Neonazi Frank L. Der Mann im Hintergrund

Der Neonazi Frank L. betrieb jahrelang einen rechten Szeneladen in Jena. Sein engster Mitarbeiter soll dort die Waffe verkauft haben, mit der neun von zehn mutmaßlichen NSU-Opfern erschossen wurden. Wie weit war dieser Verkauf im Sinne des Geschäftsinhabers?

Pistole Ceska 83: Tatwaffe bei neun Morden
Getty Images

Pistole Ceska 83: Tatwaffe bei neun Morden


Frank L. sagt aus, er habe mit der tschechischen Pistole des Typs Ceska CZ 83, Kaliber 7,65 Millimeter nichts zu tun gehabt: Er habe sie nicht geordert, nicht gesehen und erst recht nicht ausgehändigt. Mit ihr sollen die Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) neun Menschen erschossen haben. Carsten S., vor dem Oberlandesgericht München (OLG) als mutmaßlicher NSU-Unterstützer angeklagt, soll die Waffe inklusive Schalldämpfer für Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gekauft haben - in einem Geschäft namens Madley, dessen Besitzer Frank L. war.

Das Madley war von 1995 bis 2009 eine Institution in der rechten Szene Jenas: Ein 25 Quadratmeter großer Laden mit Schaufenstern aus Sicherheitsglas, voller Devotionalien wie "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein"-Aufnähern, indizierten Tonträgern und Kleidung von Thor Steinar, Pitbull und Hooligan - Marken, die in rechtsextremen Kreisen begehrt sind.

Auch Eintrittskarten für umstrittene Kampfsportveranstaltungen wie den Fight Club Chemnitz gingen über die Ladentheke. Hier kauften laut Frank L. auch die mutmaßlichen Rechtsterroristen ein, bevor sie in den Untergrund gingen.

Frank L. weist jede Verantwortung von sich

Vergangene Woche trat Frank L. im NSU-Prozess in München als Zeuge auf, mehr als sechs Stunden lang wurde er befragt*. Auf zermürbende Art und Weise wies L. jede Verantwortung von sich, schob die Beschaffung der Ceska CZ 83 seinem ehemaligen Kompagnon und Mitinhaber Andreas S. in die Schuhe. Dieser ist nun für Mittwoch vor dem OLG als Zeuge geladen. Doch auch an Frank L. hat das Gericht noch Fragen, weshalb er ebenfalls am Mittwochnachmittag noch einmal erscheinen muss.

Frank L., gelernter Kfz-Mechaniker, derzeit arbeitslos, kann sich eigenen Angaben zufolge keinen Anwalt leisten. Der 40-Jährige wäre allerdings gut beraten, sich weniger maulfaul und möglicherweise kooperativ zu zeigen als am 53. Verhandlungstag, als er nicht nur die Nerven des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl strapazierte. Den Eindruck, dass der Waffenverkauf auch bestens in sein Weltbild gepasst hätte, hat er bei seinem Auftritt bislang jedenfalls nicht ausräumen können oder auch wollen. Wie weit war dieser Verkauf im Sinne des Geschäftsinhabers?

"Sie soll mich nicht als Nazi-Laden bezeichnen!"

Frank L. ist ein bulliger Typ mit kahlgeschorenem Kopf und nationalen Ansichten. Der Thüringer Verfassungsschutz führte ihn bis 2000 als aktives Mitglied der Neonazi-Szene. Er war Anhänger der Skinheadgruppe Hatebrothers, die einen engen Kontakt zur "Blood & Honour"-Szene gepflegt haben soll. Im Jahr 1998 versuchte L. im Osten Jenas einen weiteren Laden für die rechte Szene zu etablieren - Name des Geschäfts: Hatebrothers. Doch bereits nach sechs Monaten musste er die Räumlichkeiten wieder kündigen, weil die Kundschaft ausblieb.

