NSU-Zeugin über Beate Zschäpe "Whisky, Wein und Sekt"

Im NSU-Prozess beschrieben ehemalige Nachbarn Beate Zschäpe bislang meist als harmloses Heimchen. Nun ergaben Erinnerungen einer Zeugin aber ein ganz anderes Bild.

Von , München

Hauptangeklagte Beate Zschäpe: "Sie hatte offenbar Stress"
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Hauptangeklagte Beate Zschäpe: "Sie hatte offenbar Stress"


Die Angeklagte Beate Zschäpe erscheint noch blasser als sonst. Die Stimme des Vorsitzenden klingt belegt, als er sich der ersten - und einzigen - Zeugin dieses 186. Verhandlungstages im Münchner NSU-Prozess zuwendet. Die 46-Jährige, von Beruf Altenpflegerin, wohnt noch immer in der Zwickauer Polenzstraße, wo sie einst die Hauptangeklagte als "Hausfrau" kennengelernt hatte.

Für einen Augenblick blitzt in ihrer Aussage das Bild einer anderen Beate Zschäpe auf, wie sie möglicherweise auch sein kann: aggressiv, laut, unter Stress. So, dass Handgreiflichkeiten zu befürchten sind.

"Eine angenehme Person"

Die Zeugin erinnert sich einerseits an eine junge Frau, die alle "Lisa" nannten, weil ihren richtigen Namen niemand kannte. Den Nachbarn erzählte "Lisa" alias Zschäpe, ihr Schwiegervater besitze eine gutgehende Firma, sodass sie nicht arbeiten müsse; es sei immer genug Geld da. Ihr Freund, mit dem sie zusammenlebe, sei häufig auf Montage unterwegs - eine Erklärung für die Wohnmobile, die ab und zu auf der Straße oder einem nahen Parkplatz standen. "Man hat sich gern mit ihr unterhalten", sagt die Zeugin, "sie war ja eine angenehme Person, das muss man schon sagen, sehr freundlich und offen". Viel aber habe man von ihr nicht erfahren.

Jene "Lisa" gab sich großzügig. Einer Nachbarin, Frau K., Mutter von vier Kindern, mit der Zschäpe häufig Kontakt hatte, bezahlte sie bisweilen den Wocheneinkauf. Sie zahlte auch mal für alle, wenn bei schönem Wetter im Hof gefeiert wurde und dafür Alkohol beim nahen "Netto" beschafft werden musste. Manche Frauen beneideten Zschäpe um ihr bequemes Leben ohne Ärger mit prügelndem Partner oder aus der Spur laufenden Kindern.

Nachdem Zschäpe 2010 von der Polenzstraße in die Frühlingsstraße umgezogen war, besuchte sie bisweilen noch ihre ehemaligen Nachbarinnen - wenn "ihre Jungs Männerabend hatten". Für die Hausbewohnerinnen kein Grund zur Nachfrage, was damit gemeint sei. So auch - nach der Erinnerung der Zeugin - zwei bis drei Wochen vor der Explosion des Hauses in der Frühlingsstraße. Diese Explosion soll Zschäpe laut Anklage nach dem Tod ihrer beiden Gefährten am 4. November 2011 durch Brandlegung verursacht haben.

"Ich dachte, sie haut der Frau K. gleich eine"

An jenem Tag, an das Datum kann sich die Zeugin nicht mehr erinnern, habe Zschäpe im "Netto" nur für sich gezahlt, nicht aber für die anderen Hausbewohner. Es sei zu einem Streit zwischen Zschäpe und Frau K. gekommen wegen deren "legeren Umgangs mit Geld". Frau K. habe, kaum im Besitz von ein paar Euro, diese stets sofort ausgegeben und zwar für Dinge, die nicht unbedingt nötig gewesen seien. Deswegen habe Zschäpe ihr eine "Standpauke" gehalten. "Da wurde sie richtig aggressiv! Ich dachte, sie haut der Frau K. gleich eine", schildert die Zeugin die Situation. Aber es sei dann doch nicht passiert.

"Da stand sie sehr unter Druck", beschreibt die Zeugin Zschäpes letzten Besuch in der Polenzstraße. "Sie hatte offenbar Stress und trank auch mehr und härtere Sachen, Whisky, Wein und Sekt, gemischt." Es seien "schon einige Flaschen geleert worden". Zschäpe sei danach nur noch schwer aufs Fahrrad gekommen, um heimzufahren.

Als nächster Zeuge stand in dieser Woche der Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz Sachsen, Gordian Meyer-Plath, auf dem Programm des NSU-Prozesses. Dazu kam es jedoch nicht, da Zschäpe sich krank fühlte und der Vorsitzende die Verhandlung abbrach. Offenbar macht ihr die inzwischen mehr als drei Jahre währende Untersuchungshaft zunehmend zu schaffen.



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