Nebenkläger im NSU-Prozess Zeugen sollen von Anwalt gedrängt worden sein

Im NSU-Prozess geht der Streit über das Engagement von Nebenklage-Vertretern weiter. Ein Zeuge berichtete nun von fragwürdigem Verhalten eines Anwalts.

Beate Zschäpe vor Gericht: Verteidiger kündigten Erklärung an
DPA

Beate Zschäpe vor Gericht: Verteidiger kündigten Erklärung an


München - Im NSU-Prozess ist ein Streit darüber entbrannt, ob einige Nebenkläger rechtmäßig als Prozessbeteiligte zugelassen wurden. Es geht dabei um Geschädigte des Kölner Nagelbombenanschlags im Juni 2004. Bei dem Anschlag in der Keupstraße waren 22 Menschen verletzt worden, einige von ihnen schwer.

Offenbar hat ein Anwalt der Nebenklage vor Beginn des NSU-Prozesses gezielt nach möglichen Geschädigten gesucht und diese in das Verfahren gedrängt. Das sagte zumindest ein Zeuge aus, der am Donnerstag vom Gericht befragt wurde. Der Anwalt der Nebenklage habe ihn gedrängt, sich dem Verfahren anzuschließen.

"Ich habe ihm ganz deutlich gesagt, dass wir das ablehnen", berichtete der Mann. Er sei darum überrascht gewesen, als er einige Wochen später Post vom Oberlandesgericht (OLG) München erhalten habe und ihm mitgeteilt worden sei, dass er als Nebenkläger zugelassen worden sei. Auf seine Nachfrage bei dem Juristen habe dieser ihm erklärt, er habe gehofft, ihn doch noch als Mandanten zu gewinnen.

Untermauert wurden die Vorwürfe gegen den Anwalt von der Schwiegermutter des Zeugen, deren Vertretung der Jurist ebenfalls angezeigt hatte. Sie sei sich sicher, nie mit dem Anwalt gesprochen zu haben, sagte die Frau vor Gericht aus.

Bereits am Vortag war es zu Unstimmigkeiten gekommen. Einen Kommentar dazu finden Sie hier.

Der betroffene Anwalt erschien am Donnerstag nicht zur Verhandlung in München. Eine Sprecherin des Gerichts wollte keine Stellungnahme zu dem Vorfall abgeben. Das Gericht müsse ihn zunächst prüfen.

Die Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe und des Mitangeklagten Ralf Wohlleben kündigten für kommende Woche Erklärungen dazu an. Sie hegen den Verdacht, dass einige Nebenkläger zu Unrecht zum Verfahren zugelassen wurden.

Die einschlägigen rechtlichen Bestimmungen, darunter die Bundesrechtsanwaltordnung und das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, setzen der Werbung von Anwälten enge Grenzen. Das gilt besonders für Werbung um die Erteilung eines Auftrags im Einzelfall. Im Vorfeld des Prozesses war bereits die Frage aufgeworfen worden, ob einige Anwälte diese Vorschrift missachtet haben könnten. Beim NSU-Prozess sind 92 Nebenkläger zugelassen, die von 63 Anwälten vertreten werden.

jbe/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.