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Zschäpes Ex-Nachbarn im NSU-Prozess: Der biedere Schein

Von , München

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Angeklagte Beate Zschäpe: "Die hat immer nur einen Spalt die Tür geöffnet"

Das Leben der mutmaßlichen Rechtsterroristen in der Illegalität war verborgen unter Spießigkeit. Nachbarn erinnern sich im NSU-Prozess an eine freundliche, hilfsbereite Beate Zschäpe. Die reagiert auf solche Aussagen äußerst amüsiert.

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verbrachten Jahre im Untergrund und waren doch inmitten der Gesellschaft. Sie verkrochen sich nicht in irgendeinem Keller, sie wohnten in Mehrfamilienhäusern, führten nach außen hin ein scheinbar biederes Leben. So lebten Menschen Tür an Tür mit den mutmaßlichen Rechtsterroristen, ohne es auch nur zu ahnen.

Am 56. Prozesstag gegen die mutmaßlichen Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) sind Nachbarn aus Zwickau angereist, um als Zeugen auszusagen. Sie kennen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe vom Tratsch im Treppenhaus oder am Wäscheständer, vom Plausch im Hinterhof oder beim Wischen im Flur. Sie können nur Gutes berichten über die Frau, die mit den Männern in der Illegalität lebte, die zehn Menschen getötet und 14 Banken überfallen haben sollen.

Katrin F., 43, Reinigungskraft aus Zwickau, wohnte in der Polenzstraße 2, dem ersten Versteck des Trios, in der Etage über den dreien. Die ersten Charaktereigenschaften, die ihr zu Zschäpe einfallen, lauten: hilfsbereit, nett, freundlich. Zschäpe sei lieb zu Kindern gewesen, habe ihnen und Nachbarn kleine Geschenke gemacht und für Bedürftige im Haus Lebensmittel eingekauft und in deren Wohnung hochgeschleppt. "Ich kann gegen die Frau Zschäpe nichts Schlechtes sagen", endet Katrin F. mit ihrer Personenbeschreibung.

Plausch über Waffen

Zschäpe habe im Erdgeschoss gewohnt - mit ihrem Lebensgefährten und dessen Bruder. Allerdings habe Katrin F. nie gewusst, wer von beiden Zschäpes Partner gewesen sei. Erst nach der Enttarnung der NSU-Terrorzelle erfuhr die Nachbarin, dass es sich bei den Männern um Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt handelt.

Zschäpe, die sie nur unter dem Namen Lisa Dienelt gekannt habe, habe erzählt, sie bräuchte nicht arbeiten: Beide Männer würden in der Computerfirma ihres Vaters arbeiten, genug verdienen. Deshalb habe sie keine Geldsorgen und müsse selbst nicht arbeiten gehen.

Katrin F. ist eine schlanke Frau mit tizianrot gefärbter Kurzhaarfrisur, Brille und eindringlich sächsischem Dialekt. Wie Zschäpe damals ausgesehen habe, will der Vorsitzende Richter von der Nachbarin wissen. "Ich kann mich nur so an sie erinnern, wie sie jetzt da sitzt." Zschäpe kichert. Überhaupt scheint sie sich über die Aussagen ihrer ehemaligen Nachbarin zu amüsieren. Einmal, als sich Katrin F. im tiefsten Sächsisch verheddert ("Die haben alle so hochdeutschmäßig gesprochen"), schlägt Zschäpe gar vor Lachen beide Hände vors Gesicht.

Die drei seien viel verreist, ein-, zweimal pro Jahr für sechs Wochen mit dem Wohnmobil "hoch an die See", auch sonst seien sie viel unterwegs gewesen, meist mit dem Fahrrad. Als Mundlos und Böhnhardt einmal ihre Räder aus dem Keller hievten, will Katrin F. gehört haben, wie sie sich über Waffen unterhielten. "Da dachte ich ja nicht, dass die echte haben."

"Die hat immer nur einen Spalt die Tür geöffnet"

Vielmehr habe sie geglaubt, es gehe um die "Computer-Ballerspiele", die sie und ihre Familie im Stockwerk darüber gehört hätten, bevor das Trio für 2000 Euro ein Zimmer mit Dämmwolle ausgelegt habe. "Damit wir nicht hören, wenn sie Schießspiele spielen."

Die Männer fielen sonst nicht auf, ließen sich so gut wie nie blicken. Weder Katrin F. noch andere Nachbarn bekamen sie zu Gesicht. Nur einmal wollen Katrin F.s Ehemann und der einstige Hausmeister, die ebenfalls beide am Donnerstag befragt wurden, Mundlos und Böhnhardt gesehen haben. Er könne nicht mal sagen, ob die beiden da wirklich gewohnt hätten, so Martin F.

"Haben Sie auch mal über Politik geredet?", fragt Richter Manfred Götzl Katrin F. "Nö, gor nüsch." In der Wohnung des Trios sei sie nur einmal gewesen, als es einen Wasserschaden gegeben habe - und damals auch nur in der Küche. Sonst habe keiner das Zuhause des Trios betreten dürfen. "Die hat immer nur einen Spalt die Tür geöffnet", erinnert sich Katrin F.

Zschäpe habe einmal im Monat auf das Kind ihrer Freundin aufgepasst, sie selbst könne, so habe es Zschäpe erzählt, wegen einer Unterleibs-OP keine Kinder haben. Deshalb habe sie sich zwei Katzen zugelegt.

Sonst habe Zschäpe keine Familie gehabt: Uwe S., 56, ebenfalls Nachbar in der Polenzstraße, erinnert sich vor Gericht, dass Zschäpe seiner Tochter erzählt habe, sie habe keine Verwandten, nur eine Freundin mit Kind. Dem Schwiegersohn, der Zschäpe einmal nach ihrer Handy-Nummer gefragt habe, habe sie die Nummer nicht geben wollen. "Obwohl wir genau wussten, die hat ein Handy."

Nachdem das Trio in den Zwickauer Stadtteil Weißenborn umgezogen war, kreuzten sich noch immer Zschäpes Wege mit denen ihrer ehemaligen Nachbarn: Sowohl Uwe S. als auch Katrin F. begegneten Zschäpe mehrfach in der Innenstadt. Auch dann sei Zschäpe, so erzählen beide Nachbarn, auf sie zugekommen, habe geplaudert und sich nach deren Befinden erkundigt. "Sie war sehr zuvorkommend", sagt Uwe S.

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