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Vater eines Mordopfers beim NSU-Prozess: Die Abrechnung des Ismail Yozgat

Von , München

Ismail Yozgat (hier bei einer Gedenkveranstaltung für seinen Sohn): "Es tut mir leid, aber ich glaube dir überhaupt nicht" Zur Großansicht
DPA

Ismail Yozgat (hier bei einer Gedenkveranstaltung für seinen Sohn): "Es tut mir leid, aber ich glaube dir überhaupt nicht"

Der ehemalige Verfassungsschützer Andreas T. gilt bei der Aufklärung der NSU-Morde für viele als Personifizierung des Behördenversagens. Vor Gericht musste er sich nun den Fragen des Vaters eines Opfers stellen - und gab dabei kein gutes Bild ab.

Seine Fragen stehen auf einem gefalteten Blatt Papier, der Zettel zittert in seinen Händen, als Ismail Yozgat von ihm abliest. Die dunkle Stimme des Mannes mit den grauen Haaren und dem breiten Schnurrbart hallt am Dienstag durch Saal A101 im Münchner Oberlandesgericht. Yozgat ist sichtlich erregt. "Sie kannten uns Drei sehr gut, nicht wahr?", übersetzt ein Dolmetscher die türkischen Worte Yozgats. Die Frage im NSU-Prozess gilt dem Mann, der hier zum wiederholten Mal auf dem Zeugenstuhl sitzt und dessen Aussagen immer wieder Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit geweckt haben: Andreas T.

Der frühere hessische Verfassungsschützer hatte sich am 6. April 2006 während des Mordes an Halit Yozgat offenbar zufällig im hinteren Teil von dessen Kasseler Internetcafé aufgehalten. T. will von dem Mord, der den mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zur Last gelegt wird, aber nichts mitbekommen haben. Ob er die Blutstropfen auf dem Tresen nicht gesehen habe, will der Vater des Ermordeten von T. wissen. "Nein, das ist mir nicht aufgefallen", sagt der.

Ismail Yozgat kann nicht glauben, dass T. seinen Sohn nicht unter dem Tisch liegen sah. T. müsse ihn gesehen haben. Yozgat steht auf und geht durch den Gerichtssaal. Mit ausladenden Armbewegungen will er veranschaulichen, wie es damals aussah in dem Internetcafé und wie der Weg von T. zum Ausgang verlaufen sein muss - vorbei an dem rund 70 Zentimeter hohen Tisch, der als Tresen diente, vorbei also an dem Tisch, unter dem Yozgats 21-jähriger Sohn lag, der an jenem Tag gegen 17 Uhr von zwei Kugeln aus einer Pistole Ceska 83 in den Kopf getroffen wurde und noch am Tatort starb. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl bittet Ismail Yozgat eindringlich, wieder seinen Platz einzunehmen.

Nachbarn riefen ihn "Klein-Adolf"

Es sind bewegende Momente, die sich am 106. Verhandlungstag im Gerichtssaal abspielen: Der Vater eines Opfers der mutmaßlichen NSU-Terroristen ist auf der Suche nach der Wahrheit und trifft auf einen Zeugen, der bei der Aufklärung der NSU-Morde für viele zur Personifizierung des Behördenversagens geworden ist und für Verschwörungstheorien gesorgt hat.

Zwischenzeitlich war T. im Fall Halit Yozgat Beschuldigter: Trotz polizeilicher Fahndungsaufrufe hatte er sich damals nicht als Zeuge gemeldet, die Ermittler machten ihn dennoch ausfindig. Er hatte sich an jenem Apriltag gegen 16.50 Uhr für etwas mehr als zehn Minuten in dem Internetcafé unter einem Pseudonym in die Kontaktbörse iLove.de eingeloggt, dabei aber seine echte Handynummer angegeben.

Bei einer späteren Durchsuchung in seiner Wohnung stellten Fahnder unter anderem mehrere Pistolen, ein Gewehr, Munition und einen Baseballschläger sicher. Auch Abschriften aus Hitlers Machwerk "Mein Kampf" gehörten zu den Fundstücken, außerdem ein Buch über Serienmorde. Er habe es "bis heute nicht durchgelesen", sagte T. am Dienstag. Durch seine Mitgliedschaft in der Gewerkschaft der Polizei sei er auf das Buch aufmerksam geworden, er habe es damals in einer Werbeanzeige gesehen.

Ob er in seiner Jugend ein Skinhead oder ein Neonazi war, fragt ein Vertreter der Nebenkläger. "Nein", antwortet T. Ob ihm bekannt sei, dass er in seiner Nachbarschaft einst "Klein-Adolf" genannt wurde, lautet die nächste Frage. "Ich weiß nicht, wie jemand darauf kommt, mich so zu nennen", sagt T.

"Exklusives Täter- bzw. Tatwissen"

Umfangreiche Ermittlungen gegen T. hatten keine Verbindung zu der Mordserie mit zehn Toten ergeben. Das Verfahren gegen ihn wurde später eingestellt - und trotzdem ist seine Rolle im NSU-Prozess stets eine sehr merkwürdige geblieben. T., eine frühere Kollegin sowie ehemalige Vorgesetzte aus dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz trugen vor Gericht kaum oder gar nicht zur Aufklärung bei und machten zum Teil absurde Erinnerungslücken geltend.

