NSU-Prozess Rätsel um Anschlag in Nürnberg

Ist dem NSU ein weiterer Anschlag zuzurechnen? Die Aussage des Mitangeklagten Carsten S. im Münchner Prozess legt nahe, dass Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 1999 eine Bombe in einer Bar platzierten. Trifft das zu, würde es auf die Vorgehensweise des NSU ein anderes Licht werfen.

Von , München

Angeklagter Carsten S.: "Ich hab mich nicht als Herrenmensch gefühlt"
DPA

Angeklagter Carsten S.: "Ich hab mich nicht als Herrenmensch gefühlt"


Erst einmal hieß es Warten. "Einer der Angeklagten ist unpässlich", teilte eine Justizmitarbeiterin mit. Der Umstand, dass Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer mehrfach im Richterzimmer vorstellig wurde, ließ die Vermutung zu, es handele sich um eine Unpässlichkeit der Hauptangeklagten. Als der Vorsitzende dann die Verhandlung eröffnete, ging er mit keinem Wort auf den Grund der Verzögerung ein. Hatte sie damit zu tun, dass die Bundesanwaltschaft seit Dienstag mit Nachdruck prüft, ob ein Bombenanschlag in Nürnberg im Jahr 1999, bei dem eine Person verletzt wurde, eventuell auch dem NSU-Trio zuzurechnen ist?

Der Angeklagte Carsten S. hatte gestern einen solchen Verdacht geäußert und von einer Taschenlampe "mit Knopf" am Tatort gesprochen, die seiner Vermutung nach mit Sprengstoff gefüllt gewesen sein könnte. Dazu passt, dass die "Nürnberger Nachrichten" am 25. Juni 1999 gemeldet hatten, in einer Pilsbar namens "Sunshine" in der Nürnberger Scheurlstrasse sei ein 18 Jahre alter Mann leicht verletzt worden. Er habe bei der Reinigung der Toiletten einen 30 Zentimeter großen Gegenstand gefunden, den er für eine Taschenlampe hielt. Er habe diesen Gegenstand angeknipst, worauf der explodiert sei.

Die Bar gehörte damals seit zwei Monaten dem Türken Yilmaz S. Die Polizei wies die These, der Anschlag könnte dem Besitzer gegolten haben, seinerzeit zurück. Das Landeskriminalamt fand ebenfalls keine Anhaltspunkte für eine mögliche ausländerfeindliche Motivation des oder der Täter.

4000 ungeklärte Fälle werden überprüft

Aus diesem Grund oder anderen nicht nachvollziehbaren Motiven setzten die bayerischen Ermittlungsbehörden den Generalbundesanwalt über diesen Nürnberger Anschlag nicht in Kenntnis. Selbst dann nicht, als in Karlsruhe zahlreiche Fälle geprüft wurden, die möglicherweise dem NSU hätten zugerechnet werden können.

Am gestrigen Dienstag zeigten sich die Vertreter der Bundesanwaltschaft im Münchner NSU-Prozess denn auch überrascht von S.s Aussage. Und sie werden - wieder einmal - wenig erfreut gewesen sein über jene Behörden, auf deren Zuarbeit sie als oberste Strafverfolger angewiesen sind. Jetzt sind die Akten aus Nürnberg da, in den Bundesländern wird nochmals geprüft, ob sich weitere NSU-verdächtige Fälle in den vergangenen 13 oder 14 Jahren ereignet haben. Es geht um 4000 ungeklärte Fälle.

Sollte S.s Aussage zutreffen, würfe dies möglicherweise ein etwas anderes Licht auf die Vorgehensweise der mutmaßlichen Täter. Dann hätten sie nämlich schon ein Jahr nach ihrem Untertauchen 1998 mit einer dilettantisch fabrizierten Bombe einen ersten Anschlag ausgeführt, der nicht den erwünschten Erfolg hatte. In Folge wären dann gezielt tödliche Attentate auf bestimmte Personen verübt worden. Und parallel dazu offenbar Bombenanschläge, die "effektiver" waren als jener erste Versuch in Nürnberg. Doch dies lasse sich laut Bundesanwalt Herbert Diemer noch nicht beurteilen.

