Nebenklage-Plädoyers im NSU-Prozess "Können Sie einschlafen, Frau Zschäpe?"

Die Eltern des ermordeten Halit Yozgat haben bei den Schlussvorträgen im NSU-Prozess die Angeklagten direkt angesprochen - und Applaus geerntet. Auch das Gericht musste sich Vorwürfe anhören.

Angeklagte Beate Zschäpe (im Hintergrund Ralf Wohlleben)
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Angeklagte Beate Zschäpe (im Hintergrund Ralf Wohlleben)

Von  und Thomas Hauzenberger, München


Ismail Yozgat erscheint im Sitzungssaal A 101, und Erinnerungen an den 1. Oktober 2013 werden wach, einen der bewegendsten Verhandlungstage im NSU-Prozess. Sein Sohn Halit wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel mutmaßlich von den NSU-Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos erschossen. Halit Yozgat wurde nur 21 Jahre alt. Er starb in den Armen seines Vaters.

"Mit meinen eigenen Händen habe ich meinen Sohn ins Grab gelegt", sagte Ismail Yozgat an jenem Oktobertag vor vier Jahren, den Tränen nahe. Zunächst bewahrte er Ruhe, dann brach es aus ihm heraus: "Warum haben Sie mein Lämmchen getötet? Was hat er Ihnen getan?" Die fünf Angeklagten zeigten keinerlei Reaktion.

Auch an diesem 395. Verhandlungstag weichen sie Ismail Yozgats Blicken aus, als er zu ihnen spricht. Der 62-Jährige ist davon überzeugt, dass eine Ortsbegehung des Internetcafés in Kassel zur Aufklärung beigetragen hätte.

"Ich vermisse meinen Sohn so sehr"

Ismail Yozgat hält eine emotionale Rede. Er sagt, er wolle das Urteil, das über die Angeklagten gefällt werde, nicht anerkennen, solange es keine Ortsbegehung gegeben habe. "Warum machen Sie sich lustig über uns, warum hören Sie nicht auf uns?", fragt Ismail Yozgat.

Auch Halit Yozgats Mutter Ayse wendet sich an die Angeklagten, vornweg an Beate Zschäpe und fragt: "Können Sie einschlafen, wenn Sie den Kopf auf das Kissen legen?" Sie selbst könne es seit elf Jahren nicht, sagt die gebürtige Türkin. "Ich vermisse meinen Sohn so sehr."

An den Senat gewandt sagt Ayse Yozgat: "Sie waren meine letzte Hoffnung, mein Vertrauen. Ich sehe, dass bei Ihnen kein Ergebnis herauskommt. Sie haben wie Bienen gearbeitet, aber keinen Honig produziert." Sie klammert sich an ihren Glauben und schließt ihre Rede mit den Worten: "Es wird eines Tages der Tag kommen, an dem Allah alles aufklären wird." Prozessbeobachter applaudieren nach den Worten des Ehepaares.

"Wir wissen bis heute nicht, warum Halit Yozgat ermordet wurde", sagt Rechtsanwältin Doris Dierbach, die mit Thomas Bliwier und Alexander Kienzle die Familie vor Gericht vertritt. "Natürlich war das ein rassistischer Mord, aber wie kamen Mundlos und Böhnhardt gerade auf das Internetcafé in der Holländischen Straße in Kassel? Wieso wussten sie, dass Halit Yozgat sich entgegen der ursprünglichen Planung der Familie zum Zeitpunkt seiner Ermordung noch im Internetcafé aufhielt, obwohl er längst weg sein wollte nach Ablösung durch seinen Vater?"

Dierbach stellt all die Fragen, auf die es auch nach dem Mammutprozess keine Antworten gibt: Wie kommen Mörder aus Thüringen auf Kassel, wie auf Halit Yozgat?

