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NSU-Anschlag in Köln: "Was ich sah, war fürchterlich"

Von , München

Tatort Keupstraße (Juni 2004): Nägel auf der Straße Zur Großansicht
DPA

Tatort Keupstraße (Juni 2004): Nägel auf der Straße

Opfer und Augenzeugen machen die grausamen Folgen des NSU-Anschlags in der Kölner Keupstraße deutlich. Im Münchener Prozess sorgten Anwälte der Nebenklage dafür, dass zwei Fachleute über die Leiden ihrer Mandantin aussagten. Hilfreich war das nicht.

Türken wird oft nachgesagt, große Geschichtenerzähler zu sein. Im NSU-Prozess, in dem die Opfer des Terroranschlags auf die Kölner Keupstraße in diesen Tagen aussagen, ist davon nichts zu spüren.

Mehrere Menschen wurden verletzt, manche schwer, weil sie sich am 9. Juni 2004 in unmittelbarer Nähe jener Bombe befanden, die mutmaßlich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos vor einem Friseurgeschäft platziert hatten. Keiner übertrieb, wenn er nun dem Gericht schilderte, was ihm damals widerfahren ist und wie es ihm heute geht, im Gegenteil.

Selbst diejenigen, die dem Strafverfahren gern eine noch deutlichere politische Note aufdrücken würden, trugen durchgehend ohne Belastungseifer und Wichtigtuerei vor. Dieses redliche Bemühen um die Wahrheit verdient großen Respekt.

Risse in den Wänden

Gerade vor diesem Hintergrund warf der Auftritt zweier Ärzte und einer Augenzeugin am Donnerstag Fragen auf. Die Anwohnerin war im Juni 2004 im achten Monat schwanger. Sie befand sich mit ihrem kleinen Sohn im ersten Obergeschoss eines Wohnhauses an der Keupstraße, als die Bombe detonierte.

Die Frau berichtete mit lauter, klarer Stimme, wie sie an jenem Tag mit ihrem Kind im Schlafanzug und in Pantoffeln auf die Straße rannte - nicht wissend, woher der Knall kam, der Fenster bersten ließ und Risse in den Wänden verursachte. Dort lagen zwischen panisch umherlaufenden Verletzten blutüberströmte Personen am Boden und lange Nägel, deren Bedeutung zunächst niemandem klar war. "Was ich sah, war fürchterlich", sagt die Frau vor Gericht.

Sie wurde damals von Sanitätern gleich zur Untersuchung in eine Klinik gebracht und hatte großes Glück. Zwei Wochen später gebar sie einen gesunden Jungen. Die Geburt, 14 Tage vor dem errechneten Termin, verlief ohne Probleme. Allerdings habe sie große Angst, mit Straßenbahn oder Bus zu fahren oder ein Flugzeug zu besteigen. Sie meide Menschenansammlungen und leide vor allem in letzter Zeit unter Panikattacken.

Ungewöhnlich viel Raum für die Opfer

Diese Zeugin, eine der Nebenklägerinnen im NSU-Prozess, wird von Rechtsanwalt Alexander Hoffmann aus Kiel vertreten. Auf sein Betreiben hin wurden zwei Ärzte vom Gericht angehört, zu deren Patientinnen die Frau zählte. Der Frauenarzt, der ihre Schwangerschaft begleitet hatte, wusste nichts von gesundheitlichen Problemen zu berichten.

Der zweite, ein türkischer Psychotherapeut, bei dem die Zeugin im Jahr 2012 drei Mal gewesen war, berichtete zwar von Angstzuständen, auch von Höhenangst, unter der sie seit Kindheit an leide. Doch Panikattacken seien erst nach dem Tod ihrer Mutter aufgetreten; den Anschlag in der Keupstraße habe sie ihm gegenüber nicht erwähnt, sagte der Arzt. Dass die Patientin davon betroffen gewesen sein soll, habe er nicht gewusst.

Kein Zweifel, dass die Explosion für die damals Hochschwangere ein Ereignis war, das sie ihr Leben lang nicht vergessen wird. Möglicherweise hat es ihre Disposition zu ängstlichem Verhalten verstärkt. Das Gericht hörte der Zeugin lange zu, länger als so manchem Schwerverletzten, und befragte auch die Ärzte ausführlich.

Doch wenn in einem Strafverfahren, in dem den Opfern ohnehin ungewöhnlich viel Raum gegeben wird, auch Personen präsentiert werden, die im Vergleich zu anderen kaum "Opfer" zu nennen sind, fällt ein Schatten auf die gesamte Nebenklage.

Die beiden Männer warfen sich auf den Boden

Jeder der Keupstraßen-Zeugen hat eine eigene Geschichte zu erzählen: Da ist die Angestellte, die in einer Fahrschule am Schreibtisch saß, als die Bombe hochging, und die heute sagt: "Ich habe gemerkt, dass ich nichts verarbeitet habe. Ich habe nur verdrängt. Ich will nicht Opfer sein! Und merke, ich bin doch eines."

Und da ist der türkische Lebensmittelhändler, der wie viele andere auch von den Ermittlern als Verdächtiger behandelt wurde. Er sagt: "Von Anfang an wurde von der Polizei darauf hingearbeitet, dass wohl die türkische Mafia oder die Türsteher-Szene mit dem Anschlag zu tun habe." Er habe zur Polizei gesagt: "Sie kennen uns seit 40 Jahren. Sie wissen genau, dass wir Türken, wenn wir Streit untereinander haben, nicht eine Bombe hochgehen lassen, sondern die Sache Mann gegen Mann erledigen!"

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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