Polizisten im NSU-Prozess Verpennt, verpeilt, vergessen

"Es tut mir leid, es ist zu lange her": Im Münchner NSU-Prozess offenbaren thüringische Ermittler deutliche Erinnerungslücken. Die Wahrheitsfindung erweist sich als ausgesprochen mühsam.

Von , München

Angeklagte Zschäpe (2. v. li.) mit ihren Verteidigern: "Gegenseitig Alibis zugeschanzt"
DPA

Angeklagte Zschäpe (2. v. li.) mit ihren Verteidigern: "Gegenseitig Alibis zugeschanzt"


Als Beate Zschäpe noch mit den Ermittlern sprach, hinterließ sie nicht unbedingt den schlechtesten Eindruck. Die Extremistin sei "immer ruhig" und "aufgeräumt" gewesen, erinnert sich die thüringische Kriminalbeamtin Susanne S., und habe genau gewusst, was sie sagen wollte und was nicht. Nie sei Zschäpe aggressiv oder laut geworden, "klipp und klar" habe sie gewirkt. Und als sie dann später erfahren habe, so die Polizeihauptmeisterin S., was Zschäpe inzwischen vorgeworfen werde, sei sie erschüttert gewesen.

Der Tag 153 im Prozess gegen den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) vor dem Oberlandesgericht München ist einmal mehr eine Reise in die Vergangenheit. 18 Jahre geht es zurück, in den Frühsommer 1996, als die Sonderkommission "Rex" im Erfurter Landeskriminalamt gegen die Neonazi-Szene des Landes ermittelte, zu der damals schon neben Zschäpe auch ihre mutmaßlichen Mittäter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sowie der in München ebenfalls angeklagte Ralf Wohlleben gehörten. Über 300 Verfahren hätten sie damals geführt, schätzt Susanne S.

Doch die Betriebsamkeit von gestern ist das Problem von heute, wie sich in Saal 101 erweist: Ermittler wie S. oder ihre Kollegen, der Kriminalobermeister Horst B. und der Polizeihauptmeister Michael H., können sich kaum erinnern an die vor fast zwei Jahrzehnten geführten Vernehmungen. Das seien keine großen Sachen gewesen, Alltagskram, rechtfertigen sie sich. Sie hätten ja nicht ahnen können und überhaupt tue es ihnen leid, sie wüssten schlichtweg nicht mehr, wie die Befragungen abgelaufen seien. Nur die Protokolle können sie noch referieren, die hat ihnen das Bundeskriminalamt zur Vorbereitung auf ihre Aussage zugeschickt.

Im April 1996 hatte Uwe Böhnhardt an einer Autobahnbrücke bei Jena einen Puppentorso platziert, dem er ein Sweatshirt mit einem gelben Judenstern und ein Schild, auf dem "Vorsicht, Bombe!" stand, umgehängt hatte. Daneben lag ein Pappkarton, den die Ermittler zunächst für eine Bombe hielten, der sich aber als Attrappe herausstellte. Die Spurensicherung fand darauf einen Fingerabdruck von Böhnhardt.

"Die haben doch alle gelogen"

Daher konnte ein Gericht den Neonazi später zu einer Jugendstrafe verurteilen, doch damals stand Beate Zschäpe fest zu ihm: Sie könne sich nicht vorstellen, dass ihr Freund etwas mit der Sache zu tun habe, sagte Zschäpe der Polizistin S. Immerhin sei sie zwei Jahre lang mit Uwe liiert und kenne ihn sehr gut. Ihr gegenüber habe er immer bestritten, etwas an der Autobahn gemacht zu haben. Wenn er sie doch getäuscht haben sollte, würde sie das sehr betroffen machen, schilderte Ermittlerin Susanne S. die Vernehmung von Zschäpe.

"Die haben doch alle gelogen", meint hingegen der Kriminalbeamte Horst B. noch zu wissen. Zwar könne er sich nicht mehr an Details erinnern, doch sein generelles Bauchgefühl in der Soko "Rex" sei gewesen, dass die Neonazis sie an der Nase herumgeführt und sich gegenseitig Alibis zugeschanzt hätten.

Es ist ein eher trauriger Eindruck, den der massige Beamte aus Thüringen vor dem Münchner Senat macht. Ständig bittet B. um Entschuldigung dafür, dass er sich nicht mehr erinnern könne. Nach dem x-ten "Es tut mir leid, es ist zu lange her" reicht es dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl. Entnervt fährt er den Zeugen an: "Ja, ja, darum geht's nicht, sondern darum, ob Sie noch etwas wissen."

Uwe Böhnhardt verbüßte seine Jugendstrafe nie: Er legte Berufung ein, das Landgericht Gera reduzierte daraufhin das Strafmaß. Die Kammer sprach ihn vom Vorwurf frei, dass er für die Puppe und die Bombenattrappe verantwortlich war. Demnach hätte der Fingerabdruck des mutmaßlichen späteren Serienmörders auch auf andere Weise auf den verdächtigen Karton mit dem Aufdruck "Asti Spumante" kommen können. Bevor Böhnhardt seine geringere Strafe schließlich antreten musste, tauchte er im Januar 1998 mit Zschäpe und Mundlos unter.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pauschaltourist 22.10.2014
1.
Warum solle es ihm leid tun, nach 18 Jahren sich nicht mehr an Vernehmungsdetails erinnern zu können? Zumal dies zum Alltagsgeschäft eines Ermittlungsbeamten gehört. Kann sich der Staatsanwalt oder der Richter sich denn noch an Falldetails von vor 18 Jahren erinnern? Und wieso verfügt das BKA über die damaligen Vernehmungsprotokolle? Die Verjährungsfrist für das zugrundeliegende Delikt (vermutlich Störung des öffentlichen Friedens) liegt bei geschätzt 5 Jahren und somit müssten auch die Verfahrensakten mittlerweile aus datenschutzrechtlichen Gründen längst vernichtet sein.
interessierterleser1965 22.10.2014
2. Ehrliche Beamte
Die Beamten können sich nach 18 Jahren nur noch an wenig erinnern. Das ist weder überraschend noch unnormal. Kein Mensch kann sich nach fast zwei Jahrzehnten noch an Alltagsdetails aus Ermittlungsdetails erinnern. Das ginge dem Vorsitzenden übrigens auch nicht anders. Die Beamten sind wenigstens so ehrlich und geben das zu. Die Justiz will ein Exempel an der Angeklagten statuieren und muss nun feststellen, dass die Beweislage eben dürftig ist.
nightwatchman 23.10.2014
3.
Dieser Bericht ist in seiner Form wirklich unterste Schublade. Da hat sich der Verfasser wohl gedacht da ja eh alle auf die Ermittlungsbehörden in diesen Fall einhacken werde ich mal schön und laut mit den Hyänen jaulen - kommt bestimmt gut an. Allein die Wortwahl bei der Überschrift spricht schon Bände. Diese Form der herablassend verächtlichen Berichterstattung passt eher zu Indymedia.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.