NSU-Prozess Das Ceska-Rätsel

Der NSU verfasste keine Bekennerschreiben, aber er beging mutmaßlich neun Morde mit derselben Waffe - für die Ermittler war dadurch schon früh ein Zusammenhang zwischen den Taten klar. Wie gelangte die Ceska in den Besitz der Neonazis?

Tatwaffe Ceska 83: Wie kam sie aus der Schweiz nach Thüringen?
Getty Images

Tatwaffe Ceska 83: Wie kam sie aus der Schweiz nach Thüringen?

Von , München


Wie geriet die Ceska 83 in die Hände des "Nationalsozialistischen Untergrunds"? Jene Waffe, mit der neun Personen ausländischer Herkunft in den Jahren 2000 bis 2006 erschossen wurden? Der Senat des Oberlandesgerichts München geht dieser Frage mit großer Gründlichkeit nach.

Am Dienstag schon wurden zwei Polizisten der Berner Kantonspolizei intensiv befragt, was sie noch wüssten über Vernehmungen von Personen, die möglicherweise als erste die Tatwaffe in Händen hielten. Am Mittwoch wurde die Befragung des einen Polizisten, Patrick R., fortgesetzt.

Der Zeuge R. hatte den Schweizer Peter Anton G. 2009 und 2012 vernommen, dessen Angaben bis dato vielfältig und höchst zweifelhaft erschienen. Mit G.s Papieren waren nachweislich 1996 bei der Berner Firma Schläfli und Zbinden zwei Ceskas bestellt und an G.s Adresse versandt worden.

Schweigen verdeckte die Spur

Doch G. wollte sich in den Vernehmungen nicht erinnern, je ein derartiges Paket erhalten zu haben. Er verschwieg im Jahr 2007 zunächst auch, die Waffenerwerbsscheine, die er legal bei der Gemeinde Steffisburg beantragt und erhalten hatte, 1996 an einen gewissen Hansulrich M. für 400 Schweizer Franken verkauft zu haben, weil er damals in finanziellen Nöten gewesen sei.

Hätte G. dies gleich offengelegt - die Ermittler wären vielleicht viel schneller auf die richtige Spur gelangt. Denn Hansulrich M. hatte in der Vergangenheit in Apolda bei Jena gelebt, er kannte Enrico T., einen der besten Freunde Uwe Böhnhardts. Die Frage, was Hansulrich M. wohl mit den Waffenerwerbsscheinen G.s vorhatte, hätte sich vielleicht schnell beantwortet. Eine mögliche Waffenbeschaffung für das 1998 untergetauchte Trio Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe hätte auf der Hand gelegen. Die Waffenbeschaffung des NSU hätte sich dann vielleicht als eine frühzeitig und geradezu generalstabsmäßig geplante Aktion dargestellt. Der NSU verfasste keine Bekennerschreiben. Aber verwendete neun Mal dieselbe Waffe.

2007 war schon bekannt, dass neun Personen ausländischer Herkunft in Deutschland mit ein- und derselben Ceska 83 erschossen worden waren. Die Ermittler stellten allerlei Theorien auf, ob die getöteten Kleingewerbetreibenden vielleicht in kriminelle Machenschaften hier oder in ihren Heimatländern verwickelt waren. Der Frage nach möglichen Tätern aus dem rechtsextremen Milieu ging man fatalerweise aus dem Weg.

Mit Waffen "nichts am Hut"

Peter Anton G. geriet den Ermittlern 2012 wieder ins Visier. Zuvor war jene Ceska 83 mit verlängertem Lauf und Schalldämpfer, die bei den NSU-Morden verwendet worden war, im Brandschutt des Hauses in der Zwickauer Frühlingsstraße gefunden worden. Das Haus, das als letzter Unterschlupf des NSU gedient hatte. Die Herkunft der Waffe war jetzt klar: Sie stammte definitiv aus dem Kontingent von Schläfli und Zbinden und war laut Waffenbuch an G. versandt worden.

Der aber bestritt hartnäckig, sie je in Empfang genommen zu haben. Nach der Erinnerung des Zeugen Patrick R. an die Vernehmungen 2009 und 2012 wollte Peter Anton G. auch nicht sagen, wie Hansulrich M. wohl in den Besitz seiner Identitätskarte gelangt sein könnte, ohne die der Kauf der Ceska 1996 nicht möglich gewesen wäre. Er könne sich dies auch nicht erklären, soll G. geantwortet haben.

Hansulrich M. war, nachdem G. ihn dann doch in den Vernehmungen genannt hatte, am Flughafen in Zürich festgenommen worden. Er bestritt, von G. jemals eine Waffe bekommen zu haben. Denn G. habe mit Waffen "nichts am Hut" gehabt. Er, M., habe zwar Waffen ge- und verkauft, von Schläfli und Zbinden zum Beispiel, und auch von anderen Lieferanten. Er habe auch von Privatpersonen Waffen gekauft, die in Zeitungen inseriert hatten. Er habe verschiedene Modelle gekauft, Faustfeuerwaffen und Gewehre. Doch mit G. habe er nie Waffengeschäfte gemacht. Und die Ceska 83 des NSU habe auch er nie in Händen gehabt. Er habe nach Deutschland oder an rechtsextrem gesinnte Personen nie Waffen verkauft.

Aber wie kam die Ceska dann nach Thüringen? Die Aufklärung der NSU-Verbrechen ist eine unendlich mühsame Aufgabe. Am Donnerstag wird der Patrick R. zum dritten Mal vor Gericht erscheinen müssen, Fragen der Nebenklage und der Verteidigung werden wieder zu beantworten sein. Dauer unbekannt.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.