NSU-Prozess Opferanwalt wirft Anklägern mangelnden Aufklärungswillen vor

Hat die Bundesanwaltschaft kein Interesse daran, einen tieferen Einblick in die Struktur des NSU zu erlangen? Das warf der Anwalt eines Opfers den Anklägern im NSU-Prozess vor. Auch mit der Verteidigung legte er sich an.

Von , München

Angeklagte Zschäpe: Verteidiger protestierten vergebens
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Angeklagte Zschäpe: Verteidiger protestierten vergebens


Die spannenden Augenblicke im Münchner NSU-Verfahren kommen bisweilen unverhofft. Zum Beispiel an diesem Dienstag. Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann aus Kiel hatte beantragt, der Senat möge einen in Polen inhaftierten Zeugen laden, der Angaben zum Angeklagten Ralf Wohlleben und dessen Unterstützungshandlungen zugunsten des NSU liefern könne, die über die Anklagevorwürfe hinausgingen.

Die Stellungnahme der Bundesanwaltschaft lautete: unzulässig und ungeeignet zur Klärung der Frage, ob Zschäpe nun Mittäterin gewesen sei oder sich "nur" der Beihilfe unter anderem zu zehn Morden und 15 Raubüberfällen schuldig gemacht habe. Der Fokus der Ankläger richtet sich streng nur auf diese Frage. Außerdem, monierte Staatsanwalt Stefan Schmidt, sei Hoffmanns Mandantin von dem Nagelbombenattentat in der Kölner Keupstraße betroffen; Wohlleben habe damit nichts zu tun. Auch deshalb sei der Antrag abzulehnen.

Opferanwalt Hoffmann gab sich mit solchen Argumenten nicht zufrieden. Er warf der Bundesanwaltschaft vor, eine weitere Aufklärung der NSU-Verbrechen zu "verhindern". Sie sei "nur bemüht, ihre einmal formulierte Anklage zu halten". Ein Beweisantrag, der darauf abziele, "die Struktur der terroristischen Vereinigung NSU" weiter aufzuklären, fragte Hoffmann, der solle unzulässig sein?

Sagt der Zeuge oder der Angeklagte die Wahrheit?

Auffällig oft stoßen Anliegen der Nebenklage bei der Bundesanwaltschaft auf taube Ohren. Ein Nährboden für Verschwörungstheorien. Wenn sich Staatsanwalt Schmidt dann auch noch über Diskussionsbeiträge anderer Beteiligter sichtlich amüsiert, tut dies sein übriges.

Noch einmal kommt es zu einer Kontroverse Hoffmanns, diesmal mit der Verteidigung. Es geht um den Zeugen Alexander S. aus der vorigen Woche, der zur Übergabe der AOK-Karte seiner Frau an den Mitangeklagten Holger G. gegen ein Entgelt von 300 Euro - offensichtlich benötigt für Beate Zschäpe - befragt worden war. S. will sich wie seine Frau nichts gedacht und nichts gesagt und nichts in Erinnerung haben.

Holger G.s Aussagen vor Ermittlern dazu klangen anders: Er habe Frau S. "bequatschen" müssen und ihr damals versichert, es werde mit der Karte schon "kein Scheiß" angerichtet. Demnach müsste es ein Gespräch über die Verwendung der Karte gegeben haben. Wer gibt schon die Versichertenkarte in unbekannte Hände? Und wer sagt die Wahrheit?

"Ich hatte damals Geldnot"

Der Verteidigung Zschäpes liegt viel daran, Holger G.s Angaben insgesamt in Zweifel zu ziehen, denn er hat die Hauptangeklagte belastet. Weil er sich Vorteile verspricht? Wie der Angeklagte die Begebenheit mit der AOK-Karte schildert, klingt allerdings zumindest lebensnäher an als die von Alexander S.

Unisono protestieren Zschäpes Verteidiger gegen Hoffmann. Darf sich ein Opferanwalt überhaupt, und wenn ja, wie lange, zur Glaubhaftigkeit der Angaben eines Angeklagten äußern? Überschreitet er damit nicht seine Befugnisse? Ein vorweggenommenes Plädoyer, wenn sich ein Opferanwalt zum jetzigen Zeitpunkt zur Glaubwürdigkeit eines Angeklagten erklärt? Der Vorsitzende Manfred Götzl und sein Senat lassen Hoffmann gewähren.

Mehr Glück hatten die Zschäpe-Verteidiger mit einer 25 Jahre alten Zeugin aus Zwickau, die vermutlich 2010 vor einem Handy-Shop von einer Frau angesprochen worden war: Sie wolle ihrer Nichte ein Prepaid-Handy schenken, habe aber ihren Ausweis vergessen. "Ich hab mir nichts gedacht dabei. Ich hatte damals Geldnot, war drogenabhängig und auf dem Weg in die Stadt, Geld zu machen", sagt die Zeugin nun. War die Frau Beate Zschäpe? Sie wisse nur, dass die Frau damals Stöckelschuhe getragen habe und sehr schlank und größer als sie selbst gewesen sei. Zschäpes Verteidiger lächeln.

Der Inhalt von Zschäpes Tasche

Später folgte ein Polizeibeamter aus Zwickau. Er hatte nach der Festnahme am 8. November 2011 Zschäpes Kleidung und Tasche samt deren Inhalt gesichert. In breitestem Sächsisch und bedächtigster Ausführlichkeit präsentiert er Fotos von Bluse, Pullover, einer schwarzen Hose, Schuhen, Socken ("ich hab assoziiert, dass man sie länger getragen hat"), Unterwäsche. Er spricht "beigebraun" so aus wie man es schreibt.

In der Tasche fanden sich unter anderem ein Geldbeutel mit 12,23 Euro Münzgeld, eine Armbanduhr, ein Pfefferspray, ein "Schönes-Wochenende-Ticket" der Bahn, ausgestellt am 6. November 2011 und mit einer gefälschten Unterschrift versehen.

Aber kein Lippenstift, kein Puder, kein Rouge, kein Kamm, kein Spiegel, keine Creme. Nicht einmal eine Zahnbürste oder frische Wäsche. Nur eine Strumpfhose und ein Deo sprechen für die Annahme, Zschäpe sei auf die Flucht aus dem brennenden Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße am 4. November 2011 vorbereitet gewesen.



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