Kripo-Beamter zu NSU-Mord "Ich habe so etwas noch nicht gesehen"

Im NSU-Prozess wird mehr und mehr deutlich, wie skrupellos die Täter der Ceska-Mordserie vorgingen. Nun sagte ein erfahrener Kripobeamter zum Mord an Mehmet Turgut in Rostock aus. Er ist sich sicher, dass es nicht die Tat eines Einzelnen war.

Gedenkstein für Mehmet Turgut in Rostock: Er starb im Februar 2004
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Gedenkstein für Mehmet Turgut in Rostock: Er starb im Februar 2004

Von , München


Der erste Zeuge des Verhandlungstages, ein Kripobeamter aus Rostock, erklärt Fotos, die auf den Videoflächen an der Wand vergrößert gezeigt werden. Tatort ist ein Kebab-Grill an abgelegener Stelle am Neudierkower Weg in Rostock. Der Weg verbindet eine Plattenbausiedlung mit einer Straßenbahnhaltestelle. Es ist ein trostloser Ort, der offenbar nur zu den Stoßzeiten häufiger frequentiert wurde von Leuten, die in die City wollten oder von dort kamen.

Das Oberlandesgericht München befasst sich am Mittwoch mit dem Mord an Mehmet Turgut, der 25-Jährige wurde am 25. Februar 2004 erschossen. "Wir haben uns gefragt", sagt der Zeuge im NSU-Prozess, "wieso sich die Täter ausgerechnet diesen Ort ausgesucht haben".

Wieso "die" Täter? Weil die Spurenlage keinen anderen Schluss zulasse, sagt der Zeuge, der seit 25 Jahren Morddelikte bearbeitet. Es seien keine Blutspritzer oberhalb des Fußbodens festgestellt worden. "Ein Mensch, der bedroht wird, wehrt sich", erklärt der Beamte. Das lasse sich an den Spuren am Tatort ablesen. Hier habe es nichts dergleichen gegeben.

"Die Menschen wollten nur töten"

Die Täter hätten Mehmet Turgut vormittags zwischen 10.10 und 10.20 Uhr offensichtlich in dem Imbiss überrascht, zu Boden gebracht, dort fixiert und mit "fast aufgesetzten Schüssen" in Hals, Nacken und Kopf getötet. Turgut habe keine Chance gehabt. Ein weiterer Schuss verfehlte das Opfer.

Hätte ein Täter allein dies bewerkstelligen können? Es muss eine regelrechte Hinrichtung gewesen sein. "Ich habe so etwas noch nicht gesehen", sagt der Zeuge. "Wieso? Das Opfer kann sich doch auch freiwillig auf den Boden gelegt haben", wendet der Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben, der Rechtsanwalt Olaf Klemke aus Cottbus, ein.

Der Imbiss war damals gerade geöffnet worden. Die Planen vor den Fenstern waren beiseite geräumt, Mülltüten waren bereitgestellt, das Gemüse frisch geschnitten, die Kaffeemaschine angeschaltet. Die Tür zum Innern war geschlossen, als der Besitzer des Standes den noch röchelnden Mann in seinem Blut fand. Er zog ihn ins Freie, nahm ihn in den Arm. Das Blut floss in Strömen. "Die Menschen die da reingegangen sind", sagt der Beamte, "wollten nicht rauben oder zerstören, sondern nur töten." Beate Zschäpe spielt mit ihrem Namensschild auf der Anklagebank.

In der Anklageschrift heißt der Getötete noch "Yunus" Turgut. Tatsächlich war aber der zwei Jahre ältere Mehmet umgebracht worden. "Können Sie etwas zu den Belastungen sagen, denen die Angehörigen des Opfers ausgesetzt waren?", fragt der Senatsvorsitzende Manfred Götzl einen weiteren Zeugen aus der Rostocker Kriminalpolizei. "Wir haben, da das Motiv für die Tat nicht klar war, Ermittlungen zum Opfer betrieben. Das ist üblich", antwortet der Zeuge. Es habe Hinweise auf organisierte Kriminalität gegeben wie Geldwäsche und möglicherweise Drogendelikte. "Die Ermittlungen in diese Richtung überwogen."

Tatsächlich hatten die Brüder Yunus und Mehmet Turgut bei den deutschen Behörden durch den Tausch ihrer Identitäten Verwirrung gestiftet. Yunus, der wahrscheinlich Mehmet war, fiel seit 1994 mehrfach auf, weil seine Asylanträge jeweils negativ beschieden wurden. Er war abgeschoben worden. Trotzdem erschien er immer wieder in Deutschland und hielt sich hier illegal auf. An dem Kebab-Grill in Rostock, wo er zuletzt als Bedienung arbeitete, kannte man Mehmet Turgut als "Hassan". Der Besitzer des Imbisses sagt zwar, Mehmet sei nur sein "Gast" gewesen. Aber das muss er wohl, um nicht Ärger mit den Behörden zu bekommen.

"Er war ein guter Mensch, ein armer Junge"

Auf dem Grabstein in der Türkei jedenfalls steht "Yunus", obwohl Mehmet dort begraben liegt. "Die Meldevorschriften in der Türkei sind wohl nicht so streng wie bei uns", sagt der Zeuge. Weil jegliche Hinweise auf einen rechtsradikalen Hintergrund gefehlt hätten, habe man Ausländerfeindlichkeit als Motiv ausgeschlossen.

Und doch: Tatwaffe war in Rostock wieder jene Ceska 83 gewesen, die bereits in vier ähnlichen Fällen zum Einsatz gekommen war. Ermittler aus München und Nürnberg trafen sich damals in Rostock und setzten sich dafür ein, dass die Staatsanwaltschaften die Verfahren zusammenführten. "Aber es gab eben keine Fingerspuren, keine DNA, nichts, was auf bestimmte Täter hingewiesen hätte", sagt einer der Polizeizeugen. "Wir fragten bei den Fachdienststellen, dem Staatsschutz, dem Verfassungsschutz und beim Bundeskriminalamt nach. Wenn die nichts haben, müssen wir das hinnehmen."

Der Vorsitzende bittet um eine Beschreibung des Opfers. "Er war ein guter Mensch, ein armer Junge", antwortet der Imbissbesitzer, ein Deutscher türkischer Abstammung. Hatten die Täter vielleicht ihn, der sich am Tattag verspätete, im Visier gehabt? Der Besitzer hatte damals gerade die Bewilligung erhalten, seine Familie aus der Türkei nachkommen zu lassen. Die Öffnungszeiten des Kebab-Grills waren nirgends angeschrieben. Der oder die Täter, so sieht es aus, müssen anscheinend gewusst haben, dass der Geschäftsbetrieb um 10 Uhr begann, denn sie waren wenig später zur Stelle.

Die Wohlleben-Verteidigung, vor allem Nicole Schneiders, die in der rechten Szene bekannte Anwältin, stochert in den Turgut-Akten. "Ich verwahre mich nachdrücklich gegen jeden Versuch", entgegnet Bernd Behnke, einer der Opferanwälte, "dass mögliche Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder der Familie Turgut hier in die Verhandlung Eingang finden. Hier geht es um schwerste Tötungsverbrechen. Das ist das falsche Gelände für Versuche, die Familie in Misskredit zu bringen."

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