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Vater eines Mordopfers im NSU-Prozess: "Ich habe ihn langsam zu Boden gelegt"

Von , München

NSU-Prozess: Zeuge Ismail Yozgat (links) mit Bild des Sohnes Zur Großansicht
Getty Images

NSU-Prozess: Zeuge Ismail Yozgat (links) mit Bild des Sohnes

Es war der bisher bewegendste Verhandlungstag im NSU-Prozess: Ismail Yozgat gab bei seiner Zeugenaussage eine Ahnung davon, was auszuhalten ist, wenn das eigene Kind ermordet wird. Er schrie sich das Leid von der Seele.

Das Unfasslichste im Leben von Eltern ist der Tod des eigenen Kindes. Diese Wahrheit gilt für alle Menschen, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe und Nationalität und welchen Alters. Dieses Schlimmste in Worte zu fassen, es anderen zu vermitteln und dabei noch einmal zu durchleben, kann einen Vater oder eine Mutter über die Grenze dessen treiben, was ein Mensch noch bewältigen kann.

Ismail Yozgat beginnt mit einer langen Vorrede. Sie ist wie ein Ritual, an das man sich im Augenblick klammern kann. Er erweist dem Gericht die Ehre. Noch hilft ihm dieses Ritual, einigermaßen Haltung zu bewahren. Denn mehrfach in den vergangenen Monaten hatte er vor Gericht zu Wort kommen wollen und war vom Vorsitzenden immer wieder, mal kalt, mal freundlich, vertröstet worden: Er werde schon noch angehört werden, er sei noch nicht an der Reihe, er müsse sich gedulden. Entsprechend heftig die Anspannung, die Aufregung. Die letzte Gelegenheit, dem toten Sohn eine Stimme zu geben.

Halit Yozgat, Ismails Sohn, wurde nur 21 Jahre alt. Er wurde 2006 in Kassel mutmaßlich von den NSU-Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen.

"Ich hatte fünf Kinder. Nur vier sind mir geblieben"

"Ich bin Ismail Yozgat", sagt der Vater am Dienstag im NSU-Prozess, er spricht als Zeuge. Ein kräftiger Mann mit breiter Brust, keiner, der sich drückt. "Ich bin der Vater des 21-jährigen Halit, des Märtyrers, der am 6. April 2006 durch zwei Schüsse in den Kopf in meinen Armen gestorben ist." Es klingt wie eine biblische Anklage. "Wir befinden uns hier wegen der Gerichtsverhandlung gegen die Angeklagten, wegen des Todes unserer Söhne, Väter und der jungen Frau, der Polizeibeamtin."

Der Vorsitzende unterbricht ihn, er möge doch bitte über das Beweisthema, nämlich den Tagesablauf damals und die Auffindesituation in dem Lokal in der Holländischen Straße berichten. "Ja, ich werde erzählen", antwortet Yozgat.

Und dann schildert er, wie sein Sohn der Mutter nachmittags Geld gegeben habe für ein Geschenk zu seinem, des Vaters, Geburtstag am nächsten Tag. Wie er und seine Frau sodann in die Stadt gefahren seien, um einen Werkzeugkasten zu kaufen. Dass er nur ein paar Minuten zu spät zurückgekehrt sei, um den Sohn abzulösen, damit der rechtzeitig zur Abendschule komme. Es waren wenige Minuten, die dem oder den Tätern reichten zum Töten. "Als ich kam, sah ich meinen Sohn in vollem Blut." Bis zum Tod werde er nicht mehr Geburtstag feiern, sagt der Vater.

Zwei Tage später brachte die Familie den Leichnam in die Türkei. "Mit meinen eigenen Händen habe ich meinen Sohn ins Grab gelegt." Der Vater kann die Tränen kaum noch unterdrücken, seine Stimme versagt, das Atmen wird ihm schwer. Er wendet sich zu den Angeklagten, mit jetzt lauter Stimme: "Warum haben Sie meinen Sohn getötet? Was hat er Ihnen getan? Wie können Sie uns unser Recht zurückgeben?" Die letzte Frage des Vaters galt dem Gericht. "Ich hatte fünf Kinder. Nur vier sind mir geblieben."

Wie soll sich der Vater beruhigen?

Zehn Tage hielt sich die Familie damals in der Türkei auf. In Deutschland blühten die Gerüchte, etwa, dass die Polizei im Zimmer Halits 40.000 Euro gefunden habe. "Fünfeinhalb Jahre haben wir uns nicht getraut hinauszugehen als Familie! Alle haben uns feindselig angeschaut, Deutsche wie Türken. Alle fragten: Warum haben sie deinen Sohn getötet - wegen Haschisch? Heroin? Wegen der Mafia?" Yozgat hält kurz inne und sagt: "Warum haben Sie mein Lämmchen getötet?"

Er spricht weiter. Dass er einen Herzinfarkt erlitten habe. Dass man nicht einmal in der Türkei mehr mit ihm gesprochen habe. Dass er, als er den toten Sohn gefunden hatte, sofort aufs Polizeirevier mitgenommen worden sei und sich nicht um seine Familie habe kümmern können.

Der Vorsitzende bittet ihn, zur Sache zurückzukommen. Yozgat fasst sich wieder. "Ich sah zwei rote Tropfen auf dem Tisch und dachte, Halit hat wohl Farbe verschüttet." Dann habe er den Sohn liegen gesehen.