Was wäre gewesen, wenn Böhnhardt und Mundlos und auch Zschäpe schon damals ins Visier der Ermittler genommen worden wären, nachdem ihr Bezug zu Sprengstoff und Rohrbomben ja bereits bekannt war? Wenn...

"Nun reden Sie mal Tacheles!"

Im weiteren Verlauf des Prozesses ging es dann wieder um Carsten S., der gestern zu einer Art Beichte angesetzt hatte, die allerdings viele Fragen aufwarf. Er soll Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Ceska besorgt haben, mit der neun Menschen erschossen wurden.

Wie war die Situation in dem Café vor der Waffenübergabe, als Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos angeblich mit weiterem Waffenbesitz renommierten und Beate Zschäpe dazukam? Warum das "Psst"? Warum sollte Zschäpe nicht wissen, was S. erfahren durfte? Oder war es ganz anders? Was dachte S. damals? Warum hat er nicht schon viel früher von dieser Begebenheit berichtet? Hat er sich nicht gewundert, dass Böhnhardt und Mundlos eine weitere Waffe und reichlich Munition haben wollten? Hat er nicht nachgefragt? Wenn nein, warum nicht? Wie war die Beziehung zu Ralf Wohlleben? Worüber wurde gesprochen? Und so fort.

S.s Antworten sind die altbekannten: Er habe sich und andere Personen schonen wollen; er habe es immer allen recht machen wollen, er habe die Erinnerung an längst vergrabene Situationen, an Bilder und an Gefühle erst heraufbeschwören und Mut fassen müssen, darüber öffentlich zu sprechen. Neu war allenfalls, dass er sagte, er erinnere sich noch, dass es in jenem Café in Chemnitz vor der Waffenübergabe geheißen habe - vor dem "Psst" also -, die Sache mit der Taschenlampe habe "nicht geklappt". War damit der Nürnberger Anschlag gemeint?

Als Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten mit Fragen an der Reihe ist, wird es unangenehm für S. Wie denn damals sein Menschenbild gewesen sei, fragt Weingarten? Wie seine Haltung zum Völkermord an Juden gewesen sei? "Nun reden Sie mal Tacheles!" Ob S. gegen bestimmte Ausländer in Deutschland eine besondere Abneigung gehabt habe? Ob er und seine Gesinnungsgenossen denn Schweden und Niederländer ebenso für "unwürdig" angesehen hätten, in Deutschland zu leben, wie Schwarzafrikaner zum Beispiel. "Ich hab mich nicht als Herrenmensch gefühlt", antwortet S. kleinlaut. Man habe solche Texte "nur gesungen". Und: "Bratwurst statt Döner' fand ich lustig."

