NSU-Prozess: Einblicke in die Wohnung der Terrorzelle

Von , München

Ruinen des Hauses Frühlingsstraße 26 in Zwickau, Wohnsitz der NSU-Terrorzelle Zur Großansicht
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Ruinen des Hauses Frühlingsstraße 26 in Zwickau, Wohnsitz der NSU-Terrorzelle

Die Plastikblumen an der Haustür, die Deko im Bad - Detail für Detail überprüft das Münchner Oberlandesgericht die Zwickauer Wohnung des mutmaßlichen Terrortrios. Und kommt so der Widerlegung der These näher, die Hauptangeklagte Zschäpe habe um die tödlichen Absichten ihrer Gefährten nicht gewusst.

War Beate Zschäpe Mittäterin bei der Tötung von zehn Personen vorwiegend ausländischer Herkunft? Wie eng war das Verhältnis zwischen ihr und ihren Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und wie nah lebten sie nach ihrem Untertauchen 1998 zusammen? Hätte sie sich vom Wissen über mörderische Attentate nicht auch fernhalten können? Das ist die Kernfrage der Anklage, die die Bundesanwaltschaft mit "Nein" beantwortet.

Das Oberlandesgericht München legte am 15. Sitzungstag im NSU-Verfahren den nächsten Schritt in Richtung Widerlegung der These zurück, die Hauptangeklagte Zschäpe habe vom tödlichen Treiben der beiden Uwes nicht zwangsläufig wissen müssen.

Stundenlang befasste sich das Gericht mit den Erkenntnissen über das Alltagsleben der mutmaßlichen Terroristen. Mit der gut belegten Zerstörung der Zwickauer Wohnung in der Frühlingsstraße 26 am 4. November vorigen Jahres.

Fotos von Zschäpes Wohnung werden an die Wand des Gerichtssaals geworfen. Es war einmal ein ansehnliches Wohnhaus aus den Jahren um 1900. Auf den Bildern im Gerichtssaal ist nur sein Ende zu sehen, ein Haus, in dessen ersten Stock es eine Explosion gegeben hat und aus dem helle Flammen schlagen.

Radikales Fanal

Das also war geblieben von der mutmaßlichen Terrorzelle: Böhnhardt und Mundlos hatten sich an jenem Tag das Leben genommen; Zschäpe hinterließ eine Brandruine, in der die Spuren des gemeinsamen Lebens offenbar vernichtet werden sollten - ein Fanal, wie es radikaler kaum denkbar ist.

Elf Waffen fand die Polizei damals in der Asche der Zschäpe-Wohnung. Die Ermittler hatten mehrfach gesicherte Wohnungstüren aufbrechen müssen. Im Innern stießen sie vor den Fenstern auf Kameras, die zwischen grünem Plastikefeu in fest angeschraubten Blumenkästen verborgen waren. Die Kameras waren über Kabel miteinander verbunden, "sauber unter der Scheuerleiste verlegt", wie ein Zeuge aussagte. Zschäpe und ihre Genossen hatten sich wie in einer Festung verbarrikadiert.

War sie panisch, war sie gelassen? Sie war jedenfalls gründlich. Ehe sie das Haus mit ihren Katzen verließ, hatte Zschäpe Benzin aus einem Zehn-Liter-Kanister in der geräumigen Vierzimmerwohnung verteilt: im Wohnzimmer auf den Polstermöbeln, im Schlafzimmer, im sogenannten Katzenzimmer, wo die Polizei Kratzbäume gefunden hatte, in einem der beiden Bäder, im "Sportraum", in dem eine Hantelbank und ein Laufband standen.

Keine abgeschlossenen Wohnbereiche

Die mehr als 100 Quadratmeter große Wohnung des Trios bestand aus ursprünglich zwei Wohneinheiten, die durch nachträgliche Einbauten zu einem verschachtelten Ganzen mit mehreren Fluren umgewandelt worden war. Als die Brandermittler sie betraten, waren Wände, Böden und Decken schwarz verrußt. Wenig ließ auf die Wohnverhältnisse schließen. Wo lebte die Frau, wo die beiden Männer? Wollte man ins Schlafzimmer, das sich wie auch ein Tresor in Wohnung zwei befand, musste Wohnung eins durchquert werden. Doch wer bewohnte es? Es gab zwei Bäder. Eines für Zschäpe? Das andere für die beiden Uwes? In einem, jenem mit der Waschmaschine, lag ein Deko-Rettungsring auf dem Boden.

Und wie eng lebten die drei miteinander? Wer schlief im Sportraum? Es gab laut Polizei vier Schlafstellen, aber nur eine Küche mit Sitzbank, Esstisch samt Tischläufer sowie einer Spülmaschine und einem schrankhohen, gut gefüllten Kühlschrank. Und einer Topfpflanze auf dem Fensterbrett.

Eine Unterteilung in abgeschlossene Bereiche wäre wohl nötig gewesen, hätte Zschäpe vom Treiben ihrer Gefährten nichts mitbekommen. Eine solche Abgrenzung erschließt sich aus dem Grundriss der Wohnung nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man der Präsentation der Wohnverhältnisse folgt, wie ein Polizeizeuge sie vor Gericht vornahm.

