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Polizeidirektor im NSU-Prozess: Die ersten Stunden der Wahrheit

Von , München

Angeklagte Zschäpe: Folgte sie einem Plan nach dem Doppelsuizid? Zur Großansicht
DPA

Angeklagte Zschäpe: Folgte sie einem Plan nach dem Doppelsuizid?

Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos töteten sich am 4. November 2011 in einem Wohnmobil. Als Beamte in den Wagen stiegen, wurde ihnen bald klar, dass sie es nicht bloß mit Bankräubern zu tun hatten. Ein leitender Ermittler berichtete nun im NSU-Prozess von jenem 4. November 2011.

Manchmal sind Gerichtsprozesse doch spannend wie ein Krimi. Auftritt des Leitenden Polizeidirektors aus Gotha, Michael Menzel, 53, im NSU-Prozess. Er führte anlässlich zahlreicher Banküberfälle in Thüringen seit 2008 eine Sonderkommission. Sie fahndete nach zwei Tätern, bei den Überfällen maskiert und bewaffnet, einer davon ein Linkshänder. Zu deren Modus Operandi gehörte die Flucht auf Fahrrädern. Als Menzel erfuhr, dass auch die Chemnitzer Polizei wegen mehrerer Überfälle nach solchen Tätern suchte, dehnte er die Fahndung bundesweit aus.

"Wir gingen davon aus, dass die Täter die polizeilichen Fahndungsmethoden wie die Ringfahndung kannten. Also gingen wir anders vor: Wir bemühten uns, die Wege von einem Tatort weg so schnell wie möglich zu besetzen, die von Radfahrern benutzt werden konnten. Dann kam der Anruf aus Eisenach, 9.30 Uhr, Überfall auf die dortige Sparkasse", so Menzel. Die alte Autobahn, die aus der Stadt führt, sei sogleich ins Visier genommen worden. "Unsere These war: Diesmal sind die Täter nicht mit Fahrrädern auf der Flucht, sondern vermutlich mit einer Art Transporter. So wurde Eisenach fast abgeriegelt."

In einem Gewerbegebiet ergab eine Zeugenbefragung durch eine Polizeistreife, dass zwei Männer gesehen worden seien, wie sie auf einem Parkplatz Räder in ein Wohnmobil verfrachteten. Der Zeuge habe auch den ersten Buchstaben des Fahrzeugkennzeichens benennen können: "V", für Vogtland. Ihm sei dieses Fahrzeug aufgefallen, weil es mit hoher Geschwindigkeit vom Parkplatz eines Baumarkts weggefahren seien.

"Zwei männliche Personen - vermutlich tot"

"Die Kollegen fuhren dorthin, es war 12.05 Uhr, stiegen aus und gingen in Richtung dieses Fahrzeugs. Da fielen zwei Schüsse. Hinter einer kleinen Mauer versteckten sie sich und forderten Verstärkung an. Das Wohnmobil geriet um 12.06/12.07 Uhr in Brand. Um 12.20 Uhr begann die Feuerwehr mit dem Löschen. Ich verlegte die Polizeiführung von Gotha nach Eisenach, denn ich musste davon ausgehen, dass die Täter bewaffnet sind und möglicherweise eine Geiselnahme verüben."

Menzel, der Chef, übernahm. "Als ich das Fahrzeug gegen 12.30 Uhr betrat, war der Innenraum des Wohnmobils durch den Brand schwer beschädigt, zwei männliche Personen - vermutlich tot. Für mich war noch ungeklärt, wer geschossen hatte. Die Kollegen sagten: wir nicht." An den Toten habe er, Menzel, "großflächige Kopfverletzungen", ja Zerstörungen des gesamten Gesichtsfelds festgestellt, die nur durch eine großkalibrige Waffe wie eine Pumpgun herbeigeführt worden sein konnten. Die Dachhaut sei komplett durchgebrannt gewesen, Aluminium tropfte ins Innere.