Auffallende Merkwürdigkeiten

Die Unterstellung der Bundesanwaltschaft, die Auswahl der meist jüngeren Männer sei purer Zufall, stelle "eine Kapitulation oder eine faule Ausrede" dar, erklärt Dierbach. Zwischen den Tätern und den Opfern habe es keine Verbindung gegeben. "Jemand muss die Tatorte ausgekundschaftet haben, jemand muss in die Städte gefahren sein und nach potenziell geeigneten Opfern gesucht haben." Alles ohne lokale Unterstützer? Ohne Hilfe bei der Vorbereitung der "jeweils bestehenden soliden rechtsradikalen Szene an den einzelnen Tatorten"?

Dierbach beschreibt Halit Yozgat als einen "Kasseler Jungen wie Tausende andere", der akzentfrei Deutsch sprach, dessen Eltern auch nach Deutschland gekommen seien, um gerade ihm und seinen Schwestern ein besseres Leben zu ermöglichen. Seine Eltern hätten mit allem gerechnet - nur nicht damit Opfer von "Illiberalität, Rassismus und schlichter Menschenverachtung" zu werden.

Im Fall Halit Yozgat gibt es auffallende Merkwürdigkeiten: Im Internetcafé hielt sich zum Zeitpunkt der Tat Andreas T. auf, ein Mitarbeiter des Hessischen Landesamts für Verfassungsschutz - ein V-Mann-Führer. Er will keine Schüsse gehört, den Sterbenden hinter dem Tresen nicht bemerkt haben. Andreas T. verließ den Tatort, bevor Ismail Yozgat seinen schwer verletzten Sohn auf dem Boden liegend vorfand.

Beim neunten Mord, der dem NSU zugeordnet wird, war ein V-Mann-Führer am Tatort. Für Ismail Yozgat, den Vater, steht fest, dass Andreas T. in den Mord involviert war. In seiner Ansprache erhebt er auch schwere Vorwürfe gegen Ministerpräsident Volker Bouffier, der ab April 1999 Innenminister in Hessen war.

"Volle Rückendeckung durch seine Behörde"

Dierbach lobt in ihrem Plädoyer zwar die Befragung Andreas T.s durch den Senat; gebracht habe sie allerdings nichts. "Er hat nicht nur uns, sondern von Beginn der Ermittlungen an auch die Ermittler belogen und er konnte das tun, weil er volle Rückendeckung durch seine Behörde hatte", sagt Dierbach und wendet sich an die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, die nicht wie bei ihrer Festnahme angekündigt, ausgepackt habe, sondern die "hinter den Taten und der sie begründenden Ideologie stand und steht". "Dafür werden Sie, Frau Zschäpe, eine sehr lange Zeit im Gefängnis verbringen."

Warum dieses langwierige Verfahren dennoch keine vollständige Aufklärung erbracht habe, konstatiert Dierbach am Ende ihres Vortrages, liege daran, dass "der Verfassungsschutz bis heute seine Erkenntnisse nicht vollständig offenlegt, keinen Zugang zu seinen 'Quellen' ermöglicht und damit die Vernehmung wichtiger Zeugen vereitelt". Übrig bleibe die Erkenntnis, warum die Bundesanwaltschaft über diesen Zustand kein Wort verliere.

Ihr Kollege Alexander Kienzle sagt, die Familie Yozgat habe sich erhofft, dass das gerichtliche Verfahren auch aufklären würde, inwieweit staatliche Stellen an der Ermordung ihres Sohnes, ihres Bruders Anteil hatten und hierfür mit verantwortlich zu machen waren. Doch "durch seine restriktive Handhabung der Amtsaufklärungspflicht" habe dies der Senat verweigert.

Kienzle warf der Bundesanwaltschaft und auch dem Staatsschutzsenat vor, sie hätten "mit Blick auf staatliche Mitverantwortung nicht aufgeklärt, was aufgeklärt werden konnte, sondern nur, was sich nicht vermeiden ließ". Damit sei eine "historische Chance verspielt" worden.

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