Rechtsanwalt Thomas Bliwier, einer der Nebenklägervertreter der Familie Yozgat, erklärte jetzt vor Gericht, dass T. mit einer "gewissen Rotzigkeit" auftrete und Rückenwind vom Landesamt für Verfassungsschutz erhalte. Die Yozgat-Anwälte stellten Beweisanträge, mit denen sie belegen wollen, dass T. "über exklusives Täter- bzw. Tatwissen" verfügte, welches er gegenüber einer damaligen Kollegin am 10. April 2006 preisgab, ehe es durch Medienberichte öffentlich zugänglich war.

Die Glaubwürdigkeit von T. dürfte auch an diesem Gerichtstag nicht gewachsen sein. Ob er sich noch daran erinnere, dass er manchmal zwei Stunden im Internetcafé geblieben sei, dass ihm Kaffee angeboten worden sei, will Ismail Yozgat noch von T. wissen. Zuletzt hatte T. vor Gericht betont, er sei dort zwar häufiger gewesen, aber zumeist nur für ein paar Minuten. Er könne sich nicht daran erinnern, dass er "so lange" dort gewesen sein soll. Ismail Yozgat fasst seine Ausführungen über T., den er den Ausführungen des Dolmetschers zufolge mal duzt und mal siezt, so zusammen: "Es tut mir leid, aber ich glaube dir überhaupt nicht."

Am Ende bekommt T. das Formular für seine Auslagen und geht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Ich verstehe es nicht !
Karl_Knapp 15.04.2014
Wie kann dieser Mann noch Beamter sein? Disziplinarverfahren werden sonstwo wegen Marginalien eröffnet - und dieser Mann, der seine Unfähigkeit derartig offen zur Schau stellt, ist immer noch nicht aus dem Dienst entfernt! Es ist nicht zu fassen!
2. Neue Hauptrolle: Opfervater
carolian 15.04.2014
Bewiesen ist bis heute nichts.
3. Fragen, die sich stellen.
mundi 15.04.2014
Die Staatsanwaltschaft behauptet, diese Tat wurde von 2 Männern aus Zwickau begangen, die einer terroristischen Organisation (NSU) angehörten. Als Motiv wurde Ausländerhass angegeben. Warum wird vor Ende des Prozesses in den Medien so berichtet, als wäre dieser Fall bereits schon aufgeklärt? Es wurden auch 2 deutsche Polizisten angegriffen, dabei starb eine Polizistin. War es auch Ausländerhass? Theoretisch könnte das Gericht einen anderen Hintergrund feststellen. Bis dahin besteht keine Sicherheit und für die Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. Warum wird der Verfassungsschutz so heftig angegriffen? Er ist doch zunächst nicht für die allgemeine Kriminalität zuständig. Welche Motive spielen in diesem Fall wirklich eine Rolle?
4. Haha,
Nonsens 15.04.2014
wenn ihn die Nachbarn schon Klein- Adolf nannten, da muss er gar nicht weitererzählen. Ein strammer rechter, durch und durch. Naja what shells. Schade für den Vater des Ermordeten, aber leider haben wir unsere Geschichte immer noch nicht richtg aufgearbeitet. Sonst würden hier noch ganz andere auf der Anklagebank sitzen. So bekommen sie in Deutschland nur hin und wieder ein Job in Brüssel oder das Bundesverdienstkreuz.
5. Sehr schön...
doc 123 15.04.2014
Zitat von sysopDPADer ehemalige Verfassungsschützer Andreas T. gilt bei der Aufklärung der NSU-Morde für viele als Personifizierung des Behördenversagens. Vor Gericht musste er sich nun den Fragen des Vaters eines Opfers stellen - und gab dabei kein gutes Bild ab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-ismail-yozgat-bezichtigt-andreas-t-der-luege-a-964639.html
"Das Verfahren gegen ihn wurde später eingestellt - und trotzdem ist seine Rolle im NSU-Prozess stets eine sehr merkwürdige geblieben. T., eine frühere Kollegin sowie ehemalige Vorgesetzte aus dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz trugen vor Gericht kaum oder gar nicht zur Aufklärung bei und machten zum Teil absurde Erinnerungslücken geltend...." So nach und nach kommen doch noch mehrere Umstände auf den Tisch, die hier bereits vor Monaten beantstandet wurden. Ich erinnere mich nochmalig diesbez. an die geradezu unsägliche Aussage von Herrn Leyendecker, "der Fall Andreas T. sei polizeilich ausermittelt". Dass dieser Herr weder etwas gesehen noch gehört haben will ist jedenfalls an Abstrusität kaum noch zu überbieten und es stellt sich allenfalls mittlerweile doch die ernsthafte Frage, ob statt oder zumindest mit Frau Zschäpe noch der eine oder andere Beteiligte auf der Anklagebank sitzen sollte. - Sollte es sich jedenfalls im Laufe des Prozesses bestätigen, dass Herr T. mit dieser vollständig unglaubwürdigen Geschichte tatsächlich durch- und davonkommen, ist jedenfalls dieses Justizsystem einer Bananenrepublik ein weiteres Mal nachhaltig bestätigt. Die Rolle des Verfassunsschutzes ist jedenfalls sowohl in dieser NSU-Affäre als auch in der NSA-Affäre, wo man sich mit dergleichen Ahnungslosigkeit und Nicht-Beteiligung "herausreden" wollte, geradezu erbärmlichst und ganz sicherlich der aller-übelsten Nachkriegsregierung geschuldet, dass hier nicht schon massivste Maßnahmen zur Auslösung dieser unwürdigen Behörde getroffen wurden. Auf diesen geradezu "Schutz der Verfassung" der mehr als offensichte Feinde unserer Verfassung kann jedenfalls jeder anständige Bürger ganz sicherlich verzichten.
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
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Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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