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NSU-Prozess: Der ominöse Mann im Internetcafé

Von , München

Beate Zschäpe mit Anwälten: Hauptangeklagte im NSU-Prozess Zur Großansicht
DPA

Beate Zschäpe mit Anwälten: Hauptangeklagte im NSU-Prozess

Als Halit Yozgat erschossen wurde, hielt sich auch der hessische Verfassungsschützer Andreas T. am Tatort auf. Von dem Mord will er nichts mitbekommen haben. Ein neuer Beweisantrag im NSU-Prozess lässt den Fall noch nebulöser erscheinen.

Zu sehen ist eigentlich nur ein Mann in einem Internetcafé. Und trotzdem müsste das rund 90-sekündige Video dazu beitragen, dass die ungeklärte Rolle des suspendierten hessischen Verfassungsschützers Andreas T. im Mordfall Halit Yozgat stärker hinterfragt wird. Die Aufnahmen wurden nun im NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht gezeigt.

Auf den Bildern ist T. in dem Kasseler Internetcafé zu sehen, in dem Halit Yozgat am 26. April 2006 mit zwei Schüssen aus einer Ceska 83 getötet wurde. Der Mord wird den mutmaßlichen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zur Last gelegt.

Das Video zeigt, wie T., ein großgewachsener Mann, zunächst von einem Platz mit Computer im hinteren Teil des Internetcafés aufsteht und in den vorderen Teil mit den Telefonkabinen geht. Er öffnet die Ladentür, schaut auf die Straße, geht wieder zurück in den Raum. Später legt er Kleingeld auf den Tresen und verlässt endgültig den Laden.

Das Video ist von der Polizei und stammt aus dem Jahr 2006. Es handelt sich dabei um eine Rekonstruktion, mit deren Hilfe das Verhalten von T. an jenem Tag im Internetcafé nachgestellt werden sollte. Denn T. war damals nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zur Tatzeit in den Räumlichkeiten. Weil er sich damals nicht als Zeuge zur Verfügung stellte, war er unter Tatverdacht geraten. Die Ermittlungen gegen ihn hatten aber keine Verbindungen zur mutmaßlichen Mordserie des NSU ergeben.

Kann T. wirklich, so wie er es bislang bei seinen Aussagen im NSU-Prozess behauptete, nichts von dem Mord mitbekommen haben? Er will nichts von den zwei Schüssen gehört haben, durch die Halit Yozgat noch am Tatort starb. Er will auch nicht den auf dem Boden liegenden und blutenden Yozgat gesehen haben.

Die Rekonstruktion am Tatort zeigt aber, dass der Tresen in der Nähe des Ausgangs nichts anderes ist als ein herkömmlicher Schreibtisch, es gibt keine Sichtblenden oder ähnliches. Und dann will ein großgewachsener Mann wie T., der noch dazu für Observationen geschult ist, dort nichts gesehen haben, als er den Laden verließ? Seine bisherigen Aussagen im NSU-Prozess haben bereits Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen genährt, am Mittwoch ist er erneut als Zeuge geladen.

Erschreckend naiv

An diesem Dienstag sagte eine ehemalige Kollegin von T. aus. Auch die Schilderungen der Beamtin des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz (LfVH) trugen kaum dazu bei, das Vertrauen der Nebenkläger in die Arbeit der Behörden zu stärken. Die 58-jährige Oberamtsrätin Jutta E. wirkte phasenweise erschreckend naiv.

Sie könne sich an ein Gespräch mit Vorgesetzten erinnern, dass diese es für die Arbeit der Verfassungsschützer für sinnvoll hielten, "mal im Internet zu schauen, was alles geschrieben wird". Sie selbst sei damals der Meinung gewesen, dass sie derartige Recherchen "nicht auch noch bewältigen" könnten, T. sei dagegen "nicht abgeneigt" gewesen.

Jutta E. stand in der Hierarchie damals über Andreas T. Den Ausführungen der Beamtin zufolge beauftragte sie ihn am Tag nach dem Mord an Yozgat, Erkundigungen beim Staatsschutzkommissariat zu dem Fall einzuholen. Er selbst habe ihr damals gesagt, dass er das Internetcafé kenne, weil es auf seinem Weg von der Arbeit zu seiner Wohnung liege. Dass er sich in dem Laden aufgehalten hatte, sagte er ihr allerdings nicht. Davon habe sie erst erfahren, als sie aus ihrem Urlaub zurückgekehrt sei, der wenige Tage nach dem Mord begonnen habe. "Da war er schon verhaftet", sagte die Zeugin über T. Kontakt zu ihm habe sie nicht mehr, so die Zeugin.

Rechtsanwalt Thomas Bliwier, einer der Nebenklagevertreter der Familie Yozgat, stellte den Beweisantrag, zwei Beamte des Landespolizeipräsidiums Hessen als Zeugen zu laden. Dem Antrag zufolge kamen die beiden Polizeibeamten anhand von abgehörten Telefonaten zu dem Ergebnis, dass T. damals von Mitarbeitern des LfVH wegen der Ermittlungen beraten wurde, "sich anwaltlich vertreten zu lassen".

Darüber hinaus habe der Leiter der Außenstelle Kassel - T.s Arbeitsplatz - dem damals Beschuldigten "konkrete Inhalte von Absprachen" zwischen Zeugen mitgeteilt. Die beiden zu ladenden Beamten seien außerdem zu dem Ergebnis gekommen, T. "werde seitens des Landesamtes dahingehend beraten, seine Kooperationsbereitschaft im Rahmen der Ermittlungen aufzugeben".

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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