Zeugenaussage eines NSU-Opfers Das schwarze Loch

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter ist das Verbrechen, das unter den mutmaßlichen Delikten des NSU am meisten Rätsel aufgibt. Martin A. saß neben ihr im Streifenwagen, eine Kugel durchbohrte seinen Kopf. Nun sagte er im NSU-Prozess aus.

Von , München

Ermittler am Tatort in Heilbronn (April 2007): "Alles hochgekommen"
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Ermittler am Tatort in Heilbronn (April 2007): "Alles hochgekommen"


Der Mord an der 22 Jahre alten Polizistin Michèle Kiesewetter und der Mordversuch an ihrem zwei Jahre älteren Kollegen Martin A. am 25. April 2007 in Heilbronn sind unter den mutmaßlichen NSU-Verbrechen die rätselhaftesten Tötungsdelikte. Nach neun Morden an ausländischstämmigen Kleinunternehmern suchten sich die Täter erstmals Opfer unter den Repräsentanten des Staates. Es ging wohl nicht um die Personen, sondern um deren Funktion.

Und erstmals kam nicht mehr jene Ceska 83 zum Einsatz, die eines der auffälligsten Merkmale der Mordserie war, sondern andere Waffen. Entsprechend groß war das ratlose Entsetzen über den Anschlag auf die zwei Polizisten, der bis zum Auffliegen des NSU 2011 ungeklärt blieb. Bis die Waffen von Michèle Kiesewetter und Martin A., ihre Handschellen, eine Jogginghose mit Blutspuren der Polizistin in der Zwickauer Wohnung und dem Wohnmobil in Eisenach gefunden wurden. Die mutmaßlichen Täter hatten die Dinge wie Trophäen aufbewahrt.

Kiesewetter und ihr Kollege hatten an jenem frühsommerlichen Tag Bereitschaftsdienst, für Martin A. zum ersten Mal nach der Ausbildung. Für die Mittagspause wählten sie einen in Polizeikreisen bekannten Platz am Rand der Heilbronner Theresienwiese, im Schatten eines Umschalthäuschens. Der Ort galt als gelegentlicher Rückzugsort für Polizeistreifen, da dort nur wenige Passanten vorbeikamen.

Feste Stimme, kein Zögern

Augenzeugen für die Tat gibt es nicht. Die erste Meldung erreichte die Polizei durch einen Taxifahrer, der von einem Radfahrer auf das Verbrechen aufmerksam gemacht worden war. Als die ersten Kollegen am Tatort eintrafen, fanden sie Michèle Kiesewetter blutüberströmt kopfüber aus der offenen Fahrertür hängend. Sie war tot. Martin A. lag, mit dem Oberkörper aus dem Wagen gefallen, rücklings auf dem Boden. Er atmete noch und schlug die Augen auf, als ihm der Puls gefühlt wurde. Sprechen konnte er jedoch nicht mehr.

Im Münchner NSU-Prozess trat er nun als Zeuge erstmals öffentlich auf. Niemanden hätte es gewundert, wenn ein in seinen Bewegungen schwerstbeschädigter Mensch vor Gericht erschienen wäre, unfähig zu verständlicher Artikulation, gequält vom Verlangen des Gerichts, zu erfahren, wie es damals war, als er dem Tod näher war als dem Leben.

Und dann die Überraschung. Ein junger Mann tritt an der Seite eines Anwalts in den Saal, setzt sich mühelos, nennt mit fester Stimme Namen, Alter, Adresse. Er beginnt mit seiner Aussage, spricht flüssig, fast ein wenig zu schnell. Kein Augenblick des Zögerns. Das soll jener Polizist sein, dem quer durch den Kopf geschossen worden war?

Nur einmal, als er das Wort "Kopfschuss" sagt, droht seine klare Stimme fast unhörbar zu kippen. Er fängt sich sofort. Seine Erinnerung reicht exakt bis zu dem Moment, als Michèle Kiesewetter und er hinter dem Umschalthäuschen parkten. Er weiß noch, dass sie im Zuge des Konzepts "Sichere Stadt" an einschlägigen Orten drogenverdächtige Personen hatten kontrollieren sollen, er erinnert sich an einen betagten "Heroindrücker" auf einer Parkbank auf dem Alten Friedhof. "Dann hört es langsam auf", sagt er. Es folgten zehn Minuten, die er heute ein "riesiges schwarzes Loch in meinem Kopf" nennt.

