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NSU-Prozess: Besuch von "den Geklonten"

Von , München

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DPA

Angeklagte Beate Zschäpe: Zwillingsbrüder halfen im Untergrund

Als Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in den Untergrund gingen, konnten sie sich auf ihr Netzwerk verlassen. Bei dem Mann, der ihnen seinen Personalausweis lieh, taten sich im NSU-Prozess große Erinnerungslücken auf.

München - Die Hilfsbereitschaft von Gunther F. nahm erstaunliche Züge an, als er von einem Freund um Unterstützung für drei Leute gebeten wurde. Schließlich kannte er die zwei Männer und die Frau nicht, die 1998 auf der Suche nach einem Unterschlupf waren. Von seinem Freund, einem Mitglied der sächsischen Division des Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour", wusste er nur dies: dass sie "vor der Polizei abgehauen sind".

So sagte es Gunther F., ein groß gewachsener Metallbauer aus Chemnitz mit kurzen Haaren und Tattoo am Nacken, am Mittwoch als Zeuge im NSU-Prozess. Er habe das Trio auch nicht nach dem Grund ihrer Flucht gefragt: "Ich wollte nicht indiskret sein."

Bei den zwei Männern und der Frau handelte es sich um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, die gemeinsam am 26. Januar 1998 untergetaucht waren und der Anklage zufolge im Lauf jenes Jahres die terroristische Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gründeten.

"Ich wollte halt helfen"

Zusammen mit seinem Zwillingsbruder fuhr Gunther F. das Trio damals zunächst zu einer Bekannten, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt schließlich vorübergehend in der Chemnitzer Wohnung ihres Freundes unterbrachte.

Hin und wieder besuchten die Zwillingsbrüder, die sich damals in der rechtsextremen Szene bewegten und dort als "die Geklonten" bekannt waren, dann auch die Untergetauchten. "Die langweilen sich vielleicht in der Wohnung", dachte Gunther F. damals, wie er jetzt vor Gericht sagte.

Man habe sich bei den Treffen lediglich über Belanglosigkeiten unterhalten, gab der 37-Jährige zu Protokoll. An Details könnte er sich nicht erinnern. Wie viele Zeugen aus der rechten Szene im NSU-Prozess zeichnete sich auch Gunther W. durch Wortkargheit und Erinnerungslücken aus.

Als es dann beim ersten oder zweiten Besuch beim Trio um die Frage ging, ob er seinen Personalausweis zur Verfügung stellen könne, damit einer der beiden Uwes damit einen Reisepass beantragen konnte, war das offenbar auch keine allzu große Sache für Gunther F.: "Ich nahm an, sie wollen ins Ausland", sagte der Zeuge vor Gericht. Deshalb habe er seinen Ausweis zur Verfügung gestellt. Zwar habe er dabei kein gutes Gefühl gehabt, "aber ich wollte halt helfen".

"Das sehe ich zum ersten Mal"

Als die drei aber nach mehreren Wochen immer noch in Chemnitz waren, forderte er die Herausgabe des falschen Reisepasses und vernichtete ihn seinen Angaben zufolge.

Laut der Anklage reichte die Hilfe von Gunther F. noch deutlich weiter: Demnach überließ er Böhnhardt ein Papier mit detaillierten Angaben zu seinem biografischen Hintergrund und seinen Lebensumständen, damit Böhnhardt dessen Personalien gefahrlos nutzen konnte. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl zitierte am Mittwoch aus dem Papier, in dem unter anderem auch die Namen und Berufe der Eltern von F. genannt werden.

Diesen Zettel habe er zum ersten Mal bei seiner Vernehmung beim Bundeskriminalamt (BKA) im Jahr 2012 gesehen, sagte jetzt der Zeuge. Auch mit einer BahnCard, auf der sein Name steht, weiß er nichts anzufangen: "Das sehe ich zum ersten Mal."

Laut Anklage stattete sich Böhnhardt von 1999 bis 2004 mit BahnCards aus, auf denen sein Foto und dazu der Name von F. zu sehen waren. Den Namen von Gunther F. nutzte er demnach auch im Zusammenhang mit weiteren Mietverhältnissen.

Sprengstoff? "Wie es der Zufall wollte, hatte ich so was da"

Insgesamt habe er das Trio zwei, drei Mal besucht, so Gunther F., der Kontakt habe sich dann aufgelöst. Erst durch die Medien habe er schließlich erfahren, was aus ihnen geworden sei.

Wenig glaubwürdig wirkte der Zeuge auch, als er von Götzl zu zwei Personen befragt wurde, die er selbst als gute Freunde bezeichnete. Als er einst bei der Polizei auf die beiden Männer angesprochen wurde, gab F. zu Protokoll, dass deren Namen ihm nichts sagen würden. Wie das zu erklären sei, fragte ihn Götzl: "Ich kenne von vielen nur die Spitznamen", entgegnete Gunther F.

Nach Gunther F. sagte am Mittwoch Jörg W. aus. Der 40-jährige Kunststoffschlosser hatte einst seinem Bekannten Thomas S. Sprengstoff zur Verfügung gestellt. Über diese Person gelangten die zwei Kilogramm TNT der Anklage zufolge zu dem Trio. Er habe den Sprengstoff ausdrücklich nur für Thomas S. herausgegeben, nicht zur Weitergabe an Dritte, sagte Jörg W. Dieser habe damit "ein bisschen experimentieren wollen".

Den Besitz von Sprengstoff erklärte Jörg W. damit, dass ein anderer Bekannter ihm diesen zur Aufbewahrung gegeben hatte. Irgendwann sei er dann von Thomas S. gefragt worden, ob er Sprengstoff besorgen könne. "Wie es der Zufall wollte, hatte ich so was da."

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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