NSU-Prozess: Die Widersprüche des Angeklagten G.

Von Gisela Friedrichsen, München

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Holger G.: Angeklagt wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung

Der mutmaßliche NSU-Unterstützer Holger G. sagte nach seiner Festnahme umfassend aus - so sieht es sein Anwalt. Doch im Prozess vor dem Oberlandesgericht München entsteht der Eindruck, er spiele seine Nähe zum rechten Terror herunter.

Wie lässt sich ein solches Prozessmonster wie das NSU-Verfahren strukturieren? Chronologisch geht es zur Zeit jedenfalls nicht voran. Kürzlich hatte sich das Oberlandesgericht München mit dem zweiten Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) beschäftigt, nun begann der 6. Strafsenat, sich mit dem ersten der zehn Tötungsdelikte zu befassen, die in der Anklage aufgeführt werden.

Drei Themen bestimmten am Dienstag den Verhandlungsverlauf. Es ging zum einen um den Tod von Enver Simsek am 9. September 2000. Der türkische Blumenhändler war hinter seinem mobilen Verkaufsstand in Nürnberg erschossen worden. Der, vielmehr wahrscheinlich die Täter hatten insgesamt neun Schüsse auf ihn abgegeben, sechs zunächst aus der Pistole Ceska 83, weitere drei Schüsse aus der Pistole Bruni auf den schon am Boden Liegenden. Der erste Schuss war daneben gegangen.

Fotos werden an die Wand des Gerichtssaals geworfen: ein sonniger Wald neben einer Straße, ein Mercedes-Sprinter mit der Aufschrift "Simsek Blumen". Der Mann hatte offenbar Sträuße gebunden, als er tödlich getroffen wurde.

Die Polizei entdeckte ihn damals im Wageninnern, er lebte noch. Sein Gesicht war blutverschmiert. Im Führerhaus ein Korb mit Essen, Bananen und ein Fladenbrot. Eine Plastiktüte mit Münzgeld. Auf der Ladefläche Patronenhülsen, eine riesige Blutlache, daneben Blumenstängel. Blutspritzer überall.

Warum hat der 39 Jahre alte Mann sterben müssen? Weil er zwar Türke, aber ein in Deutschland gut integrierter Gewerbetreibender war? Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte, schaut auf keines der Bilder. Ihre Augen sind niedergeschlagen, die offenen Haare verdecken ihr Gesicht. Bisweilen flüstert sie mit Verteidiger Wolfgang Heer und lächelt.

Das zweite Thema des Tages: Kann der Angeklagte Holger G. gefährlich werden für Zschäpe? Der Generalbundesanwalt stützt seine Anklage auch auf dessen Aussagen. Da zwischen G. und dem verstorbenen Uwe Böhnhardt eine gewisse Ähnlichkeit bestand, war er die geeignete Person, mit deren Hilfe sich laut Anklage falsche Ausweispapiere für das untergetauchte Trio besorgen ließen. So soll G. im Sommer 2001 in Hannover einen Reisepass auf den Namen Böhnhardt beantragt, abgeholt und diesen zusammen mit einer Krankenversicherungskarte Zschäpe, Böhnhardt und Uwe Mundlos am Zwickauer Bahnhof übergeben haben.

Zehn Jahre später, als dieser Pass abgelaufen war, begleitete Zschäpe laut Anklage G. in ein Fotostudio wegen neuer Passbilder. Anschließend soll sie mit ihm zum Einwohnermeldeamt gegangen sein, wo sich dieser eine Meldebescheinigung ausfertigen ließ. G. und die drei hatten offenbar über die Jahre ständig Kontakt.

Jährliche Systemchecks

Denn um die Legende fortlaufend aktualisieren zu können, wie es in der Anklageschrift heißt, hätten Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos von 2000 an G. jedes Jahr über seine persönlichen Verhältnisse befragt - das nannte man "Systemchecks". Dazu sollen sich die drei mit G. regelmäßig auf Campingplätzen in Norddeutschland getroffen und mehrere Tage zusammen verbracht haben.

