Nebenkläger im NSU-Prozess Wer die wahren Opfer sind

Im NSU-Prozess streiten sich die Anwälte der Nebenkläger. Tatsächlich ist bei manchen Opfervertretern fraglich, warum sie überhaupt zugelassen wurden.

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Blick in den Gerichtssaal: Wer will wie viel Aufklärung?
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Blick in den Gerichtssaal: Wer will wie viel Aufklärung?


Es war damit zu rechnen, dass im Chor der Nebenklage-Anwälte im Münchner NSU-Prozess auch Stimmen ertönen würden, die den Eindruck von Gleich- und Wohlklang stören könnten. Aber nicht mit einer solchen Kakofonie, wie sie seit vergangener Woche anschwillt, seit der Nagelbomben-Anschlag des NSU auf die Kölner Keupstraße verhandelt wird.

Erst traten als Zeugen jene Personen auf, die von der hinterhältigen Attacke schwer verletzt wurden: denen zehn Zentimeter lange Nägel in den Körper drangen, mit denen die Täter die Bombe präpariert hatten, deren Kleider und Haare brannten, die von umherfliegenden Glassplittern verletzt wurden.

Dann aber sagte die erste Nebenklägerin aus, die nicht unmittelbar von den Folgen des Anschlags betroffen war. Sie plagte sich "nur" mit der Vorstellung, was ihr und ihrem Sohn hätte passieren können, hätte sie sich zur Tatzeit nicht in ihrer Wohnung im ersten Stock eines Hauses an der Keupstraße befunden. Von Höhenangst war die Rede, bis sich herausstellte, dass diese bei der Frau schon von Jugend an bestand.

"Die wissen schon, warum sie keine Aufklärung wollen!"

Schon länger verläuft eine Front zwischen den Anwälten der Nebenkläger. Hier jene Opferanwälte, die Hinterbliebene und tatsächlich Geschädigte vertreten und vom Senat eine möglichst umfassende Aufklärung der Hintergründe der Verbrechen des NSU fordern.

Dort die Anwälte, die bisweilen ihren Kollegen "in den Rücken fallen" und fordern, man müsse sich vor Gericht mehr auf das ihrer Meinung nach Wesentliche konzentrieren. Ihre Mandanten wollten schließlich nicht immer wieder an die Erlebnisse von vor zehn und mehr Jahren erinnert werden; es sei nun genug mit der Aufklärung. Diese Anwälte stellen sich gern auf die Seite der Bundesanwaltschaft, die den Senat mahnend auf das Beschleunigungsgebot hinweist.

Bisher trat diese Front kaum offen zutage - nun aber fiel das böse Wort: "Die wissen schon, warum sie keine Aufklärung wollen!", rief ein Nebenkläger jenen zu, die es eher mit der Bundesanwaltschaft halten. Ein Konflikt, der schon länger schwelte, ist offenbar geworden. Denn ausgerechnet diese Anwälte geraten in den Verdacht, sich ihre Opfer "gebastelt" zu haben, wie eine Anwältin es ausdrückte.

Tatsächlich ist fraglich, warum die von Höhenangst geplagte Zeugin als Nebenklägerin zugelassen wurde. Das Argument, die Täter hätten möglicherweise auch ihre Tötung in Kauf genommen, genügte. Und diese Frau ist nicht die Einzige unter den Nebenklägern, die im Rechtssinne nie Geschädigte waren, trotzdem aber als Opfer plus Anwalt vor Gericht auftreten.

"Da kommt noch etwas auf uns zu"

Die Unruhe unter den Nebenklägern wuchs noch, als Widersprüche zwischen den Aussagen von Zeugen und dem Schriftsatz ihres Anwalts auftauchten. Er hatte etwa ein "Knalltrauma" bei seinen drei Mandanten bei Gericht geltend gemacht, wovon die, unvorbereitet wie sie offensichtlich waren, gar nichts wussten.

So stellt sich die Frage, ob der Gesetzgeber die Berechtigung zur Nebenklage nicht doch zu weit ausgedehnt hat. Sicher ist: Das Institut der Nebenklage insgesamt gerät auf diese Weise in Verruf, ebenso die Anliegen der wirklich Geschädigten. Das ist schade angesichts der Erfolge der Nebenklage, den Prozess voranzubringen.

Der Senat ist dabei noch nicht aus dem Schneider. Er darf sich nicht den Vorwurf zuziehen, wissentlich Zeugen als Nebenkläger zugelassen zu haben, die dazu nicht berechtigt sind.

Fragt sich, wer für dieses Desaster verantwortlich ist: Sicher nicht die Bewohner der Keupstraße, die sich heute noch mit Schrecken an die Detonation der Nagelbombe erinnern. Der Senat, der sich Opfern gegenüber großzügig erweisen wollte? Oder schwarze Schafe unter den Anwälten der Nebenklage, deren Beiordnung nun fraglich erscheint? "Da kommt noch etwas auf uns zu", unkte ein Opferanwalt.

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