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NSU-Prozess: Ein menschenverachtendes Spiel

Von , München

Antisemitisches "Pogromly"-Spiel: Von dem NSU konzipiert? Zur Großansicht
DPA/ Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz

Antisemitisches "Pogromly"-Spiel: Von dem NSU konzipiert?

"Judenfreie" Städte, Abwehr "roter Zecken" per Maschinengewehr: Kurz nach dem Untertauchen von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos fanden Ermittler ein menschenverachtendes Brettspiel. Nach dem Willen von Nebenklägern soll es jetzt im NSU-Prozess näher beleuchtet werden.

Das Startfeld auf dem Brettspiel, einer perfiden neonazistischen Abwandlung von "Monopoly": ein Hakenkreuz. Gezahlt wird mit "Reichsmark". Es gibt Belohnungen, etwa dafür, "eine Horde roter Zecken mit Hilfe eines MGs" abgewehrt zu haben. Dann fließen 2000 "Reichsmark" Prämie in die Kasse.

Das "Monopoly"-Wasserwerk heißt hier "Gaswerk". Bahnhöfe, wie im Original, lassen sich nicht erwerben. Stattdessen die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Dachau und Ravensbrück. Städte sollen schließlich "judenfrei" gemacht werden - das ist das Ziel bei "Pogromly", dem menschenverachtenden und volksverhetzenden Brettspiel, das Ermittler nach dem Untertauchen der mutmaßlichen Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe fanden, als sie am 26. Januar 1998 Zschäpes Jenaer Wohnung in der Schomerusstraße durchsuchten.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft wurde "Pogromly" von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos konzipiert und in Serie zum Verkauf in der rechtsextremistischen Szene erstellt. Nebenkläger im NSU-Prozess wollen das Brettspiel jetzt vor Gericht näher beleuchten. Auch die damals in der Zschäpe-Wohnung sichergestellten Waffen - unter anderem ein Luftgewehr mit Zielfernrohr, ein Buschmesser, ein Wurfstern und eine Armbrust mit fünf Pfeilen und Zielfernrohr - sollen stärker in den Fokus rücken.

Der Kölner Anwalt Reinhard Schön präsentierte am Dienstag vor dem Münchner Oberlandesgericht einen entsprechenden Antrag, der unter anderem weitere Zeugenvernehmungen vorsieht. Dem Antrag schlossen sich weitere Nebenkläger an.

"Pogromly" soll Anklage stützen

Schön zufolge soll die Beweiserhebung ergeben, dass Zschäpe "bereits zum Zeitpunkt des Abtauchens in den Untergrund eine gefestigte rechtsradikale und antisemitische Ideologie vertreten hat". Die in "Pogromly" vertretene Ideologie entspreche einer Ankündigung in einem Brief, den Ermittler später auf einer Festplatte in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung fanden, die Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos als Unterschlupf genutzt hatten.

Die in Jena sichergestellten Waffen würden belegen, dass Zschäpe vor ihrem Untertauchen im Jahr 1998 "für die gewaltsame Durchsetzung ihrer ideologischen Auffassungen gerüstet war", erklärte Schön. Dies sei von "erheblicher indizieller Bedeutung für die Mittäterschaft der Angeklagten" - unabhängig davon, ob sich Zschäpe, die beharrlich vor Gericht schweigt, persönlich an einem der Tatorte aufhielt oder nicht. Sie ist wegen Mittäterschaft bei den zehn Morden angeklagt, die dem NSU zur Last gelegt werden.

In Zusammenhang mit der Pistole vom Typ Ceska 83, mit der Böhnhardt und Mundlos neun Morde begangen haben sollen, konnten oder wollten sich am Dienstag zwei wichtige Zeugen nicht weiter äußern. Ein früherer Mitarbeiter eines einst in Jenas rechtsextremer Szene bekannten Ladens verweigerte die Aussage. Der ehemalige Chef des Geschäfts sagte, sich kaum oder gar nicht mehr erinnern zu können. Die ganze Sache liege "mittlerweile über 15 Jahre zurück".

Die beiden Männer waren zum wiederholten Mal geladen worden, weil sie zur Herkunft der mutmaßlichen Tatwaffe befragt werden sollten. Der ebenfalls angeklagte Carsten S. hatte schon vor Monaten ausgesagt, er habe im Auftrag des ebenfalls Angeklagten Ralf Wohlleben eine Pistole vom Typ Ceska 83 in dem Laden gekauft. Wie Zschäpe schweigt bisher auch Wohlleben in dem Prozess.

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