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Mundlos-Jugendfreund im NSU-Prozess: Erst Strickpulli, dann Bomberjacke

Von , München

Als Junge hörte er Udo Lindenberg, später programmierte er Computerspiele, in denen man Juden töten muss: Im NSU-Prozess hat ein Zeuge den Wandel seines Jugendfreundes Uwe Mundlos zum radikalen Neonazi beschrieben.

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LKA Thüringen

Uwe Mundlos: "Gewisse Erbarmungslosigkeit"

Andreas R. hat seinen Freund aus Kinder- und Jugendzeiten in der DDR noch gut vor Augen: den Jungen mit den langen Locken im selbstgestrickten Pullover, der Songs von Udo Lindenberg hörte. Dem in der Schule Mathe und Physik regelrecht zuflogen, dem aber der Ehrgeiz fehlte. Der gegen die Armee und die Partei war und daraus keinen Hehl machte. An den Jungen aus der Jenaer Nachbarschaft, der "pazifistisch unterwegs" war.

So erzählt es Andreas R. als Zeuge im NSU-Prozess. Der einstige Freund, von dem er spricht, ist Uwe Mundlos - der mutmaßliche Rechtsterrorist, der laut Anklage zusammen mit Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gründete.

Die langen Locken wichen bei Uwe Mundlos irgendwann einer rasierten Glatze, und auch sonst änderte sich bei ihm einiges: Bomberjacke und Springerstiefel wurden bei dem Professorensohn zum "üblichen Outfit", wie Andreas R. sagt. Statt Lindenberg habe Mundlos plötzlich Lieder gehört mit Zeilen wie: "Türke, Türke, was hast du getan?"

1987 oder 1988 sei Mundlos innerhalb Jenas in den Stadtteil Winzerla umgezogen, sagt Andreas R. Seine Gedanken seien damals immer "absoluter und radikaler" geworden.

Es gab schon einige denkwürdige Auftritte im NSU-Prozess: etwa den von Mundlos' Vater, der sich mit dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl anlegte. Oder den von Ismail Yozgat, der sich im Gericht auf den Boden legte, um zu demonstrieren, wie er seinen niedergeschossenen Sohn Halit in seinem Kasseler Internetcafé auffand. Auch die Aussage von Andreas R. gehört zu diesen denkwürdigen Auftritten: weil die Schilderungen des 41-Jährigen die frühen Tendenzen von Mundlos zum Rechtsextremismus und sein zunehmendes Abgleiten offenlegen.

"Er war mein bester Freund"

Es war einst ein enges Verhältnis zwischen Mundlos und Andreas R., ehe sich der Kontakt in den Neunzigerjahren löste. Sie lernten sich in der ersten Schulklasse oder schon im Kindergarten kennen, so genau weiß Andreas R. das heute nicht mehr. "Er war mein bester Freund", sagt er. Über mehrere Jahre seien sie praktisch "jeden Tag zusammen" gewesen.

Uwe sei "schon etwas Besonderes" gewesen, sagt der Zeuge und erzählt, dass sich Mundlos in der DDR gegen alles aufgelehnt habe, "was uns vom System aufoktroyiert wurde". Schon früh zeigten sich dann aber auch rechtsextremistische Tendenzen bei Mundlos. In der sechsten oder siebten Klasse habe Mundlos damit angefangen, "Geschichten aus dem Dritten Reich zu erzählen", sagt Andreas R. - wie gut etwa angeblich Hitlers Bau von Autobahnen gewesen sei.

Bei einem Schulbesuch im Konzentrationslager Buchenwald in der achten Klasse sei bei Mundlos "kein Platz für Mitleid mit den Opfern" gewesen, berichtet der Zeuge und bestätigt zudem seine Schilderungen aus einer Polizeivernehmung. In ihr hatte er einst ausgesagt, Mundlos habe auf dem Gelände vor den damaligen Verbrennungsöfen gesagt: "Jetzt ist es denen schön warm". Solche Aussagen habe Mundlos "öfter gebracht", so der Zeuge vor Gericht.

Die zunehmende Radikalisierung von Mundlos habe sich in der Phase der Wende ereignet. Es habe damals praktisch keine Autoritäten gegeben, es sei eine "wilde Zeit" gewesen, und Mundlos sei zunehmend abgedriftet: Eine "gewisse Kälte oder Erbarmungslosigkeit" habe er an seinem langjährigen Freund ausgemacht. Andreas R. erinnert sich auch an Computerspiele, die Mundlos programmiert hatte: In ihnen musste man Juden abschießen.

Zschäpe habe sich nichts gefallen lassen

Großes Interesse habe Mundlos zudem für die RAF-Terroristen gezeigt, vor allem, "wie man untertaucht" - das NSU-Trio ging 1998 selbst in den Untergrund. Ihn hätten die "rechten Parolen" von Mundlos nicht gelockt, so Andreas R. Er habe "Glück gehabt", dass er "gar nicht erst richtig" in die rechte Szene gerutscht sei.

Sein Auftritt vor Gericht ist auch deshalb denkwürdig, weil Andreas R. ein unangenehmer Zeuge für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist. Er lernte sie durch Mundlos kennen - Zschäpe und Mundlos waren zwischenzeitlich ein Paar. Sie sei dann fast immer bei den Treffen einer Clique von Jugendlichen dabei gewesen, in der er selbst eher ein Außenseiter war, wie der Zeuge sagt. Zschäpe erlebte er als sehr selbstbewusst. Als einziges weibliches Mitglied in der Gruppe habe sie sich von den anderen nichts gefallen lassen.

Unangenehm für Zschäpe: Es geht vor Gericht auch um die frühere Aussage von Andreas R. bei der Polizei, wonach Zschäpe damals zusammen mit einem anderen Cliquenmitglied "extrem geklaut" hat. Die kriminelle Energie war demnach zudem gegen Ausländer gerichtet: Die beiden jungen Leute hatten dem Protokoll zufolge Vietnamesen, die mit Zigaretten gehandelt hatten, "in die Enge getrieben" und ihnen die Zigaretten abgenommen. So hatte Andreas R. es damals in Erzählungen in der Clique aufgeschnappt.

Zschäpes Verteidigung versuchte deshalb, die Glaubwürdigkeit der Erinnerungen des Zeugen infrage zu stellen. Andreas R. blieb aber bei seinen Aussagen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, das Lied mit der Zeile "Türke, Türke, was hast du getan?" stamme von den "Böhsen Onkelz" - so hatte es ein Zeuge im NSU-Prozess geschildert. Zwar wird das Lied im Internet mit der Band in Verbindung gebracht, stammt aber von einer anderen Gruppe. Die "Böhsen Onkelz" haben nach eigenen Angaben nie etwas damit zu tun gehabt.

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