Zschäpes Cousin beim NSU-Prozess "Beate war 'ne Partymaus"

Stefan A. ist 39 Jahre alt, maulfaul und Beate Zschäpes Cousin. Er arbeitet auf dem Bau, lebt inzwischen auf Mallorca und könnte einiges über die Angeklagte im NSU-Prozess erzählen. Doch das Bild, das er zeichnet, ist wenig komplex: "Sie war ein lustiger Mensch, lieb und nett."

Von , München

  Cousin Stefan A.: "Kenn ich nicht. Weiß ich nicht."
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Cousin Stefan A.: "Kenn ich nicht. Weiß ich nicht."


Stefan A., 39, ist der Cousin von Beate Zschäpe. Ihre Mutter ist die Schwester seines Vaters. A. ist ein schlichter Mann, dem man ansieht, dass er in seiner Jugend mit dem Alkohol befreundet war. Als Beruf gibt er an: selbständig, Bereich Bau. Was immer das heißen mag. Er lebe seit acht Jahren auf einer Insel. Mallorca. Mit der rechten Szene habe er nichts mehr zu tun. Opferanwältin Edith Lunnebach wird ihn später fragen, ob er Spaniern dort etwa Arbeitsplätze wegnehme.

Der Vorsitzende im Münchner NSU-Prozess, Manfred Götzl, tut sich schwer mit ihm. Und A. tut sich schwer, Fragen des Gerichts zu beantworten, weil er nicht versteht, warum sich ein Senat des Oberlandesgerichts für seine und Zschäpes Familienverhältnisse interessiert. Das sind nämlich Fragen, über die er vermutlich selbst noch nie nachgedacht hat und auch nicht nachdenken will. Man merkt, dass er eigentlich am liebsten gar nichts über die Familie sagt. Wer tut das schon gern öffentlich? Vor allem, wenn man besser nicht darüber nachdenkt.

Das Gespräch zwischen dem Richter und dem Zeugen kommt nur zäh in Gang. A. ist mundfaul und braucht lange, sich in die Szenerie vor Gericht einzufinden.

"Der Vater von Frau Zschäpe?", fragt der Vorsitzende.

"Kenn ich nicht."

"Sein Name?"

"Weiß ich nicht."

"Wissen Sie, ob er mit Beate Zschäpes Mutter zusammenlebte?"

"Keine Ahnung."

"Wie war das Verhältnis Beates zu ihrer Mutter?"

"Vom Kindergarten hat sie die Großmutter abgeholt."

Er selbst habe ein Lotterleben geführt. Unkontrolliert saufen, Spaß, Party, ab und zu eine Prügelei, kaum gearbeitet. Uwe Mundlos, der Freund seiner Cousine, habe ihn deswegen als "Assi" beleidigt und nicht mehr gegrüßt. Mundlos sei mit seiner Lebenseinstellung "nicht zufrieden" gewesen.

"Sie war ein lustiger Mensch, lieb und nett"

Der Vorsitzende wirbt um Verständnis. "Wir kennen Sie alle nicht", sagt Götzl, "daher sind wir auf Ihre Beschreibung angewiesen." Wer sich um Beate gekümmert habe als Kind? "Ich war selber Kind, wie soll ich das beurteilen?", antwortet A. Was ist ihm an seiner Cousine aufgefallen? Nichts, alles normal. Dann: "Sie war ein lustiger Mensch, lieb und nett."

In die rechte Szene sei er "nie so richtig integriert" gewesen, weil er eben ein "Partymensch" sei. Man sei "gegen den Staat, gegen Ausländer, gegen Links, gegen den Kommunismus" gewesen. Mundlos sei anfangs auch für Spaß gewesen. "Dann aber hat er sich etwas nach oben gesteigert." Nach oben? Mundlos sei auf Demonstrationen und Parteiveranstaltungen gegangen, "wozu ich keine Lust hatte". Und er habe Abitur gemacht.

Mit seiner Cousine habe er, A., sich "nie politisch" unterhalten. Von Mundlos aber und seinem Kumpel Uwe Böhnhardt habe man gewusst, dass die sich "in so Sachen reinsteigern". Die hätten irgendwann auch keinen Alkohol mehr getrunken und sich abgekapselt.