Fotos des bennenden Hauses auf Großleinwand. Die Ruine, deren Außenwände im ersten Stock bei dem Brand herausgesprengt wurden. Der Dachstuhl, nur noch ein Gerippe. Das Klingelschild mit dem Namen "Dienelt", einem der Tarnnamen Zschäpes. An der Wohnungstür außen ein künstlicher Blumenkranz. "Die Kellerräume wurden eindeutig dazu genutzt, um dort zu trinken", sagt ein Kripo-Mann, der den Zwickauer Tatort bearbeitet hat. Es ist ein trostloser Raum. Die Kellertür wurde mit einem Sensor versehen, der in der Wohnung oben Alarm ausgelöst hätte, falls Unbefugte eingedrungen wären.

Die Nebenwohnung, in der sich zur Tatzeit eine ältere Dame aufhielt. In welcher Gefahr hatte sich die Frau befunden, als es nebenan brannte und Explosionen das Haus erschütterten?

Die Brandlegung in der Zwickauer Wohnung ist einer der Bausteine, auf dem die Zschäpe-Anklage ruht. Daher wird sie akribisch seziert vor Gericht. Bis ins letzte Wohn-Detail.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. optional
oneil57 25.06.2013
Und siehe da, da waren sogar Tische und Stühle. Sehr verdächtig ;)
2. Ein weiterer Schritt
otto1890 25.06.2013
in Richtung der Widerlegung der Tatsache, Zschäpe habe nicht zwangsläufig vom tödlichen Treiben der Uwes wissen müssen. Was für ein Wortgeschwurbel. Es geht doch auch einfacher. Bei Globke wollte man nkcht wissen, dass er zwangsläufig von den Massenmorden an Juden wissen musste und deshalb durfte er Staatssekretär werden. Schaue ich mir noch dazu Verfassungsschutz, BND, Bundeswehr in ihrer Enwicklung an und höre ich dann den Satz: Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt (vielleicht noch aus dem Mund von Friedrich oder Herman) klingt das wie ein schlechter Witz.
3.
c++ 25.06.2013
"Sie war jedenfalls gründlich. Ehe sie das Haus mit ihren Katzen verließ, hatte Zschäpe Benzin aus einem Zehn-Liter-Kanister in der geräumigen Vier-Zimmer-Wohnung verteilt." Wenn sie so gründlich war, warum hat sie das Benzin nicht so verteilt, dass die Beweismittel vernichtet werden? Es war das Gegenteil von Gründlichkeit. Und wenn sie die Beweismittel vernichten wollte, warum steckt sie dann ein ganzes Haus an? Wieso widerlegen Plastikblumen an der Haustür und Deko im Bad die These, die Hauptangeklagte Zschäpe habe um die tödlichen Absichten ihrer Gefährten nicht gewusst? Leider erfahren wir es im Artikel nicht. Und wieso muss sie "zwangsläufig" von den Morden gewusst haben, selbst wenn sie mit den beiden Mitbewohner Gruppensex gehabt haben solllte? Wie viel Millionen Menschen in Deutschland haben Geheimnisse vor ihren Lebenspartnern? Warum stellen investigative Journalisten nicht kritische Fragen? Wann kommen die Beweise auf den Tisch? Na ja, sind ja noch zwei Jahre Zeit.
4. Was zu beweisen wäre
derandersdenkende 25.06.2013
Zitat von sysopDie Plastikblumen an der Haustür, die Deko im Bad - Detail für Detail überprüft das Münchner Oberlandesgericht die Zwickauer Wohnung des mutmaßlichen Terrortrios. Und kommt so der Widerlegung der These näher, die Hauptangeklagte Zschäpe habe um die tödlichen Absichten ihrer Gefährten nicht gewusst. NSU-Prozess: OLG überprüft Alltag des mutmaßlichen Terrortrios - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nsu-prozess-olg-ueberprueft-alltag-des-mutmasslichen-terrortrios-a-907797.html)
Dem neutralen Beobachter interessiert genauso sehr, wie es in den Wohnungen der NSU-Unterstützer vom Verfassungsschutz aussieht!
5. ....offensichtlich...
uksubs 25.06.2013
ja, es sind schon viele kommentare hier geschrieben worden, auch in diesem verfahren gilt die unschuldsvermutung. doch ehrlich gesagt: nein! der artikel hatte beinahe auch bei mir so eine art zustimmung hervorgebracht, oh, weitere indizien, gut für die wahrheitsfindung. doch es ist doch längst jedem klar, dass diese frau sehr genau wußte was passiert ist! wenn aber dies präsent ist und bleibt, dann wird das verhalten von ihr, insbesondere das schweigen, so menschenverachtend, reuelos, unbarmherzig, elend und klein. und arrogant, obschon diesem ausdruck in diesem zusammenhang die kraft fehlt. die anwälte? was ist eigentlich mit denen? wissen die auch, dass die tschäpe schuld hat und vielleicht gar ist - logisch - und warten auf den tag, an dem sie sagen können, sie haben den rechtsstaat verteidigt? ein sehr irritierendes theater dort, von anfang an....
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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL