NSU-Prozess "Ein Mensch, der zutiefst bereut"

Schlussvortrag der Nebenkläger im NSU-Prozess: Die Witwe des ermordeten Theodoros Boulgarides erzählt von ihrem Treffen mit einem Angeklagten. Zumindest bei ihm sieht sie Reue.

Angeklagter Carsten S. im NSU-Prozess (Archivfoto)
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Angeklagter Carsten S. im NSU-Prozess (Archivfoto)

Von  und Thomas Hauzenberger, München


Im Alter von neun Jahren zog Theodoros Boulgarides mit seiner Familie von Griechenland nach München. Das war im Jahr 1973. Er machte in Bayern sein Abitur, schloss seine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann ab, arbeitete bei Siemens und der Deutschen Bahn. München wurde schnell sein Zuhause.

Im Juni 2005 erfüllte sich Theo, wie ihn alle nannten, seinen Traum: einen eigenen Laden, einen Schlüsseldienst im Münchner Westend. Zwei Wochen nach der Eröffnung wurde er dort auf dem Boden tot aufgefunden. Er gilt als eines von insgesamt zehn Opfern der mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Knapp 13 Jahre später steht seine Frau Yvonne im Saal A 101 des Münchner Oberlandesgerichts und spricht im NSU-Prozess über einen "der schwierigsten und emotionalsten Momente" in ihrem Leben nach dem Mord an ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder: dem Zusammentreffen mit Carsten S., einem der Angeklagten in dem Verfahren. S. war mutmaßlicher Helfer des "Nationalsozialistischen Untergrundes".

Sie habe bei dieser Begegnung Carsten S. als einen Menschen kennengelernt, "der zutiefst bereut und dem das Gewissen den größten Teil seiner Strafe auferlegt hat", sagt Yvonne Boulgarides. S. verfüge über ein Unrechtsbewusstsein. Bei den anderen Angeklagten habe sie dagegen keine Anzeichen für Reue gefunden, auch nicht bei der Hauptangeklagten Beate Zschäpe.

Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

Yvonne Boulgarides spricht von Verunglimpfung ihrer Familie bei dem Versuch, das Verbrechen aufzuklären: "Hat man uns in die Täterrolle gedrängt, um unsere unangenehmen Fragen zum Verstummen zu bringen? Oder befanden sich die Behörden tatsächlich auf einem für mich nicht nachvollziehbarem Irrweg?"

Geheimdienste und Polizei waren dem NSU jahrelang nicht auf die Spur gekommen, weil sie den rechtsextremistischen Hintergrund nicht erkannten. Zudem waren viele Familienmitglieder der NSU-Opfer bei den Ermittlungen selbst Ziel falscher Verdächtigungen, wofür sich Repräsentanten des Staates später entschuldigten.

Darauf spielt Yvonne Boulgarides an, wenn sie sagt, sie wolle bis heute wissen, warum das Andenken an ihren getöteten Mann derart demontiert worden sei. Boulgarides vergleicht die Arbeit der Ermittler mit einem "oberflächlichen Hausputz", bei dem niemand die Teppiche hochgehoben habe, unter die so viel gekehrt worden sei. Es bleibe die Frage, wie viel Schmutz auch nach dem langwierigen Prozess noch unter diesen Teppichen verborgen bleiben werde.

"Wie viele Opfer wären uns erspart geblieben, wenn die beauftragten Staatsorgane ihre Arbeit ehrenhaft und pflichtbewusst erledigt hätten?", fragt Boulgarides. "Es wäre die Aufgabe der entsprechenden Staatsorgane gewesen, der Wahrheitsfindung zu dienen. Leider muss ich an dieser Stelle von einem kompletten Organversagen sprechen. All die zum Teil absurden Auf- und Erklärungsversuche haben uns mit noch mehr Fragen, Misstrauen und Ungewissheit zurückgelassen."

"Heute kann euer Vater in Frieden ruhen"

Anwalt Yavuz Narin hatte der Witwe und ihren beiden Töchtern bereits vor der Enttarnung des NSU von seiner Hypothese berichtet, warum Theodoros Boulgarides sterben musste: Narin vermutete hinter dem Attentat eine "mordende und bombenlegende Combat-18-Zelle", einem bewaffneten Arm des Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour".

Und so steht Narin nun in Saal A 101 und sagt in seinem Plädoyer: "Heute haben wir die Gewissheit, dass man in der Lage gewesen wäre, die Taten des NSU zu verhindern. Wir haben die Gewissheit, dass wir und dieses Gericht bis zum heutigen Tag von den Verfassungsschutzbehörden belogen werden. Wir haben die Gewissheit, dass zahlreiche V-Personen und Verfassungsschutzmitarbeiter bis heute vor Strafverfolgung geschützt werden." Die lückenhafte Aufklärung sei der Mentalität von Amtsträgern geschuldet, denen nicht klar sei, was den Staat sowie seine Rechts- und Gesellschaftsordnung ausmache. "Wir haben die Gewissheit, dass Menschen unsere Verfassung schützen wollen, die den Verfassungskern nicht verstanden haben."

Heute sei Theo Boulgarides' Name rehabilitiert, sagt Anwalt Narin auch in Richtung seiner Mandanten. "Heute kann euer Vater in Frieden ruhen, weil seine Töchter zu wunderbaren Menschen geworden sind. Er kann stolz darauf sein, dass ihr sogar den Mut, die Kraft und die Größe hattet, Carsten S. zu vergeben."

"Sprechen Sie ein Urteil, das auch vor der Geschichte Bestand hat"

Narins Plädoyer ist auch ein Lob für die Arbeit der Bundesanwaltschaft. "Schade nur, dass Sie hinsichtlich Ihrer mangelhaften Ermittlungsleistungen zu weiteren NSU-Unterstützern süffisant darauf verweisen mussten, wir Anwältinnen und Anwälte der Nebenklage hätten unseren Mandantinnen und Mandanten 'Hintermänner an den Tatorten' versprochen", kritisiert der Münchner Anwalt.

Rechtsanwalt Yavuz Narin
picture alliance / dpa

Rechtsanwalt Yavuz Narin

Denn das sei nicht wahr. Vielmehr gehe es um die Einhaltung eines Versprechens - "des Versprechens, das unseren Staat, unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Es geht ihnen um das Versprechen, das unsere freiheitliche, rechtsstaatliche Demokratie im Kern ausmacht", sagt Narin. "Das Versprechen, das Leben und die Würde der Rechtsunterworfenen zu achten und zu schützen."

Narin forderte den Senat auf, unbequem zu sein. "Haben Sie den Mut, auch auszusprechen, was dieser Prozess nicht leisten konnte, wo er unvollkommen bleiben musste. Haben Sie den Mut, nicht so zu tun, als sei alles in Ordnung." Er sei davon überzeugt, dass das Urteil der Richter der Revision standhalten werde, sagt Narin. "Sprechen Sie ein Urteil, das auch vor der Geschichte Bestand hat."

Narin war der letzte Anwalt, der für die Nebenkläger plädierte. Als Nächstes erhalten die 14 Verteidiger und die fünf Angeklagten das Wort. Am 13. März sollen Zschäpes Anwälte mit ihrem Schlussvortrag beginnen.

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