"Als ich mit Mundlos mal durch die Stadt lief, warf der einer Zigeunerin ein Stück Kuchen an den Kopf", sagt der Zeuge.

Warum? Weil die am Boden saß.

"Was haben Sie dann gemacht?", fragt der Richter.

"Gelacht."

Böhnhardt "ein Waffennarr"

Böhnhardt sei "ein Waffennarr" gewesen, der stets Schreckschusspistolen bei sich gehabt habe, schon in der Schule. "Was man dann bei meiner Cousine in der Wohnung fand, die Armbrust und so, war alles von ihm." Mundlos wiederum habe "Hetzgedichte" geschrieben und Flugblätter verfasst. Im Jugendclub von Winzerla habe er Sozialarbeiter als "rote Schweine" beschimpft.

Und Beate? Die habe sich nicht über den Mund fahren lassen, sagt ihr Cousin vor Gericht; sie habe sich auch von niemandem etwas "aufzwingen" lassen. Wenn jemand frech geworden sei zu ihr, dann sei sie nicht das Mädchen gewesen, das sich dies gefallen ließ.

Der Vorsitzende kommt auf A.s Vernehmung bei der Polizei am 23. Februar 2012 zu sprechen. Dort soll er gesagt haben, Beate sei "robuster" als andere Mädchen und habe viele Männerbekanntschaften gehabt. Ja, antwortet A., "wenn sie mit jemandem zusammen war, war sie kein Mauerblümchen. Sie hat gesagt: So geht's nicht, wie du es willst."

A.s Vernehmung wird unterbrochen. Mittagspause. Dann der bedrückende Auftritt Annerose Zschäpes, 61, der Mutter der Hauptangeklagten. Sie kommt in Begleitung eines Rechtsanwalts. Sie ist nur von hinten zu sehen. Anders als ihre Tochter trägt sie die Haare kurz, dunkle, gedeckte Bluse, helle Hose. Der Anwalt hilft ihr über die Stufen zum Saal.

Problematische Verhältnisse zwischen wechselnden Partnern

Sie könnte viel sagen über die Tochter, die wohl kein Wunschkind war und in denkbar problematischen Verhältnissen zwischen wechselnden Partnern und Ehemännern hin- und hergeschoben wurde. Ihren leiblichen Vater, einen Rumänen, hat Beate Zschäpe nie kennengelernt. Verlässliche Beziehungen hat sie in den entscheidenden ersten drei Lebensjahren nicht erlebt. Auch wenn sich die Großmutter des Kindes erbarmte und ihm das Gefühl, in einer Familie aufzuwachsen, zu geben versuchte - Zschäpes Kindheit ist mit dem Begriff "broken home" genau beschrieben. Dass sich das junge Mädchen von der zeitweise alkoholkranken Mutter abwandte und in Kreise flüchtete, in denen sie Selbstbewusstsein entwickeln konnte, dass sie sich mit dem Professorensohn Uwe Mundlos einließ und später mit Uwe Böhnhardt, der wie Mundlos aus einer zumindest äußerlich intakten Familie kam, ist nicht verwunderlich.

Aber Annerose Zschäpe verweigert die Aussage. Sie hat ein Zeugnisverweigerungsrecht. Als Mutter hätte sie schon etwas erklären können, was das Verständnis ihrer Tochter und der ihr vorgeworfenen Taten hätte erleichtern können. Sie tut es nicht. Sie hilft weder der Tochter noch dem Gericht. Zeitweise sei das Verhältnis Mutter-Tochter sehr schlecht gewesen, sagen viele Zeugen, die es wissen müssen. Offenbar ist es noch immer nicht viel besser. Oder die Mutter hat noch immer kein Gefühl für die Lage, in der sich Beate Zschäpe befindet.

Sie geht. Und das Gericht fährt fort, Stefan A. zu befragen. Ein Nebenklageanwalt fragt, wieso man "gegen Ausländer" gewesen sei; ob er Ausländer gekannt habe. Nein, gekannt habe er keinen. Aber "in der großen Gruppe" sei eben die Rede davon gewesen, dass Ausländer vom Staat Geld bekämen und nichts dafür tun müssten und man selbst auf der Straße stehe. "Wir haben den Staat dafür verantwortlich gemacht, dass der alles zulässt." Jeder habe eben "den rechten Gedanken" gehabt. "Es war das allgemeine Palaver, Gruppenzwang". Man sei pauschal gegen alle Ausländer gewesen, gegen östliche und südländische vor allem, "Afrikaner und alles". Was alles? "Türken und Rumänen, es gab nichts Spezielles." Hat man ins Blaue hinein auf Türken geschimpft? A. brummt vor sich hin.

