Prozess in München NSU unterhielt Kontakte nach Baden-Württemberg

Besuche bei den "Spätzles": Die mutmaßlichen Rechtsterroristen nahmen wohl jahrelang an Szenetreffen im Raum Ludwigsburg teil. Ob sich der NSU deshalb zu einem Mordanschlag in Heilbronn entschlossen haben soll, ist jedoch weiter unklar.

Ermittler am Tatort nach Polizistenmord in Heilbronn: Treffen mit Gleichgesinnten
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Ermittler am Tatort nach Polizistenmord in Heilbronn: Treffen mit Gleichgesinnten

Von , München


München - Die mutmaßlichen Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben offenbar über Jahre hinweg intensive Kontakte nach Baden-Württemberg unterhalten. Wie eine Beamtin des Stuttgarter Landeskriminalamts im sogenannten NSU-Prozess aussagte, reisten die Neonazis zwischen 1993 und 2001 immer wieder zu Kameraden nach Ludwigsburg. Vor allem Mundlos und Zschäpe seien häufig dort gewesen, so Kriminalhauptkommissarin Sabine R.

Die Neonazis aus Thüringen hätten sich vor allem im Keller des inzwischen gestorbenen Rechtsextremisten Michael E. mit Gleichgesinnten getroffen, berichtete die Polizistin. Das habe den Ermittlern unter anderem eine Zeugin geschildert, die bei den Treffen dabei gewesen sei. Die Abende seien demnach häufig zu "Saufgelagen" ausgeartet. In einem Brief an einen Kameraden hatte Uwe Mundlos nach Darstellung der Kommissarin jedoch recht beeindruckt von einem Besuch bei den "Spätzles" zu Ostern 1996 berichtet. Sie seien erstaunt gewesen, schrieb Mundlos damals, wie gut bewaffnet die Ludwigsburger gewesen seien.

Dass die mutmaßlichen Rechtsterroristen möglicherweise versuchten, weitere Anschlagsziele in Baden-Württemberg auszuspähen, hatte bereits ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) vor Gericht ausgesagt. Demnach wurden im Schutt der ausgebrannten Zwickauer Wohnung, die als Unterschlupf der Neonazis gedient hatte, Stadtpläne gefunden - unter anderem einer von Heilbronn, ein weiterer von Ludwigsburg, zwei von Stuttgart. In der Straßenkarte von Stuttgart habe man mehrere Markierungen mit dem Buchstaben "P" entdeckt, sagte der BKA-Beamte. Die Recherchen hätten schnell ergeben, dass die Markierungen auf "ehemalige oder existierende Polizeidienststellen" hinweisen würden.

Zudem gebe es Fotos, die Böhnhardt am 25. Juli 2003 in der Stuttgarter Nordbahnhofstraße zeigten. Geschäftsinhaber und Anwohner seien später befragt worden, hätten aber keine Angaben machen können. Der BKA-Beamte sprach von "eventuellen Ausspähungshandlungen" des NSU.

Im April 2007 waren auf der Heilbronner Theresienwiese die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet und ihr Kollege Martin A. schwer verletzt worden. Die Bundesanwaltschaft ist davon überzeugt, dass die Beamtin nur zufällig Opfer des NSU wurde. Nebenkläger vermuten jedoch, die Tat könnte mit Verbindungen der mutmaßlichen Rechtsterroristen nach Baden-Württemberg zu tun haben.

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