Carsten S. im NSU-Prozess Gefühlte Wahrheit

Der Angeklagte Carsten S. hat im NSU-Prozess ausgesagt. Er ist zwar glaubhaft, aber wenig verlässlich, oft kann er sich an Fakten nicht erinnern, eher an Gefühle und Eindrücke. Eine Befragung durch den Wohlleben-Anwalt zeigte dies abermals.

Von , München

Angeklagter Carsten S.: "Ich weiß, dass das Geld von ihm kam."
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Angeklagter Carsten S.: "Ich weiß, dass das Geld von ihm kam."


Der Angeklagte Carsten S. ist "der Mann mit der Ceska", jene Person also, die den Mitgliedern des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) die Waffe Ceska 83 übergeben haben soll, mit der Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos später vermutlich zehn Personen getötet haben. Den Auftrag, eine Waffe, möglichst deutscher Herkunft, bei einem Händler in Jena zu besorgen, soll er laut Anklage vom Mitangeklagten Ralf Wohlleben bekommen haben. Dieser hielt damals mit dem untergetauchten Trio Kontakt, zu dem neben Böhnhardt und Mundlos auch Beate Zschäpe gehörte. Von Wohlleben soll S. auch das Geld für die Waffe erhalten haben.

Vor mehr als zehn Jahren hatte sich S. glaubhaft und radikal von der rechten Szene gelöst. Von Beginn des NSU-Prozesses an war er aussagebereit. An den ersten Verhandlungstagen im Juni hatte er sich schon ausführlich vor Gericht geäußert und auch Rede und Antwort gestanden auf Fragen der Nebenklage. Allerdings weigerte er sich, Fragen der Verteidigung Wohllebens zu beantworten, unter der Begründung, er mache sich nicht "nackig", während andere sich hinter ihrem Recht zu schweigen verschanzen würden, zum Beispiel Wohlleben.

Das sei keine Waffengleichheit, argumentierte S., der zu Wohlleben einiges, zur ebenfalls schweigenden Beate Zschäpe hingegen weniger sagen konnte. Mit ihr hatte er in den kurzen Jahren seiner Zugehörigkeit zur rechten Szene Thüringens kaum zu tun. Doch Wohlleben hielt er damals offenbar für seinen Freund. Dies jedoch ist längst Vergangenheit.

"Die einzigen Kaufhäuser, die ich kenne"

Sowohl der Senat als auch die Bundesanwaltschaft signalisierten S., der neben Jacob Hösl von dem eher der linken Szene angehörigen und in der Antifa-Bewegung verankerten Verteidiger Johannes Pausch verteidigt wird, er möge sich noch einmal besinnen, ob er nicht doch besser umfassend aussagen wolle. Jetzt, am 45. Verhandlungstag, war es soweit.

Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke versuchte mit allen Mitteln der Befragungskunst, die Glaubwürdigkeit von Carsten S. in Frage zu stellen. Doch dieser Angeklagte ist, wie er ist: Einer, der nicht präzise Antworten geben kann, weil er sich allenfalls an Bilder, Gefühle und Eindrücke erinnert und dies auch offen zugibt, nicht aber an konkrete Fakten. Einer, der assoziiert, der immer wieder sagt: "Ich gehe mal davon aus, dass..." oder "Ich habe das Gefühl, dass..."

"Aha, wieder das Gefühl", sagt Klemke.

Klemke zitiert die Aussage von Carsten S., er habe Böhnhardt und Mundlos in Chemnitz getroffen, um ihnen die Waffe zu übergeben. Er sei am Bahnhof abgeholt worden, man sei dann in das Restaurant eines Kaufhauses gegangen. Welches Kaufhaus? "Galeria Kaufhof oder Karstadt", antwortet S. "Wie kommen Sie darauf?", fragt Klemke. "Das sind die einzigen Kaufhäuser, die ich kenne", sagt S. Gab es diese Kaufhäuser damals in Chemnitz überhaupt? Wenn man "davon ausgeht", ja, sonst eher nicht.

Woran erinnert sich S. sicher? Woran macht er seine Erinnerung fest? Hat er tatsächlich die Tatwaffe übergeben? Woran erkannte er die, als man ihm nach der Festnahme ein Sortiment an Waffen vorlegte? Hat Wohlleben eine Waffe mit Schalldämpfer bestellt? Was hat S. sich dabei gedacht? Wie kommt er auf die Zahl von 50 Stück Munition?

"Ihnen ist erst in der zweiten Vernehmung beim Ermittlungsrichter in Karlsruhe klargeworden, dass Wohlleben Handschuhe trug, als er die Waffe entgegennahm?" Vorher sei von Handschuhen nicht die Rede gewesen. Warum dann auf einmal? Jemand habe ihm ein Stichwort gegeben, sagt S. Wer? Jemand von der Bundesanwaltschaft? "Es war so eine Idee, ich musste erst nachdenken und wurde dann immer sicherer", antwortet S. "Und jetzt sind die Handschuhe schon schwarz, am 45. Verhandlungstag", sagt Klemke.

Die Fallen des Anwalts

Ist S. nicht doch der "Kronzeuge", der sich selbst auf Kosten anderer Angeklagter Vorteile zu verschaffen hofft? Sein Verteidiger Pausch weist diesen Verdacht zurück. S. sei einfach nur aussagebereit, er sei kein Rechter mehr. Je länger Klemke fragt, desto mehr tritt jene - zwar glaubhafte, aber doch kaum beim Wort zu nehmende - Auskunftsperson S. zu Tage, die man schon zu Prozessbeginn kennengelernt hatte.

Klemke versucht, Fallen zu stellen.

"Woher kam das Geld für die Waffe?"

"Das erinnere ich nicht." Er wisse nur "hundertprozentig, dass es nicht von mir kam".

"Ein anderer als Herr Wohlleben kommt für Sie nicht in Frage?"

"Nein, ich weiß, dass das Geld von ihm kam."

"Woher wissen Sie das, wenn Sie keine Erinnerung haben?"

"Ich weiß es einfach."

Klemke legt eine Kunstpause ein. "Aha", sagt er dann und wechselt das Thema.

Er sei immer wieder "tief in meine Erinnerung gestiegen", beteuert S. "Also in ihre tiefsten Tiefen", sagt Klemke ironisch. Und je tiefer S. stieg, so der Eindruck, desto bunter wurden manche Details oder eben blasser, je nachdem. S. müht sich redlich, antwortet alles andere als strategisch. Er ist mittlerweile etwas gelassener, wirkt nicht mehr so zerquält wie noch zu Beginn des Prozesses. An seinen Kernaussagen allerdings ändert das alles nichts.

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