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NSU-Prozess: Die Rolle der "Combat-18"-Zelle

Von , München

Angeklagte Beate Zschäpe : Woher kamen die Informationen zu Anschlagszielen in Dortmund?  Zur Großansicht
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Angeklagte Beate Zschäpe: Woher kamen die Informationen zu Anschlagszielen in Dortmund?

Im April 2006 starb Mehmet Kubasik in Dortmund, er war laut Anklage das achte Opfer des NSU. Wurden die Rechtsterroristen von Neonazis der Dortmunder Szene unterstützt? Anwälte der Nebenklage haben im NSU-Prozess Ermittlungen gefordert.

Der 156. Sitzungstag im Münchener NSU-Prozess war der Tag der Nebenklage: Mit einer ganzen Reihe von Beweisanträgen und Erklärungen versuchten die Anwälte der Opfer die Dortmunder Neonazi-Szene zu beleuchten. Sie nahmen damit einen Personenkreis in den Blick, auf deren Unterstützung sich das Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sowie ihre mutmaßlichen Mitstreiter offenbar verlassen konnten. Und die in jener Stadt agierten, in der im April 2006 der Gemüsehändler Mehmet Kubasik erschossen wurde, laut Anklage das achte Opfer des NSU.

In Dortmund gab es die bewaffnete "Combat-18"-Zelle, die sich in Anlehnung an die "Turner Tagebücher" organisiert hatte. Bei den "Turner Tagebüchern" handelt es sich um einen Roman, den der Amerikaner William L. Pierce unter dem Pseudonym Andrew Macdonald 1978 verfasst hat, um rassistische und antisemitische Ideen zu propagieren. Letztlich geht es darin um einen Rassenkampf, in dessen Verlauf Attentate und Sabotageakte von "der Organisation" verübt werden. Seit April 2006 sind die "Turner Tagebücher" in Deutschland verboten. Allerdings gelten sie innerhalb der rassistischen "White Supremacy"-Bewegung in den USA als Standardwerk und dienen gleichsam als Blaupause für eine gewalttätige Übernahme des Staates, wie sie wohl dem NSU und seinen Gesinnungsgenossen vorschwebte.

International vernetzt

Bedeutsam dabei ist das Konzept des führerlosen Widerstandes, das auf die Eskalation eines brutalen Rassenkrieges durch kleine Untergrundzellen nationalistischer Aktivisten abzielt. Kopien dieses Machwerks fanden sich auf den Computern von Personen, die nun im NSU-Prozess Angeklagte sind.

Eine Reihe von Nebenklageanwälten beantragten die Vorladung eines gewissen Marko Norbert G., Zentralfigur der offen nationalsozialistisch und militant auftretenden Neonaziband Oidoxie, der zusammen mit anderen in Dortmund "Combat-18" aufgebaut haben soll. Diese zunächst aus mindestens sieben Personen bestehende Zelle soll Waffen aus Belgien besorgt und Schießübungen veranstaltet sowie Pläne für Anschläge ausgeheckt haben.

Von "Combat-18" soll das Trio nach Auffassung der Nebenklage unmittelbar nach dessen Untertauchen 1998 in Sachsen unterstützt worden sein. Ihre Kontakte sollen sich nach Skandinavien, in die Schweiz, nach Flandern und Österreich erstreckt haben. Die Opferanwälte wollen unter anderem auch wissen, wie die Morde an Kubasik und dem jungen Halit Yozgat in Kassel im gleichen Monat in der rechtsradikalen Szene bewertet und wem sie zugeschrieben wurden. Denn in dieser Szene sei selbst nach dem Auffliegen des NSU 2011 nicht ermittelt worden.

Der umfangreichen Begründung der Anträge war zu entnehmen, dass es offenbar zahlreiche Verbindungen zwischen der rechten Szene Thüringens und den Dortmunder Neonazis gab. "Ermittlungen in Richtung Neonazi-Szene Dortmund sind auch deshalb angezeigt", hieß es in den Schriftsätzen der Nebenklage weiter, "weil das Trio über auffällig viele Ausspähnotizen zu Dortmund verfügte". Darin fänden sich Adressen türkischer Imbisse oder Kioske, zu denen Ortsfremde nicht leicht Zugang hätten.

Die Handschrift von "Combat-18"

Um 2003 ging aus der "Kameradschaft Dortmund" und dem Umfeld der Oidoxie die "Oidoxie Streetfighting Crew" hervor, der neben anderen auch Robin S. angehörte, mit dem Zschäpe aus der U-Haft heraus korrespondierte. "Es ist notwendig aufzuklären", trug Nebenklagevertreterin Antonia von der Behrens vor, "wie der Tatort Dortmund und speziell Mehmet Kubasik als Opfer ausgesucht wurden." Um die Folgen der Tat feststellen zu können, sei es nötig zu erfahren, wie die Neonazi-Szene in Dortmund den Mord eingeordnet hat: ob sie diese "Kommunikation durch die Tat" und die Handschrift von "Combat-18" verstand.

Dies sei vor allem für die Rechtsfolgenentscheidung des Senats von Belang. "Denn die Gefährlichkeit einer terroristischen Vereinigung ist auch von deren Größe, Aktivität, Vernetzung und Aktionsradius abhängig."

Bisher hatten Teile der Nebenklageanwälte gefürchtet, eine weitere Aufklärung der Beteiligung des NSU-Umfeldes könnte den Angeklagten zugutekommen nach dem Motto: Man hat es ihnen ja auch leicht gemacht, ihre Taten zu begehen. Dies scheint inzwischen der Überzeugung gewichen zu sein, dass sich die enge Einbindung der Angeklagten in eine militante Unterstützerszene bezüglich der Bewertung ihrer weiteren Gefährlichkeit auch anders auswirken könnte.

Am Ende des Sitzungstages wurde nochmals Andreas R. vernommen, der schon am 23. Juli fast überhaupt keine Erinnerung mehr an irgendetwas gehabt haben will und offenkundig mit der Wahrheit hinter dem Berg hält, wo immer es möglich ist. Laut Anklage soll R. mit dem Angeklagten Ralf Wohlleben jenes Auto abgeschleppt haben, mit dem das Trio 1998 die Flucht vor der Polizei angetreten hatte.

Bei seinem ersten Erscheinen vor Gericht waren ihm Unterlagen abgenommen worden, die er bei sich hatte, darunter vier Seiten aus einer vertraulichen Verschlusssache des Verfassungsschutzes über seinen Gesinnungsgenossen Mario B., bei der sich die Frage stellt, wie ein Zeuge an so etwas herankommt. Sie sei ihm anonym in den Briefkasten gelegt worden, behauptete R. am Donnerstag als Zeuge vor Gericht. Der Leiter des polizeilichen Staatsschutzes der Polizeidirektion Saalfeld nannte ihn in der neunten Sitzung des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses einen der "gefährlichsten Rechtsextremisten in unserem Land".

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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