NSU-Prozess Befangenheitsantrag abgelehnt, Nebenklageplädoyers fortgesetzt

Die Polizei suchte eine "dunkle Seite" des Mordopfers, seine Tochter wurde als "Sicherheitsrisiko" angesehen - im NSU-Prozess hat eine Nebenklageanwältin die Folgen der Tat für ihre Mandantin geschildert.

Ralf Wohlleben
DPA

Ralf Wohlleben


In München ist der NSU-Prozess mit weiteren Nebenklageplädoyers weitergegangen. Zuvor war ein Befangenheitsantrag gegen die Richter abgelehnt worden. Ein Streit über neue Beweise, die die Verteidiger des mitangeklagten mutmaßlichen Waffenbeschaffers Ralf Wohlleben verlangten, hatte das Verfahren am Oberlandesgericht München blockiert.

Die Anwältin der Tochter des 2001 in München ermordeten Obst- und Gemüsehändlers Habil Kilic schilderte, wie massiv die Tat das Mädchen aus der Bahn warf. Die damals Zwölfjährige habe zusammen mit ihrer Mutter die Blutlache in dem Geschäft beseitigen müssen, in der der ermordete Vater gelegen hatte, sagte Barbara Kaniuka.

Das Geschäft habe die Mutter nicht weiterführen können. Die Wohnung gleich daneben hätten Mutter und Tocher nicht ertragen. Die Polizei habe partout eine "dunkle Seite" beim ermordeten Vater gesucht und sei mit Drogenspürhunden durch die Wohnung gegangen. In der Schule sei das Mädchen als "Sicherheitsrisiko" angesehen worden. Die Direktorin habe der Mutter nahegelegt, die Tochter woanders unterrichten zu lassen.

Damit sind die Plädoyers der Nebenkläger annähernd beendet. Für Donnerstag sind noch die Vorträge von zwei Opferfamilien und deren Anwälten geplant, darunter die Witwe und die Töchter des ebenfalls in München ermordeten Theodoros Boulgarides. Danach sollen die Verteidiger plädieren. Hier sind wiederum Verzögerungen zu erwarten. Einige Anwälte aus der Verteidigergruppe beantragten vor den ersten ihrer Schlussvorträge eine Bedenkpause.

Der Prozess war wegen eines Streits über einen Beweisantrag des mutmaßlichen NSU-Waffenbeschaffers Ralf Wohlleben zwei Wochen lang nicht vorangekommen. Wohllebens Verteidiger hatten zwei Männer benannt, die statt Wohlleben die Mordwaffe der NSU-Terroristen vom Typ "Ceska" beschafft haben könnten. Der Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts lehnte es aber ab, diese beiden Männer als Zeugen zu hören.

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe soll nach dem Willen der Bundesanwaltschaft zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Nach Überzeugung der Anklage war sie Mittäterin an den zehn Morden des "Nationalsozialistischen Untergrunds", von denen neun aus fremdenfeindlichen Motiven und immer mit derselben "Ceska"-Pistole verübt worden sein sollen. Wohlleben soll diese Pistole besorgt haben und ist dafür wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Für ihn fordert die Bundesanwaltschaft zwölf Jahre Gefängnis.

bbr/dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.