"Ich hatte ja - Kopfschuss"

Er kennt die Tatortfotos, er weiß, was die Medien berichteten. "Ich kann mir daraus viel zusammenreimen", sagt er, "aber eine wirkliche Erinnerung habe ich nicht". Man hatte ihn sogar unter Hypnose gesetzt, um etwas über die Täter zu erfahren, hatte ihm Phantombilder vorgelegt. Doch er glaubt sich nur an das zu erinnern, was er im Nachhinein aus den verschiedensten Quellen erfuhr und wie ein Puzzle zu einem Bild zusammensetzte. Schon während der Hypnose habe er an den Bildern gezweifelt, die in seinem Kopf dabei entstanden waren.

"Wann setzt Ihre Erinnerung wieder ein?", fragt der Senatsvorsitzende Manfred Götzl. "Ich dachte erst, ich hätte sieben Wochen im Koma gelegen, aber es waren nur viereinhalb", antwortet Martin A. Als er aufgewacht sei und die vielen Schläuche bemerkt habe, die in seinem Körper steckten, habe er die erst einmal herausgerissen. "Ich dachte, das ist ein schlechter Scherz der Kollegen. Denn die trainieren manchmal recht praxisnah." Dann habe er wieder das Bewusstsein verloren.

Niemand habe ihm zunächst gesagt, warum er in der Klinik sei und was passiert war, die Eltern nicht, die Schwester nicht, auch nicht die Ärzte oder das Pflegepersonal. Es sei kein Spiegel im Krankenzimmer gewesen. Weder aus dem Radio oder Fernsehen noch aus Zeitungen habe er etwas erfahren. "Ich hatte ja - Kopfschuss."

Erst von den Kollegen der Sonderkommission "Parkplatz" habe er dann etwas erfahren. "Ich fragte nach Michèle, ob sie auch im Krankenhaus sei. Da hieß es, nein." Er stockt. "Ich glaubte es nicht."

Martin A. verlor damals enorm an Gewicht. "Meine Oberschenkel konnte ich mit einer Hand umgreifen." Kaum Kraft zum Bewegen hatte er. Eine Körperhälfte war gelähmt. Die Hände ließen sich dann irgendwann wieder benutzen, "aber es waren nicht meine Hände". Psychologen hätten sich um ihn bemüht, Psychiater, Traumaspezialisten, Hirnexperten. "Keiner wusste ja, ob nicht doch was fehlt, ob ich je wieder sprechen und mich konzentrieren können würde, ob ich nicht umfalle, ob ich wieder acht, neun Stunden arbeiten kann. "

"Mein Kopf sieht aus wie eine Landkarte"

Das Geschoss, das seinen Kopf durchbohrte, sei in drei Teile zersprungen. Zwei wurden herausoperiert, das dritte befinde sich noch im Gehirn.

Auf die Tat folgte eine Odyssee durch Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen. Dabei habe er nur eines gewollt: wieder zurück in den operativen Dienst. "Deshalb wurde ich auch so schnell wieder gesund."

Was heißt gesund? Zu 70 Prozent ist er schwerbehindert, nachts findet er keinen Schlaf, das Innenohr ist auf einer Seite zertrümmert, der Gleichgewichtssinn zerstört. Außerdem Narben ohne Ende. "Mein Kopf sieht aus wie eine Landkarte. Die Schädeldecke wurde in zwei Notoperationen abgenommen, aus dem Oberschenkel Muskelmasse herausgeschnitten und zur Festigung des Kopfes eingesetzt."

Dieser Martin A. will nur eines: Polizist sein, nicht im Innendienst, wie er ihn inzwischen tun muss, sondern draußen, wo das Leben zu spüren ist. Das wäre sein Traumberuf gewesen. Dafür hatte er das Studium der Wirtschaftswissenschaften abgebrochen. Fast sieben Jahre lang habe er um sein Leben gekämpft und kaum Zeit gehabt zum Nachdenken, sagt er, zumal er auch noch ein Studium für den höheren Dienst absolviert habe. Danach aber, als ein wenig Ruhe einkehrte, sei "alles hochgekommen", vor allem der Tod der Kollegin. Er habe nicht mehr auf die Dienststellen gehen können. "Wenn ich einen Streifenwagen sah, dachte ich: Hoffentlich machen die keine Pause und kommen heil wieder heim."

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