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NSU-Prozess: Das rätselhafte Fanal

Von , München

Wohnmobil in Eisenach: Hier starben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Zur Großansicht
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Wohnmobil in Eisenach: Hier starben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt

Um die letzten Minuten im Leben von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ranken sich wilde Theorien: War eine dritte Person im Wohnmobil, als die beiden starben? Nun sagten im NSU-Prozess Polizisten aus, die an jenem Tag vor Ort waren.

Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess, trägt an diesem Tag Schwarz, anlassgemäß, könnte man sagen. Denn erstes Thema war die Obduktion jener beiden Männer, mit denen sie 13 Jahre aufs engste zusammengelebt hatte: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die ihre "Familie" waren.

Laut Aussage des Jenaer Rechtsmediziners Reinhard Heiderstädt starben Böhnhardt und Mundlos an Kopfdurchschüssen. Bei "Leiche 1 Eisenach", dem zunächst nicht identifizierten Böhnhardt, war die Kugel durch die linke Schläfe eingedrungen und hatte seinen Schädel aufgerissen und zerstört. Der Tod sei sofort eingetreten.

Ähnlich bei Mundlos. Seine Kopfverletzungen seien "noch massiver" gewesen. "Wir fanden bei der äußerlichen Besichtigung keinen Einschuss, das machte uns etwas nervös", sagt der Gutachter. "Aber bei der Öffnung des Mundes sahen wir dann den Einschuss in der Mundhöhle, nach oben gerichtet. Das ist nicht so selten." Es sei so gut wie kein Knochen mehr heil, der Schädel zusammengefallen gewesen. "Es war wie eine Explosion des Kopfes."

Dass Böhnhardt und Mundlos noch Rauch oder Ruß eingeatmet hätten, habe nicht festgestellt werden können. Das Wohnmobil, in dem sie sich nach ihrer Flucht von ihrem letzten Bankraub verschanzt hatten, sei wohl in Brand geraten, einer der beiden habe das Feuer wohl entzündet. Sie starben offenbar unmittelbar nach Ausbruch der Flammen. Ansonsten: zwei athletische, muskulöse junge Männer, der eine, Böhnhardt, tätowiert, der andere nicht.

Pulli sorgt für Empörung

Im Anschluss an die bedrückenden Ausführungen des Rechtsmediziners gewährt der Vorsitzende Manfred Götzl eine kurze Pause. In der macht Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann eine Beobachtung, die ihn und andere Opferanwälte schier an den Rand der Fassungslosigkeit bringt.

André E. trägt ebenfalls Schwarz. Jener Mitangeklagte, der stets so tut, als gehe ihn dieser Prozess nichts an und der schon einmal um die Freistellung von der Teilnahme an den Verhandlungen bat. Unter der Lederweste ist ein Aufdruck auf dem Pulli zu sehen, den einige Opferanwälte nicht mehr nur als Geschmacklosigkeit abtun wollen. Hoffmann: "Ich beantrage die Beschlagnahme dieses Kleidungsstücks, da es als Statement des Angeklagten aufzufassen ist, dass er den bewaffneten Kampf in diesen Gerichtssaal hereinzutragen gewillt ist."

Der Vorsitzende nimmt die Sache noch heiter: "Na, dann lassen Sie doch mal sehen, Herr E.!" Der macht keine Anstalten aufzustehen. Bundesanwalt Herbert Diemer überlegt, ob der Pullover für die Verurteilung der Angeklagten von Bedeutung sei. Anwalt Hoffmann erregt: "Wir haben einen schweigenden Angeklagten. Es geht hier auch um seine innere Einstellung und sein Nachtatverhalten. Es ist beweiserheblich, wenn ein Angeklagter hier für den bewaffneten Kampf posiert! In diesem Verfahren!" Jetzt will auch der Vorsitzende den Pullover sehen.

Schüsse in Sekundenschnelle

André E. trägt ein Oberteil, das der einschlägige Versandhandel an Neonazis verkauft. Der Aufdruck zeigt eine vermummte Person, die ein Sturmgewehr in die Höhe reckt; darüber der Reichsadler mit drei umgedrehten Kreuzen, dem Symbol von Satanisten. Auf den Armen die Aufschrift "Satanic WarMaster" und "Black Metal Kommando". Eine Internetrecherche, so Hoffmann, zeige, dass der Pulli wohl noch den Schriftzug "Gas Chambers" enthält, so wird er offenbar angeboten. Ein Signal des Mitangeklagten, dem Beihilfe zu den Mordtaten des NSU vorgeworfen wird, an seine Gesinnungsgenossen? Das Kleidungsstück wird fotografiert, das Bild zu den Akten genommen.

Der Prozess fährt mit dem Polizei- und Feuerwehreinsatz in Eisenach am Mittag des 4. November 2011 fort, als Böhnhardt und Mundlos mit einem Fanal ihrem Leben ein Ende setzten. Einem Fanal, das wenige Stunden später noch von der mutmaßlichen Brandlegung in der Zwickauer Frühlingsstraße durch Beate Zschäpe vervollständigt werden sollte.

Der erste Polizeibeamte am Tatort schildert als Zeuge, wie er und sein Kollege "aufgeregt" gewesen seien, als sie das gesuchte Wohnmobil sahen. Wie man sofort in Deckung ging, als das erste Schussgeräusch zu hören war, das offenbar etwas anders klang als die zwei weiteren Schüsse, die in Sekundenschnelle folgten. Der dritte sei nach einer kleinen Pause gefallen.

Warum kapitulierten Mundlos und Böhnhardt?

Die Frage ist immer wieder, ob das Wohnmobil von einer unbekannten dritten Person betreten oder verlassen worden sein könnte. Denn neben dem Wohnmobil, auf der Seite der Tür, befand sich ein Graben, in der sich möglicherweise jemand hätte verstecken können. Die Tür des Wohnmobils war von den Polizisten nicht einsehbar.

Der erste Polizist sagt, er habe niemanden gesehen. Außer einer Dame mit Hund und einem Mann, der sein Auto in Sicherheit habe bringen wollen. Der Polizist, der sich sonst sehr zögerlich und vage äußert, antwortet hier auffallend rasch und bestimmt. "Definitiv" sei da niemand gewesen. Wie kann er sich so sicher sein, wenn er doch die Tür gar nicht sah?

Auch der zweite Polizist will nichts gesehen haben. Er habe auch die Löscharbeiten nicht beobachtet, sagt er. Nichts gesehen? Es wird ein Foto an die Wand geworfen, das den zweiten Beamten zeigt, wie er neben dem Wohnmobil den Löscharbeiten zusieht.

Im NSU-Prozess sind noch viele Fragen offen. Zum Beispiel: Haben die Polizisten, als sie in Deckung lagen, die Feuerwehr auf das Wohnmobil zulaufen lassen, in dem gerade geschossen worden war? Was passierte in den zweieinhalb Stunden zwischen dem Raubüberfall und den Schüssen im Wohnmobil? Warum kapitulierten Mundlos und Böhnhardt? Schließlich hatten sie ja schon einmal auf die Polizei geschossen, am 25. April 2007, als Michèle Kiesewetter in Heilbronn starb.

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