Außerdem soll G. 2004 einen Ersatzführerschein für Böhnhardt organisiert haben, so dass dieser Wohnmobile anmieten konnte, die anlässlich von Raubüberfällen des NSU eingesetzt wurden. Und: 2001 soll G. zwecks Übergabe einer Waffe eigens nach Zwickau gereist sein, wo er von Zschäpe am Bahnhof abgeholt und in die konspirative Unterkunft in der Polenzstraße gebracht worden sein soll. Dort fand dann die Waffenübergabe angeblich statt.

Wie passt dies alles zu der Aussage, die G. nach seiner Festnahme am 13. November 2011 gemacht hatte - nämlich, dass er "seit sieben Jahren komplett aus der Szene raus" sei?

"Wie eine Kröte" habe G. herausgewürgt, was die Ermittlungsrichterin beim Bundesgerichtshof (BGH) von ihm habe wissen wollen, berichtete Staatsanwalt Gerwin Moldenhauer von der Bundesanwaltschaft als Zeuge vor Gericht. "Eine Zangengeburt" sei es noch gerade gewesen. Die Erkenntnisse seien nur "scheibchenweise" von ihm zu gewinnen gewesen.

Es geht bei ihm hin und her

Verteidiger Stefan Hachmeister sah dies naturgemäß anders: Sein Mandant habe bereits in den ersten Vernehmungen umfangreiche Angaben und vor allem sachdienliche Hinweise für die Ermittler geliefert; er habe sich sogar selbst belastet, indem er zugab, zu Hause Drogen aufbewahrt zu haben. G. habe zu den Ermittlern gesagt, es sei ihm alles andere als recht gewesen, dass seine Papiere für Straftaten verwendet worden seien.

Wie passt dazu aber die Aussage G.s, er habe fest darauf vertraut, dass seine "Freunde" von früher schon keinen Missbrauch damit treiben würden?

G. hat offenkundig nicht immer die Wahrheit gesagt. Es ging und geht bei ihm hin und her, bisweilen verschanzt er sich hinter einer angeblichen Unfähigkeit zu zeitlicher Einordnung. Der Eindruck, er spiele vor allem seine Nähe zum Rechtsterror gehörig herunter, verstärkt sich, je mehr über seine vielen Aussagen bekannt wird.

Bei der Waffenübergabe in Zwickau sei die Rede davon gewesen, sagte G. zu den Ermittlern, "dass die Welt gerettet werden müsse". Und er habe sich damals gefragt, wie fünf Leute - das NSU-Trio, Ralf Wohlleben und er, G. - denn so etwas bewerkstelligen sollten. Inzwischen aber rückt G. von der Zahl fünf wieder ab: Nach zehn Jahren bringe man da schon manches durcheinander. Er wolle nicht den Eindruck erwecken, als habe er je mit Gewalt sympathisiert, habe er vor den Ermittlern gesagt, berichtete Moldenhauer.

Warum traf er sich dann immer wieder mit dem Trio auf den Campingplätzen? Warum überbrachte er dann eine Waffe? Die drei hätten ihm versichert, jetzt ein "legales" Leben zu führen. Mit falschen Papieren?

Ausgebranntes Haus in der Frühlingsstraße in Zwickau: Letzter Unterschlupf Zur Großansicht
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Ausgebranntes Haus in der Frühlingsstraße in Zwickau: Letzter Unterschlupf

Das dritte Thema des Tages: Der Zeuge Rene K. - er hat in München schon einmal ausgesagt. K. ist einer jener Arbeiter, die im Haus Frühlingsstraße 26 in Zwickau zugange waren, als dieses am 4. November 2011 um 15.05 Uhr teilweise explodierte. Der Generalbundesanwalt wirft Zschäpe vor, den Tod von K. und anderen Personen dabei in Kauf genommen zu haben.

K.s Angaben waren nicht geeignet, diese These zu widerlegen. Er dämmte nämlich an jenem Tag in dem Eckzimmer "direkt über der Brandstelle" die Wände, was keine lauten Geräusche verursacht habe. Es habe damals ein Kommen und Gehen von Handwerkern gegeben, sagte der Zeuge. Sicher konnte Zschäpe also nicht sein, dass sich nicht doch noch Personen in dem Haus aufhielten, als sie laut Anklage zehn Liter Benzin in ihrer Wohnung verteilte und diese dann anzündete.

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