NSU-Prozess Angeklagter gesteht Hilfe für Terrorzelle

Holger G. hat bestritten, von den Taten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" gewusst zu haben. Der Angeklagte im NSU-Prozess gab aber zu, den mutmaßlichen Terroristen geholfen zu haben. Dafür bat er die die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung.

Angeklagter G.: "Dass ich dies getan habe, tut mir fürchterlich leid"
DPA

Angeklagter G.: "Dass ich dies getan habe, tut mir fürchterlich leid"


München - Er gab den mutmaßlichen Terroristen nach eigener Aussage Ausweise, unterstützte sie im Untergrund: Der Angeklagte Holger G. hat im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München gestanden, der Terrorzelle geholfen zu haben. Er soll ihnen 3000 Mark geliehen, seinen Reisepass und seinen Führerschein überlassen haben. Damit soll das mutmaßliche Terrortrio mehrfach Wohnmobile angemietet haben - wobei die Zeitpunkte der Anmietungen mit mehreren der zehn Morde zusammenfallen, die dem NSU zur Last gelegt werden.

Er habe nichts von den terroristischen Taten geahnt, sagte G. Er habe nie den Eindruck gehabt, mit den Mitgliedern einer terroristischen Vereinigung befreundet zu sein oder solche zu unterstützen. "Ich habe das damals gemacht, weil ich meinen Freunden helfen wollte. Ich fühlte mich ihnen als Freund verpflichtet", sagte er. Die drei hätten stets beteuert, mit den Papieren "keinen Scheiß" zu machen. Wofür seine Identität missbraucht worden sei, habe er erst nach dem Auffliegen der Terrorgruppe im November 2011 erkannt.

Im Jahr 2000 oder 2001 habe er aber auch im Auftrag des ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben eine Pistole zu den Dreien transportiert. Wohlleben habe ihm den Beutel in die Reisetasche gesteckt. Erst im Zug habe er bemerkt, dass eine Waffe darin war. Beate Zschäpe habe ihn am Bahnhof in Zwickau abgeholt. In der Wohnung der drei in der Polenzstraße habe dann einer der beiden Männer die Pistole herausgeholt und vor seinen Augen durchgeladen. Für Zschäpe könnte diese Aussage belastend gewertet werden, für Wohlleben erst recht.

Als erster Angeklagter in dem NSU-Komplex äußerte G. Bedauern über sein Verhalten. "Dass ich dies getan habe, tut mir fürchterlich leid. Ich möchte mich dafür entschuldigen."

Bundesanwalt spricht von "reinen Schutzbehauptungen"

Er sei bereit, für seinen Teil die Verantwortung zu übernehmen. Allerdings sei sein Tatbeitrag nicht derjenige, den ihm die Bundesanwaltschaft vorwerfe. Er habe nur gewusst, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Untergrund leben. Ihre Taten habe er nicht erahnen können. "Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass die drei Gewalt in diesem Ausmaß verüben könnten", hieß es in der schriftlichen Erklärung, die er verlas.

Bundesanwalt Herbert Diemer sprach nach der Verhandlung von "reinen Schutzbehauptungen". Es sei "nicht ungewöhnlich, dass ein Angeklagter, nachdem er mit der Anklage konfrontiert wird, mit aller Macht versucht, die Dinge vielleicht doch noch zu relativieren".

Der wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagte G. gilt als besonders wichtiger Zeuge, weil er zu den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe während fast 13 Jahren im Untergrund Kontakt gehalten haben soll.

G. ist der zweite der fünf Angeklagten, der in dem Verfahren um die zehn Morde, zwei Bombenanschläge und fünfzehn Raubüberfälle, die dem NSU zugeschrieben werden, aussagte. Er wandte sich auch direkt an die Angehörigen der Mordopfer. "Zuerst möchte ich den Angehörigen der Opfer mein Mitgefühl zum Ausdruck bringen", sagte er.

Nach eigenen Angaben stieg G. im Jahr 2004 aus der rechten Szene aus. Bei den von ihm gestandenen regelmäßigen Treffen habe es sich vor allem um private Gespräche gehandelt.

Der Prozess wurde im Anschluss an die Erklärung des Angeklagten bis kommenden Dienstag unterbrochen - weil G. ankündigte, über die schriftliche Erklärung hinaus zunächst keine weiteren Fragen beantworten zu wollen. Kommende Woche soll dann voraussichtlich auch die Vernehmung des Angeklagten Carsten S. fortgesetzt werden.

ulz/AFP/dpa

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