterosexualität umschlagen kann.

Ausgerechnet die rechte Szene, die ihre Abneigung gegen Homosexuelle gern zur Schau stellt, habe eine Anziehungskraft auf ihn ausgeübt. Es sei nicht selten der Fall, sagt Leygraf, dass sich Menschen, die eine homosexuelle Veranlagung in sich spürten, auf Kreise fixierten, die diese eher ablehnten.

Gute Chancen auf Urteil nach Jugendstrafrecht

Carsten S. sei fasziniert gewesen von dem "betonten Männlichkeitsideal", die szenetypische Kleidung habe ihn ebenso sexuell angezogen wie einzelne Personen, auch wenn er sich das damals nicht habe eingestehen können. So habe ihn die erste Begegnung mit Uwe Böhnhardt so nachhaltig beeindruckt, dass er sie noch im Gespräch mit Gutachter Leygraf "ergriffen und mit Tränen in den Augen" geschildert habe.

Aufgrund seiner nicht eingestandenen Homosexualität hinkte Carsten S. seiner Entwicklung hinterher, wie Leygraf sagt. Erst im Alter von 20 Jahren habe Carsten S. seine Homosexualität akzeptiert, mit 22 habe er erste homosexuelle Kontakte gehabt. Diese "mangelnde sexuelle Identitätsfindung" habe die Festigung seiner Persönlichkeit verzögert, so der Sachverständige.

Das Coming-out bedeutete für Carsten S. zugleich den Abschied aus der rechten Szene. Entsprechend kommt Leygraf zu dem Schluss, der Ausstieg sei nicht Folge einer Auseinandersetzung mit der Ideologie. Die Gründe von Carsten S. waren rein persönlich. Überhaupt seien dessen Angaben zu seiner rechtsradikalen Einstellung sowie seinen damaligen Aktivitäten "blass und wenig konkret" geblieben, vieles habe er bagatellisiert.

Dennoch stehen die Chancen für Carsten S., der als erster Angeklagter umfassend ausgesagt und sich bei den Opfern entschuldigt hat, nach Vorstellung des Gutachtens gut. Folgt der 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München Leygrafs Einschätzung könnte der 35-Jährige als Heranwachsender eingestuft und nach Jugendstrafrecht verurteilt werden.


Zusammengefasst: Carsten S., der im NSU-Prozess wegen mehrfacher Beihilfe zum Mord angeklagt ist, könnte nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden. Er war erst 19 Jahre alt, als er die mutmaßliche Tatwaffe übergab. Seine Chancen hierfür sind nach dem 193. Verhandlungstag wohl gestiegen: Ein Gutachter bescheinigt ihm, dass die Festigung seiner Persönlichkeit im Tatzeitraum verzögert war, da er seine Homosexualität lange nicht akzeptieren wollte.



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