Besuch im Gefängnis Gutachter brachte Pralinen für Zschäpe mit

Während der NSU-Prozess noch läuft, wollte einer der Gutachter der Verteidigung Beate Zschäpe Pralinen in die U-Haft bringen. Das könnte die Strategie von Zschäpes Anwälten torpedieren.

Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer
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Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer


Keine Pralinen für Beate Zschäpe: Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer ist damit gescheitert, der mutmaßlichen Rechtsterroristin Süßes mit in die U-Haft zu bringen. Die Einlasskontrolle der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim stoppte den Gutachter der Verteidigung bei einem Besuch mit einer Schachtel Konfekt, wie aus einer Aktennotiz einer Justizbediensteten hervorgeht.

Darin beschreibt die Mitarbeiterin, wie Bauer an der Sicherheitsschleuse "unter dem ausgehändigten Begleitschein und der dazugehörigen Kontrollkarte" noch etwas in den Händen hielt. Auf Nachfragen habe er eine Schachtel Pralinen gezeigt - und bejaht, dass er diese Zschäpe mitbringen wolle. Nachdem er von der Bediensteten darauf hingewiesen worden sei, dass es nicht erlaubt sei, habe der Psychiater die Pralinen weggeschlossen.

Der Vorfall könnte Folgen für Beate Zschäpe haben: Im NSU-Prozess soll Bauer Fragen zu seinem Gutachten über die Hauptangeklagte beantworten. Der Vorfall in der JVA ereignete sich einen Tag nach seinem ersten Auftritt im Prozess vor zwei Wochen. Mit der nun bekannt gewordenen Pralinen-Lieferung könnten Zweifel an der Unabhängigkeit des Gutachters aufkommen.

Gutachter bekräftigt Persönlichkeitsstörung

Mit Bauer will die Verteidigung ein Gegengewicht zum Gutachten des vom Gericht bestellten Psychiaters Henning Saß setzen. Dieser hält Zschäpe für voll schuldfähig und weiterhin gefährlich. Bauer bescheinigte der Hauptangeklagten dagegen im Verfahren eine abhängige Persönlichkeitsstörung - und daher verminderte Schuldfähigkeit. Weil ein dritter Psychiater, Pedro Faustmann, im Saß-Gutachten methodische Fehler sah, beantragten Zschäpes Pflichtverteidiger zuletzt sogar ein komplett neues Gutachten.

Psychiater Bauer hat seinen Befund nun vor Gericht bekräftigt: So habe Zschäpe laut ihrer Aussage Angst vor Uwe Böhnhardt gehabt - will aber auch lautstark protestiert haben, wenn er und Uwe Mundlos ihr wieder einen ihrer Morde beichteten. Bauer sagte, Zschäpe habe ihm das als spontane Reaktion geschildert. "Das sei wie ein Reflexschreien gewesen." Wegen widersprüchlich erscheinender Verhaltensweisen habe er sie ein weiteres Mal in U-Haft besucht.

Zschäpe ist wegen Mittäterschaft an den Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" angeklagt. Sie ist die einzige Überlebende des NSU-Trios. Die Bundesanwaltschaft hat sie als Mitglied des NSU für alle Verbrechen der Gruppe angeklagt. Dazu gehören zehn Morde.

apr/dpa

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