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NSU-Prozess: Der verräterische Parkschein

Von Wiebke Ramm, München

Mitangeklagter André E.:  Wer besuchte ihn am Krankenbett?  Zur Großansicht
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Mitangeklagter André E.: Wer besuchte ihn am Krankenbett?

Im NSU-Prozess geht es nicht nur um die Schuld von Beate Zschäpe: Wie viel Verantwortung trägt etwa der Mitangeklagte André E.? Neue Erkenntnisse der Ermittler erhärten den Verdacht, dass er engen Kontakt zu den Rechtsterroristen hatte. Bis zum Schluss.

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André E. hat seinen Sturz vom Dach in einen Stall mit Jungbullen offenbar ohne Spätfolgen überstanden. Äußerlich sind dem 36-jährigen Mitangeklagten im NSU-Prozess jedenfalls keine Nachwirkungen anzumerken. Er hatte am 17. Oktober 2011 eine Solaranlage auf dem Dach eines Stalls in einem Dorf in Sachsen montieren wollen, als er abstürzte. André E. kam mit dem Rettungshubschrauber ins Universitätsklinikum Leipzig.

Indizien deuten darauf hin, dass er dort am 25. Oktober kurz vor 19 Uhr Besuch von mindestens einem der mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bekommen hat. Dies berichtete am Dienstag ein Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Nebenklagevertreter sehen darin einen Hinweis auf "das besonders enge Verhältnis" von André E. zu den mutmaßlichen NSU-Terroristen.

Der BKA-Beamte berichtet an diesem 229. Verhandlungstag von einem Parkschein, den die Ermittler im Wohnmobil fanden, in dem Mundlos und Böhnhardt am 4. November 2011 in Eisenach starben. Der Parkschein lag auf der Beifahrerseite im Handschuhfach. Verschmutzt, verblichen und zerknittert kam er zu den Asservaten. Die Opferanwälte Hardy Langer und Eberhard Reinecke schauten ihn sich genauer an und stellten Mitte Juni dieses Jahres einen Beweisermittlungsantrag, dem sich weitere Nebenklagevertreter angeschlossen haben.

"Ich fahr grad lisl und geri wohin"

Der BKA-Beamte berichtet an diesem Tag nun vor Gericht von seinen umfangreichen Ermittlungen. Demnach stammt der Parkschein aus einem Automaten in unmittelbarer Nähe des Krankenhauses, in dem André E. nach seinem Sturz zehn Tage lang behandelt wurde. Der Parkschein wurde am 25. Oktober 2011 um 18.43 Uhr ausgestellt.

André E. muss sich unter anderem wegen Beihilfe zum versuchten Mord und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vor Gericht verantworten. Er soll Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt mit der Anmietung von Wohnmobilen und weiteren Hilfsleistungen beim Agieren aus dem Untergrund zur Seite gestanden haben. André E. selbst hilft nicht bei der Aufklärung der zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle, die dem NSU zugerechnet werden. Er schweigt.

Am selben Tag, an dem der Parkschein ausgestellt wurde, war zuvor auch das Wohnmobil, in dem Böhnhardt und Mundlos zehn Tage später starben, in Zwickau angemietet worden. Mitarbeiter der Verleihfirma konnten sich an einen Mann, eine Frau und ein Kind erinnern. Zschäpe und Böhnhardt wurden von Zeugen hinterher auf Fotos erkannt, berichtet der BKA-Beamte vor Gericht. Und das Kind könnte eines der Kinder von André E. gewesen sein.

Der Beamte sagt, dass André E. an jenem 25. Oktober um 11.25 Uhr eine SMS von seiner Frau bekommen hatte. "Ich fahr grad lisl und geri wohin", schrieb sie. Lisl und Geri sind Aliasnamen von Zschäpe und Böhnhardt. Die Auswertung von Funkzellendaten belege zudem, dass das Handy seiner Frau damals tatsächlich in der Nähe des Wohnmobilverleihs war. Das BKA geht deshalb davon aus, dass André E.s Frau Böhnhardt und Zschäpe zum Wohnmobilverleih gefahren hat.

Postkartengrüße vom künftigen Tatort

Doch wer genau André E. am Abend im Krankenhaus besucht hat, sei unklar geblieben, sagte der BKA-Beamte. Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger hätten sich heute an keine Gesichter mehr erinnern können. Dies sei wenig verwunderlich, so der Ermittler, würden im Uniklinikum doch jedes Jahr rund 60.000 Patienten behandelt.

Zuvor hatte eine Beamtin des BKA von einer möglichen Ausspähreise Böhnhardts nach Dortmund im September 2005 berichtet. Im Brandschutt des letzten NSU-Verstecks in der Zwickauer Frühlingsstraße fanden die Ermittler eine Postkarte, eine Liste mit Ausspähzielen und den Computerausdruck eines Dortmunder Stadtplans, sagte sie vor Gericht. Auf dem Stadtplan fanden sich Markierungen, die zu den Adressen auf der Liste passen. Den entscheidenden Hinweis auf eine tatsächliche Reise nach Dortmund lieferte die Postkarte.

Auf der Vorderseite ist ein Elefantenbaby abgebildet, darüber steht in Handschrift: "Hallo 00". Auf der Rückseite heißt es: "Viele liebe Grüße, das Wetter ist schön. Tschüß." Adressiert ist die Karte an die Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße, in der Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt damals lebten. Und eine Analyse der Handschrift ergab, dass "mit hoher Wahrscheinlichkeit" Böhnhardt die Postkarte geschrieben hat, sagte die Zeugin. Handschriftliche Notizen auf der Liste mit möglichen Anschlagszielen stammten wiederum "mit leicht überwiegender Wahrscheinlichkeit" von Mundlos. Die Postkarte wurde am 21. September 2005 in Dortmund abgeschickt. Das belegt der Poststempel. Die Ausspähliste trägt das Datum 22. September 2005.

Ein gutes halbes Jahr später wurde Mehmet Kubasik in Dortmund in seinem Kiosk erschossen. Der 39-Jährige starb am 4. April 2006 durch Schüsse aus der Ceska-Pistole, mit der mutmaßlich Böhnhardt und Mundlos in den Jahren 2000 bis 2006 insgesamt neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft ermordeten.


Zusammengefasst: Der 229. Verhandlungstag im NSU-Prozess erbrachte Hinweise, dass der Mitangeklagte André E. dem NSU sehr nahe war. Ein Parkschein deutet darauf hin, dass ihn Mitglieder der Terrorzelle in einem Leipziger Krankenhaus besucht hatten. Eine SMS und Funkzellendaten legen nahe, dass seine Frau an demselben Tag dabei war, als das Wohnmobil angemietet wurde, in dem wenige Tage später Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Eisenach starben. Und: Uwe Böhnhardt war offenbar 2005 in Dortmund, ein halbes Jahr bevor dort Mehmet Kubasik erschossen wurde. Er schickte wohl eine Postkarte von der Reise nach Zwickau. Die Ermittler nehmen an, dass Böhnhardt in Dortmund potenzielle Ziele für einen Mordanschlag ausspähte.

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL


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