"Wann haben Sie vom NSU erstmals gehört", fragt der Vorsitzende. "Durch die Medien", antwortet der Zeuge. Ob er mal an einer Kreuzverbrennung teilgenommen habe, will eine Opferanwältin wissen. Ja, man habe den Ku-Klux-Klan nachgeahmt. Mit wem? "Weiß ich nicht mehr."

Welche Hobbys habe Beate gehabt, fragt ein weiterer Opferanwalt. "Partys, Weintrinken, Kartenspielen", antwortet der Cousin. "Sie war 'ne Partymaus." Zschäpe lacht.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Malshandir 27.11.2013
1. Komische Fragen
Also die Fragen zu stellen, ob jemand Spaniern den Arbeitsplatz wegnimmt, ist schon bedenklich. ich hoffe man hat hier eine kostenpflichtige Rüge ausgesprochen. Spanien gehört zur Eu somit kann dort er als Deutscher arbeiten. Als Selbstständiger erst recht.
depiedn 27.11.2013
2. Einspruch
die Frage ist rein spekulativ. Ein selbstständiger schafft eher Arbeitsplätze. Im übrigen sollte man als Anwalt sachlich sein und sich nicht zu Mutmaßung hinreißen lassen.
Wildes Herz 27.11.2013
3. GUTE und GENAU RICHTIGE Frage
Zitat von MalshandirAlso die Fragen zu stellen, ob jemand Spaniern den Arbeitsplatz wegnimmt, ist schon bedenklich. ich hoffe man hat hier eine kostenpflichtige Rüge ausgesprochen. Spanien gehört zur Eu somit kann dort er als Deutscher arbeiten. Als Selbstständiger erst recht.
Natürlich kann er da arbeiten! Das wurde gewiss auch von niemandem in Frage gestellt. Die (ironische) Frage zielt aber gerade auf das rechtsradikale Ressentiment ab, dass in Deutschland arbeitende Ausländer "den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen". Die Frage mag den Prozess vielleicht nicht weiterbringen, legt aber den Finger mal ganz genau und treffsicher in die richtige Wunde: nämlich die unsägliche Heuchelei und rassistische Doppelmoral der Neonazis. Auf der einen Seite Ausländern genau das vorwerfen, was man auf der anderen Seite SELBST mit der allergrößten Selbstverständlichkeit tut - vom (Zitat Apel) "Lotterleben" ohne Arbeit auf Kosten des Sozialstaates über ein Leben auf Kosten anderer führen (NSU), Kriminalität (NSU) bis hin zum arbeiten im Ausland und (nach Nazi-Logik) "den Einheimischen die Arbeit wegnehmen". Diese Frage reißt den Nazis und ihrer rassistischen Arroganz die selbstgerechte Maske vom Gesicht. Und sagt: Seht Ihr - Ihr seid auch kein bisschen besser als "die Ausländer". Was auch immer Ihr ihnen auch gerade vorwerft: dass sie arbeiten - oder es eben gerade nicht tun. Insofern: Gute Frage - weiter so!
beinaheallelutscher 27.11.2013
4. Sowas von dämlich
Sie sind definitiv auch rein spekulativ. Sonst echauffieren sich ja auch alle, dass die (EU) Ausländer den DEUTSCHEN die Arbeitsplätze wegnehmen...Dass der Fragesteller nicht ganz normal sein kann, ergibt sich ja bereits aus der Frage. Aber dass es auch noch Leute gibt, die offenkundig nichts Besseres zu tun haben, als sich ernsthaft darüber den Kopf zu zerbrechen, lässt mich zweifeln. An nahezu Allem.
glen13 27.11.2013
5. optional
Ein wunderbares Forum wird dieser Mörderin geboten. Rechtsstaatlichkeit kann wirklich schmerzhaft sein.
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