Im Juli 2008 wehrte sich Frank L. gegen eine Mitarbeiterin des Arbeitskreises Sprechende Vergangenheit Jena, die die Öffentlichkeit über die Hintergründe des Madleys informiert hatte. "Sie soll mich nicht als Nazi-Laden bezeichnen!", sagte L. und zog vor Gericht.

Allerdings verlor er den Prozess. Auf Anraten des Richters vor dem Landgericht Gera zog er schließlich seine Forderung gegen die Mitarbeiterin zurück und musste die Anwalts- und Gerichtskosten übernehmen. Auf den Überweisungsträgern an die Kanzlei seiner Prozessgegnerin schrieb L. in den Verwendungszweck: Madley88 fürs Reich. Den fälligen Betrag stotterte er in selbst gewählten Beträgen ab - wie beispielsweise einmal mit 888,88 Euro. Die Zahl 8 steht für den achten Buchstaben im Alphabet: 88 ist in der Neonazi-Szene die Abkürzung für "Heil Hitler".

Bei einer Kreuzverbrennung Mitte der Neunziger in Oßmaritz, im Süden des Saale-Holzland-Kreises, bei der im Schein der Flammen und im Windschatten der wehenden Reichsflagge gefeiert, gejohlt und die Hand zum Hitlergruß erhoben wurde, war Frank L. ebenso zugegen wie Böhnhardt sowie die mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben und Holger G.

Entsprechende Fotos waren bei einer Durchsuchung von Beate Zschäpes Wohnung beschlagnahmt worden. Auf der Wache wurde sie zu der Verbrennung in Ku-Klux-Klan-Manier befragt - und verpfiff 18 Kameraden. Die Namen schrieb sie noch auf der Wache mit Kugelschreiber an den Rand der Bilder.

Andreas S. soll eine Waffe verkauft haben

An all das kann oder will sich Frank L. ebenso wenig erinnern wie an eine mögliche Waffenbeschaffung. Er habe "keine Ahnung", ob in seinem Laden Waffen verkauft worden seien, sagte er vor dem OLG. "Kiddies wollten Schreckschusspistolen haben. Aber verkauft haben wir keine, also dass sie offiziell eingekauft und dann verkauft wurden." Er habe immer gesagt: "Das führen wir nicht, haben wir nicht im Programm." Und scharfe Waffen? "Nicht, dass ich wüsste."

In einer Vernehmung vom Januar 2012 hatte Frank L. noch zu Protokoll gegeben, dass oft Leute aus der rechten Szene in seinem Laden nach Waffen gefragt hätten. Auch Wohlleben habe ihn "mal zwischen Tür und Angel gefragt", ob er eine Waffe besorgen könne. Wahrscheinlich habe er ihn an seinen Kompagnon Andreas S. verwiesen.

Vor Gericht wollte Frank L. sich weder an solch eine Begebenheit noch an andere entscheidende Aussagen bei der Vernehmung erinnern. Er habe erst bei einer Befragung durch Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) erfahren, dass sein Kumpel Andreas S. im Madley eine Waffe verkauft haben soll. Er selbst habe davon nichts wissen wollen, allerdings habe Andreas S. ihm gegenüber zugegeben, eine Waffe verkauft zu haben. Darüber gesprochen hätten sie jedoch nicht.

Über das untergetauchte Trio sei indes immer wieder gesprochen worden, in einer Stadt wie Jena sei so etwas Gesprächsthema. Aber was genau, wisse er nicht mehr. "Zu lange her." In der Szene sei viel erzählt worden, etwa dass die drei nach Afrika oder Schweden abgehauen seien. Mehr nicht.

Im Vernehmungsprotokoll liest sich das anders: Da gibt Frank L. an, Wohlleben habe Kontakt zu den Flüchtigen im Untergrund gehalten. Daran kann, will sich L. nun nicht mehr erinnern. Auch nicht, wie eng der Kontakt zu ihm und Wohlleben gewesen sei. Seine Aussagen vor dem Oberlandesgericht haben viele Punkte unbeantwortet gelassen. Die zweite Befragung Frank L.s könnte interessant werden.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.