Auf dem Tisch habe eine Waffe gelegen, aus der eine Patrone ausgetreten war. "Die konnte ich als Polizeipatrone identifizieren." Am Nachmittag des 4. November um 16 Uhr sei klar gewesen: Die Waffe stammte von der im Jahr 2007 ermordeten Kollegin Michèle Kiesewetter aus Heilbronn. "Das war für uns der erste Punkt für die Annahme, bei den Toten handle es sich nicht nur um Bankräuber." Er habe sofort die Identifizierung der Leichen veranlasst, noch vor der Tatortarbeit. Zwischen 13 und 14 Uhr trafen die Spezialisten der Rechtsmedizin ein.

Inzwischen sei der Halter des Fahrzeugs ermittelt worden - ein Autoverleih in Zwickau. Später sei die Information gekommen, ein Mann namens Holger G. habe das Wohnmobil gemietet; er sei in Begleitung einer Frau und eines Kindes gewesen.

Vom Kriminaldauerdienst Hannover kam der Hinweis, Holger G. sei als ein "rechtsmotivierter" Mann einzuschätzen; er sei in Jena geboren. "Das war für uns die Zusammenführung mit Jena." Um 1.30 Uhr wurde G. an seiner Arbeitsstelle im Bereich Bad Nenndorf festgenommen.

Wo war Zschäpe?

Menzel ließ gegen Abend des 4. November noch die Vermisstenakte Mundlos beiziehen. Denn Mundlos war 2005 von seinem Vater als vermisst gemeldet worden; seitdem waren seine Fingerabdrücke in der Datenbank des Bundeskriminalamts gespeichert. Böhnhardts Identität wurde durch ein Tattoo auf der linken Wade klar. "Es ergab sich ein neues Bild. Die jüngsten Ereignisse wurden in Zusammenhang gebracht mit Vorfällen aus den Jahren 1998/1999, bei denen Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe eine Rolle spielten."

Der gleiche Beamte, der sich in Zwickau um das Kennzeichen des Fahrzeugs gekümmert hatte, meldete eine Explosion in der Frühlingsstraße 26 am Nachmittag des 4. November. Dazu passte eine Zeugenaussage, dass in letzter Zeit dort öfter ein weißes Wohnmobil gesehen worden sei. "Ich verknüpfte die Informationen. War die Frühlingsstraße der Wohnunterschlupf für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe?" Das Bild rundete sich für den Polizeiführer: zwei Männer, Überfälle, Eisenach, Zwickau, Wohnmobil. Wo war Zschäpe?

Die Medien waren damals schnell zur Stelle. Schon um 12.31 Uhr hielt sich ein privates Fernseh-Team am Wohnmobil in Eisenach auf. Eine erste Pressemitteilung sei 12.55 Uhr veröffentlicht worden, dass zwei Männer einen Banküberfall in Eisenach begangen hätten. Um 14.18 Uhr sei erstmals öffentlich mitgeteilt worden, in dem Wohnmobil hätten sich zwei Leichen befunden, deren Identität "noch ungeklärt" sei (hier finden Sie die Meldung von SPIEGEL ONLINE).

Beate Zschäpe, der die Anklage vorwirft, die Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße kurz nach 15 Uhr in Brand gesetzt zu haben, konnte demnach offenbar ohne weiteres von dem Tod ihrer beiden Gefährten durch die Medien Kenntnis erlangen. Gab es einen Plan für den Fall, dass die Männer sich das Leben nehmen? Was sollte Zschäpe dann tun? War zum Beispiel geplant, die Wohnung zu zerstören und mit mehreren Exemplaren des Bekennervideos sofort das Haus zu verlassen und die Videos per Post zu versenden? Bekanntlich stellt sich Zschäpe am 8. November nach einer Irrfahrt mit der Bahn durch Deutschland bei einem Rechtsanwalt in Zwickau. Auf dem Weg soll sie auch Eisenach aufgesucht haben.

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