Mundlos-Mutter im NSU-Prozess "Wir waren eine glückliche Familie"

Er kam aufgeregt zu ihr und sagte, dass er verschwinden müsse - für Ilona Mundlos war dies im Jahr 1998 der letzte Kontakt zu ihrem Sohn Uwe. Im NSU-Prozess sagte die Mutter des mutmaßlichen Terroristen jetzt als Zeugin aus.

Uwe Mundlos (Aufnahme von 1996): "Ich wusste nicht, wo er hingeht"
apabiz e.V.

Uwe Mundlos (Aufnahme von 1996): "Ich wusste nicht, wo er hingeht"

Von , München


Zwei Sätze, die kühl und emotionslos das Schlimmste zum Ausdruck bringen, was einer Mutter widerfahren kann: den Tod des eigenen Kindes. "Der Uwe ist nicht mehr. Der Uwe lebt nicht mehr." Ilona Mundlos hört diese Sätze am frühen Morgen des 5. November 2011. Das Telefon klingelt, sie rechnet damit, ihren Mann in der Leitung zu haben, der kurz zuvor zum Wechseln der Autoreifen gefahren war. Aber es ist eine Frau dran. "Hier ist die Beate vom Uwe", so fängt das Gespräch an.

Dann erzählt ihr die Frau - es ist wohl Beate Zschäpe -, dass sich Ilona Mundlos' Sohn Uwe und Uwe Böhnhardt "in die Luft gesprengt" hätten. Frau Mundlos solle den Fernseher einschalten, es würde bereits darüber berichtet. So gab Ilona Mundlos das Telefonat vor Jahren in einer Polizeivernehmung zu Protokoll. Jetzt sitzt die 63-Jährige im Saal A101 des Münchner Oberlandesgerichts und sagt im NSU-Prozess aus. An manche Details des damaligen Telefonats kann sie sich nicht mehr erinnern, dann verweist sie auf das Protokoll, das der Vorsitzende Richter Manfred Götzl in Auszügen vorliest.

Der Auftritt von Ilona Mundlos ist der letzte in der Reihe der Zeugenaussagen von den Eltern der mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Die Mutter der Hauptangeklagten Zschäpe hatte ihre Aussage verweigert, die Eltern Böhnhardts machten dagegen Ausführungen. Auch Ilona Mundlos' Mann war bereits vor Gericht erschienen. Er war vor allem damit aufgefallen, dass er Götzl provozierte.

"Aus den Augen verloren"

Ilona Mundlos sitzt fast die ganze Zeit mit verschränkten Armen auf ihrem Platz. Den schwarzen Mantel mit Kapuze legt die großgewachsene Frau mit den kurzen blonden Haaren nicht ab, obwohl es in dem Saal ohne Klimaanlage nicht sonderlich kühl ist. Das wirkt so, als würde die Rentnerin den Raum gern schnell wieder verlassen, und trotzdem macht sie ihre Aussagen - erst vorsichtig tastend und einsilbig, dann immer ausführlicher.

Dabei entsteht zunehmend der Eindruck, dass da eine Frau spricht, die inzwischen eine ziemliche Distanz zu den Dingen hat, die sich damals ereigneten. Es sind zumindest keine Gefühlsregungen spürbar, wenn Ilona Mundlos über ihren jüngsten Sohn spricht. Uwe sei mehr ein "Papa-Kind" gewesen, sagt sie. Es habe zwischen ihr und ihrem Mann aber auch eine klare Aufteilung gegeben: Sie habe sich mehr um den älteren und behinderten Sohn gekümmert, ihr Mann dagegen mehr um Uwe. Als Uwe später nicht mehr in der elterlichen Wohnung gelebt habe, habe sie "ihn eigentlich relativ aus den Augen verloren".

Es muss ein ziemlich anstrengendes und gehetztes Leben gewesen sein, das Ilona Mundlos als Berufstätige führte: Vormittags kümmerte sie sich ums Kochen und die Wäsche, ging mit dem älteren Sohn zur Krankengymnastik, nachmittags arbeitete sie in einer Rewe-Kaufhalle, 30 Jahre lang, erst von 15 bis 20 Uhr, später von 14 bis 22 Uhr. "Nur Spätschicht, fünf bis sechs Tage in der Woche."

Das könnte erklären, warum sie, wie sie sagt, wenig oder nichts davon mitbekam, dass ihr Sohn Uwe immer stärker ins rechtsextreme Milieu abdriftete. Ihr Mann hatte zuletzt geschildert, wie er der Entwicklung seines Sohnes hilflos gegenüberstand. Manche Warnsignale hätte wohl auch Ilona Mundlos problemlos entschlüsseln können: Sie bekam schließlich mit, dass Uwe irgendwann Springerstiefel mit weißen Schnürbändern trug. Er erzählte ihr auch 1996, dass er einen Platzverweis in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald erhalten hatte.

"Mutti, es ist was passiert"

Ob sie wegen der Sache nachgefragt habe, will Götzl wissen. "Nein", sagt die Zeugin. Mundlos war damals zusammen mit seinem Kumpel Böhnhardt in einer Uniform aufgelaufen, die der der SA ähnelte, der paramilitärischen Kampforganisation der Hitler-Partei NSDAP. Ob sie gewusst habe, dass ihr Sohn einschlägige Demonstrationen und Veranstaltungen besucht habe, fragt Götzl außerdem. "Ich wusste nicht, wo er hingeht und mit wem." Es wirkt wie eine Mischung aus Überlastung wegen der vielen Haus- und Erwerbsarbeit und Naivität, die dafür sorgte, dass Ilona Mundlos manches nicht mitbekam oder ausblendete. Die erste Bomberjacke, Ilona Mundlos spricht von "Fliegerjacke", kaufte sie selbst für ihren Sohn Uwe, auch der Bruder bekam eine. "Konnteste waschen, brauchteste nicht zu bügeln." Sie fand die Jacken praktisch und modisch zugleich.

"Wir waren eine glückliche Familie", sagt sie.

Anfang 1998 tauchte ihr Sohn dann zusammen mit Böhnhardt und Zschäpe unter. Zuvor hatte die Polizei in einer von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos genutzten Garage unter anderem eine Rohrbombe und rechtsradikale Schriften sichergestellt. An dem Tag kam Uwe Mundlos noch zu seiner Mutter in die Kaufhalle. "Mutti, es ist was passiert, ich muss fort, ich brauch' Geld", habe er gesagt. Sie lieh ihm ihre EC-Karte. Zwei Tage später kam er noch einmal und sagte, dass er verschwinden müsse, weil ihm sonst Gefängnis drohe. Zehn Jahre, dann sei die Sache verjährt.

Dann ist er weg, sie kann es damals nicht glauben. Und dennoch: Jahrelang gibt es kein Lebenszeichen mehr. Keine Anrufe, keine Briefe, keine Glückwünsche zu Geburtstagen. "Der Uwe ist tot, Ilona", habe ihr Mann manchmal gesagt. Weil er nicht glauben konnte, dass der Sohn wohlauf ist und sich nicht meldet. 13 Jahre lebte Uwe Mundlos zusammen mit Böhnhardt und Zschäpe im Untergrund. Und beging in dieser Zeit wohl zehn Morde oder war an ihnen beteiligt.

Am 5. November 2011 klingelt dann das Telefon bei Ilona Mundlos. Wenig später schaltet sie die Nachrichten ein und erfährt, dass sich zwei Männer am Tag zuvor das Leben nahmen, vermutlich um sich dem Zugriff durch die Polizei zu entziehen.

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