Zschäpes Nachbarin im NSU-Prozess: "Bei denen ging es immer lustig zu"

Von , München

Beate Zschäpe im Gerichtssaal: Plaudereien mit der Nachbarin Zur Großansicht
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Beate Zschäpe im Gerichtssaal: Plaudereien mit der Nachbarin

Monika M. wohnte gegenüber dem letzten Unterschlupf der mutmaßlichen Rechtsterroristen des NSU. Vor Gericht hat sie nun anschaulich geschildert, wie das Trio lebte - und in welche Gefahr Beate Zschäpe ihre betagte Tante brachte.

Als Landschaftsgärtner in der Frühlingsstraße in Zwickau anrückten, um Bäume zu kürzen, zeigten sich die sonst betont unauffälligen und im Untergrund lebenden mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von ihrer grantigen Seite. Einer von beiden beschwerte sich bei den Arbeitern, die Pflanzen sollten nicht zu stark beschnitten werden.

Er hatte wohl Angst, die Nachbarn könnten zu viel Einblick bekommen. Welche Art von Nachbarn er bei dieser Äußerung im Sinn hatte, wird am Dienstag vor dem Oberlandesgericht München (OLG) deutlich: Monika M.

Die 65-Jährige wohnt Zeit ihres Lebens in der Frühlingsstraße 27, ebenso ihr Sohn, der mit seiner Familie im selben Haus lebt. Es liegt direkt gegenüber dem Anwesen, in dem sich der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) mehr als drei Jahre lang verschanzte. Monika M.s halbe Verwandtschaft wohnt in der Siedlung im betulichen Stadtteil Weißenborn. Ihre Schwester lebt ebenfalls in der Frühlingsstraße, die gemeinsame Tante wohnte mit den mutmaßlichen Rechtsterroristen unter einem Dach.

Monika M. hat von ihrem Fenster in der Frühlingsstraße aus die Nachbarschaft fest im Blick. Abends zieht sie die Vorhänge zurück, lehnt sich nach vorne, schaut die Straße hoch und die Straße runter. Erst dann geht sie ins Bett, wie sie sagt.

"Dann haben wir es halt geglaubt"

Jeden Tag ging sie an der Haustür der Untergetauchten vorbei, besuchte die Tante, sah nach dem Rechten. Oft begegnete sie dabei Zschäpe, auch beim Wäscheaufhängen oder beim Einkaufen. "Das war immer sehr nett", sagt Monika M. vor Gericht. Zschäpe sei "sehr freundlich" gewesen. "Eine nette Person." Immer wieder habe sie sich nach der Tante erkundigt.

Vertrauen zu der Nachbarin, deren Namen sie nicht kannte, befeuerte ihre Neugier, und so fragte Monika M. schließlich das, was viele in der Nachbarschaft angeblich interessierte: Wer denn die beiden Männer seien, mit denen Zschäpe zusammenwohne? Der eine sei ihr Freund, der andere dessen Bruder, habe die 38-Jährige geantwortet. Welcher von beiden jedoch was gewesen sei, wusste Monika M. nicht. "Wir wussten nicht, wie das zusammenhängt", sagt sie am Dienstag. "Dann haben wir es halt geglaubt."

Das Trio sorgte für Gesprächsstoff im Viertel. Manchmal habe eine kleine rote Lampe im Eck eines der Fenster gebrannt, aber nur kurz. "Wir dachten, vielleicht arbeitet sie im anderen Bereich", sagt Monika M. und kann sich das Kichern nicht verkneifen, als sie nachlegt: "Wir hielten das für ein Signal, so nach dem Motto: Der Nächste kann kommen." Da muss auch Zschäpe plötzlich auflachen.

Man kann sich vorstellen, welch oberflächliche, kurzweilige Plaudereien die beiden Frauen miteinander führten. Einmal begegneten sie sich in der Sparkasse. Das Trio war gerade erst aus einem sechswöchigen Urlaub auf Fehmarn zurückgekehrt. "Gibt der Chef so lange frei?", fragte Monika M. und bekam zur Antwort: Sie hätten Überstunden gesammelt und könnten auch von auswärts arbeiten, weil sie "viel am Computer" zu tun hätten.

"Bei denen ging es immer lustig zu"

Das Einzige, was Monika M. an dem Trio zu stören schien: das künstliche Efeu in deren Blumenkästen. "In der Siedlung haben wir alles schön geschmückt, das hat uns gewundert", sagt Monika M. Sie ahnte nicht, dass zwischen den Plastikpflanzen Überwachungskameras steckten.

Monika M. sah Zschäpe mit einer Frau in dem griechischen Restaurant, das sich im Wohnhaus des Trios befand. Zschäpe habe ihr ihre Begleitung als "meine Schwester" vorgestellt. Mundlos und Böhnhardt sah Monika M. mit anderen Freunden auf dem Fensterbrett sitzen, es sei viel gelacht worden. "Die hatten immer Spaß", sagt Monika M. "Bei denen ging es immer lustig zu."

Oft habe sie die Tante gefragt: "Hörst du das nicht?" Doch die 89-Jährige konnte nur schlecht gehen und noch schlechter hören. "Ich hör' nichts", habe diese geantwortet, sagt Monika M.

Zschäpe habe gewusst, dass es der betagten Dame nicht gut gehe, sagt Monika M. Darauf zielen auch die Fragen des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl ab. Denn wenn Zschäpe den Gesundheitszustand der Tante kannte und wusste, dass sich diese in der Wohnung nur mit Rollator und außer Haus nur mit Hilfe ihrer Nichten im Rollstuhl fortbewegen konnte, ist das in einem der Anklagepunkte äußerst relevant: Zschäpe soll am 4. November 2011 ihr Versteck in der Frühlingsstraße angezündet haben. War ihr klar, dass sie damit ihre betagte Nachbarin womöglich in akute Lebensgefahr brachte?

Zschäpe ist wegen Brandstiftung und wegen versuchten Mordes angeklagt. Versuchter Mord nicht nur an der damals 89-Jährigen, sondern auch an zwei Handwerkern, die an dem Tag im Haus zu tun hatten. Und es hätte noch drei weitere Opfer geben können: Denn immer freitags trafen sich Monika M. und ihre beiden Geschwister zum Kaffeekränzchen in der Wohnung der Tante. An jenem 4. November, einem Freitag, verspäteten sich jedoch alle. "Was für ein Glück!", ruft Monika M.

Auch ihre Enkelin Janice, die als Zeugin vor dem OLG erschien, kann sich noch gut an den Brand und die daraus resultierende Explosion erinnern, bei der eine Hauswand herausgesprengt wurde. Die Tante habe sich von dem folgenreichen Ereignis nicht mehr erholt, sagen Janice M., Monika M. und deren Schwester Birgit H., die ebenfalls als Zeugin aussagte. Das zerstörte Haus wurde abgerissen, die heute 91-Jährige Tante kam zwischenzeitlich bei Verwandten unter.

In ihrem neuen Zuhause habe sie sich nicht mehr einleben können. "Sie hing unglaublich an ihrer Wohnung", sagt Birgit H. In den ersten Monaten nach dem Brand hätten sie die Tante nicht mehr durch die Frühlingsstraße schieben dürfen, weil sie sonst hätte weinen müssen. Seit drei Wochen ist sie in einem Pflegeheim untergebracht.

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