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z_beeblebrox 12.06.2013
1. Bratwurst statt Döner
Was für ein trauriger Bericht. Da macht dieser Carsten S. eine Aussage und jeder glaubt, das sei die Wahrheit? Der Oberstaatsanwalt fragt den S., welches Menschenbild er früher hätte. Aus einer Antwort will der Herr Oberstaatsanwalt dann was beweisen? Sorry, bis dato haben die Ankläger gar nix Entscheidendes in der Hand. Bis dato schwimmen die herum, wissen noch nicht mal halbwegs, was dieses angebliche Terror-Trio so getan hat. Langsam aber sicher frage ich mich, was dieser Prozess soll. Wenn man die Angeklagte(n) sowieso einfach verurteilen will, hätte es auch ein Schnellgericht getan. P.S.: Wie viele Journalisten sitzen denn aktuell im Gericht so rum? Ich wette, die Plätze haben sich arg gelichtet.
hausierer 12.06.2013
2. Irgendwas ist doch hier oberfaul......
4000 ungeklärte Fälle in ca. 14 Jahren sind ca. 5 bis 6 Straftaten pro Woche und das über einen derart langen Zeitraum. Für wie blöd hält man uns eigentlich ? Da gibt es jede Menge Ungereimtheiten auch im Zusammenhang mit dem " dauervermummten Kronzeugen ", den man ja angeblich schützen will... Wer weiß in welchem Auftrag der bei diesem Prozeß , natürlich inkognito, unterwegs ist. Das Ganze ist sehr fragwürdig und läßt jede Menge Zweifel darüber zu , ob dieser Prozeß noch den staatlichen Grundregeln entspricht... Rechtsextremistische Schuladen eignen sich immer gut um da Dinge reinzulegen die da vielleicht nicht reingehören, sich aber politisch betrachtet sehr gut dazu eignen uns mal wieder irgendwelche " Zugeständnisse, ( insebesondere finanzieller Art ) abzuringen.
Wildes Herz 12.06.2013
3.
Zitat von hausierer4000 ungeklärte Fälle in ca. 14 Jahren sind ca. 5 bis 6 Straftaten pro Woche und das über einen derart langen Zeitraum. Für wie blöd hält man uns eigentlich ? Da gibt es jede Menge Ungereimtheiten auch im Zusammenhang mit dem " dauervermummten Kronzeugen ", den man ja angeblich schützen will... Wer weiß in welchem Auftrag der bei diesem Prozeß , natürlich inkognito, unterwegs ist. Das Ganze ist sehr fragwürdig und läßt jede Menge Zweifel darüber zu , ob dieser Prozeß noch den staatlichen Grundregeln entspricht... Rechtsextremistische Schuladen eignen sich immer gut um da Dinge reinzulegen die da vielleicht nicht reingehören, sich aber politisch betrachtet sehr gut dazu eignen uns mal wieder irgendwelche " Zugeständnisse, ( insebesondere finanzieller Art ) abzuringen.
Warum..? Was soll daran ungewöhnlich sein, dass es in einem Zeitraum von 14 Jahren 4000 unaufgeklärte Gewalttaten gibt? Welche Ungereimtheiten meinen Sie? Dass er sein Gesicht nicht fotografieren lassen will, ist sein gutes Recht. Daran ist bei Strafprozessen auch nichts ungewöhnlich. Erst recht, wenn man in der Nazi-Szene als "Verräter" gilt. Da würde ich auch nicht mein Gesicht in die Kamera halten. In welchem "Auftrag"?! Der Mann ist einer der Angeklagten!
mathmag 12.06.2013
4. Was soll das denn werden?
---Zitat--- Wie denn damals sein Menschenbild gewesen sei, fragt Weingarten? ---Zitatende--- Wäre schön, die Staatsanwalt würde mal wirklich die Hintergründe beleuchten. Das Zusammenspiel mit V-Leuten. Wieviel Geld wohin in eben den Kreis um den NSU von wem geflossen ist. Alles Sachen, die als Fragen nicht so weit weg sind, oder? (Und wenn damit bestimmte Verdächtigungen entkräftet werden könnten, hätte man auch was erreicht.) Aber solche Fragen scheinen nur ein "in die Zange nehmen" zu sein, ohne weiteren Erkenntnisgewinn. Ansonsten erkläre mir das hier mal einer im Forum.
Wildes Herz 12.06.2013
5.
Zitat von z_beeblebroxWas für ein trauriger Bericht. Da macht dieser Carsten S. eine Aussage und jeder glaubt, das sei die Wahrheit? Der Oberstaatsanwalt fragt den S., welches Menschenbild er früher hätte. Aus einer Antwort will der Herr Oberstaatsanwalt dann was beweisen? Sorry, bis dato haben die Ankläger gar nix Entscheidendes in der Hand. Bis dato schwimmen die herum, wissen noch nicht mal halbwegs, was dieses angebliche Terror-Trio so getan hat. Langsam aber sicher frage ich mich, was dieser Prozess soll. Wenn man die Angeklagte(n) sowieso einfach verurteilen will, hätte es auch ein Schnellgericht getan. P.S.: Wie viele Journalisten sitzen denn aktuell im Gericht so rum? Ich wette, die Plätze haben sich arg gelichtet.
Dass man sie eben gerade nicht "einfach verurteilen" will, beweist dieser Prozess. Warum fragen Sie sich, was dieser Prozess "soll"? Sinn und Zweck eines Strafprozesses dürfte ja wohl hinlänglich bekannt sein...
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