Jetzt springt er in höchster Erregung auf, rot im Gesicht, schwer atmend, und schreit und schreit als könne er nicht mehr aufhören damit. "Er gab keine Antwort! Er gab keine Antwort!" Er schreit zu den Anklagten hinüber, zum Gericht, zu den anderen Opfern und den vielen Anwälten. Er schreit sich das Leid von der Seele. "Er hat nicht mehr geantwortet!" Der Vorsitzende bemüht, ihn zu stoppen, ringt nach Worten: "Er soll sich bitte beruhigen! Ist ja auch in seinem Interesse!"

Wie soll sich ein Mann wie Ismail Yozgat beruhigen? Der Dolmetscher kann seinen Worten kaum folgen. Frau Yozgat, die bisher still hinter ihrem Mann saß, versucht, ihm beizustehen. Der Vater: "Ich habe ihn angeschaut. Und dann langsam zu Boden gelegt." Er habe um Hilfe telefonieren wollen, aber es sei ihm nicht gelungen. Er sei ins benachbarte Teehaus gelaufen. Und als dann Polizei und Krankenwagen kamen, "ließen sie mich nicht mehr in den Laden hinein. Sie brachten mich aufs Polizeirevier. Das ist alles."

Was machte Verfassungsschützer am Tatort?

Weitere Zeugen aus dem Internetcafé werden befragt, darunter ein Deutscher, der das Lokal verlassen haben muss, als Halit unmittelbar zuvor getötet wurde. Es war Andreas T., Mitarbeiter des Hessischen Landesamts für Verfassungsschutz. Er will den Toten nicht bemerkt und Schüsse oder dumpfe Geräusche, von denen andere Zeugen übereinstimmend sprechen, nicht gehört haben.

Für die Hinterbliebenen und die anderen Opfer des NSU ein fassungslos machendes Faktum: Ein V-Mann-Führer am Tatort! Zu allem Überfluss hatte der damals auch Kontakt zu einer "Quelle" aus dem Bereich Rechtsextremismus.

T. hatte den Tatort offenbar in dem kurzen Moment verlassen, ehe Polizei und Rettungskräfte eintrafen. Vater Yozgat begegnete ihm nicht mehr. T. müsse etwas bemerkt haben - zu diesem Schluss kamen die Ermittler, sogar ein Psychologe, der eingeschaltet worden war, um T.s seltsame Erinnerungslosigkeit zu beurteilen. Ist er dem oder den Tätern begegnet? Warum hat er angeblich nichts wahrgenommen?

Erst hatte T. bestritten, an jenem Donnerstag in dem Internetcafé gewesen zu sein; es sei am Vortag gewesen, als er früher seinen Dienst beendet habe. Er habe nichts von dem Mord an Halit Yozgat mitbekommen. Doch der Polizei gelang es rasch, diese Behauptung zu widerlegen. Denn T. hatte sich bei einer sogenannten Flirtline eingeloggt und dort seine Mobilnummer hinterlegt.

Der Vorsitzende Götzl führt mit Zeuge T. die hohe Schule der Zeugenbefragung vor. Er zeigt den Nebenklägern, wer dieser T. ist: Kein Dunkelmann, kein Mordhelfer, sondern offenbar ein Mensch, der damals innerlich aus den Fugen war.

"Ich wollte nur noch heim"

Götzl treibt den Zeugen, der noch immer keine Erklärung für seine Behauptung hat, er sei nicht am Tattag in dem Lokal gewesen, in die Enge. Er befragt ihn intensiv, wie noch keinen anderen Zeugen zuvor, lässt ihn nicht davonkommen mit Erklärungen, etwa sich selbst nicht zu verstehen. T. beteuert, nicht zu wissen, was ihn, den jung Verheirateten und werdenden Vater, damals dazu verleitet habe, sich heimlich im Internet zu vergnügen.

Er gibt sich zerknirscht, spricht von Angst vor dem Dienstherrn, vor der Ehefrau. Er bedauert sein ihm unbegreifliches Fehlverhalten, redet sich heraus: "Ich habe es mir offenbar sehr leicht gemacht. Ich bin nicht stolz darauf." Das sei eine andere Frage, sagt Götzl kühl und lässt durchblicken, dass er mit den Erklärungen noch längst nicht zufrieden ist.

Was T. vor Gericht erzählt, lässt vermuten, dass er damals offenbar in einer chaotischen, ihn völlig überfordernden inneren Verfassung gewesen sein muss. Er hat auch in anderen Internetcafés gechattet, nach Dienstschluss, tagsüber, während des Dienstes. Er muss, so der Eindruck, halb von Sinnen gewesen sein durch die Chatterei, was denn auch die einzige, allerdings nur schwach überzeugende Erklärung wäre dafür, dass er anscheinend überhaupt nichts wahrgenommen haben will von dem, was sich um ihn herum abspielte.

Götzl versucht es mit Strenge. "Sie waren von 1994 bis 1998 Observationsbeamter. Sie waren es gewohnt, Beobachtungen zu machen. Sie waren es gewohnt, rekapitulierend Ihre Erkenntnisse niederzulegen. Sie hatten damals ein langes Wochenende vor sich. Sie wissen noch genau, was Sie an den einzelnen Tagen gemacht haben. Wie kann es dann zu einer solchen Fehleinordnung kommen? Wie groß sind Sie denn?" "1,89", antwortet T. kleinlaut. Ein so großer Mann will nicht gesehen haben, dass hinter dem Tresen des kleinen Internetcafés ein Sterbender lag? "Ich wollte nur noch heim", sagt T. zum Schluss.

Seine Vernehmung wird fortgesetzt werden. Zu viele Fragen sind noch offen.

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