Aussage im Prozess Wohlleben bestreitet Beschaffung der Mordwaffe für den NSU

Ralf Wohlleben hat im NSU-Prozess seinen Werdegang und die Beziehung zu Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt geschildert. Er will bei ihnen keine Gewaltbereitschaft erkannt haben und streitet ab, die Mordwaffe besorgt zu haben.

Ralf Wohlleben (Archivbild): "Ich verspürte schon immer einen großen Nationalstolz"
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Ralf Wohlleben (Archivbild): "Ich verspürte schon immer einen großen Nationalstolz"


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Erst Beate Zschäpe, jetzt Ralf Wohlleben: Im NSU-Prozess hat nun auch der mutmaßliche Terrorhelfer sein Schweigen gebrochen. Vor dem Münchner Oberlandesgericht verlas er am Mittwoch eine Aussage - und sprach im Gegensatz zu Zschäpe selbst.

Wohlleben ist neben Zschäpe der einzige Angeklagte, der in Untersuchungshaft sitzt. Der 40-Jährige ist wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Er soll dabei geholfen haben, den mutmaßlichen NSU-Terroristen die Ceska zu beschaffen, die Pistole, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Männer türkischer und griechischer Herkunft erschossen haben. Die Bundesanwaltschaft sieht in Wohlleben eine "steuernde Zentralfigur" im Hintergrund des NSU.

Wohlleben bestritt in seiner Aussage allerdings, die Mordwaffe für den "Nationalsozialistischen Untergrund" beschafft zu haben. Er wies den Vorwurf der Beihilfe zum Mord zurück. Er sei nicht vermittelnd tätig geworden oder habe in irgendeiner Form Aufträge zum Beschaffen der Pistole vom Typ Ceska erteilt. Auch habe er gar nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um solch eine Waffe zu kaufen.

"Ich wollte keine Waffe besorgen"

Wohlleben sagte, Böhnhardt habe ihm gegenüber zwar den Wunsch geäußert, dass er sich für ihn nach einer scharfen Pistole umsehen solle. Zur Begründung habe ihm der damals bereits untergetauchte Böhnhardt gesagt, bevor er ins Gefängnis gehe, bringe er sich lieber um. Er habe Böhnhardt aber gesagt, er kenne sich nicht mit Waffen aus. "Ich wollte keine Waffe besorgen." Er habe auch nicht Schuld am Suizid von Böhnhardt sein wollen, sagte Wohlleben. Schließlich habe Carsten S. von Böhnhardt oder Mundlos den Auftrag bekommen, eine Waffe zu besorgen.

Der Angeklagte Carsten S. hatte gleich zu Beginn des Prozesses gestanden, im Auftrag von Wohlleben die Mordwaffe beschafft und den mutmaßlichen NSU-Terroristen gebracht zu haben. Auch das Geld für die Waffe habe er von Wohlleben bekommen. Der Angeklagte Holger G. sagte aus, Wohlleben habe ihm eine weitere Waffe gegeben, die G. in Wohllebens Auftrag zu Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gebracht habe.

Zschäpe hatte sich in ihrer Aussage am vergangenen Mittwoch zu den Vorwürfen gegen Wohlleben ausdrücklich nicht geäußert. Nach Wohllebens Aussage schweigt von den fünf Angeklagten nur noch der mutmaßliche NSU-Helfer André E.

Nichts gegen Ausländer gehabt, sondern nur gegen die Politik

Zu Beginn seiner Einlassung hatte Wohlleben gesagt, er habe den Weg einer schriftlich vorformulierten Erklärung gewählt, weil er wegen der langen U-Haft an erheblichen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen leide. Dann berichtete er ausführlich von seinem Werdegang.

Nach Mauerfall und Wiedervereinigung habe er versucht, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen. "Da ich schon immer einen großen Nationalstolz verspürte, der integraler Bestandteil der DDR-Erziehung war, sah ich keinen Grund, den abzulegen", sagte Wohlleben. In den Folgejahren habe er zunehmend rechte Veranstaltungen, Konzerte, Stammtische und Demonstrationen besucht.

Dann trat Wohlleben nach eigener Aussage in die NPD ein - wobei ihm Tino Brandt einen Mitgliedsantrag unter die Nase gehalten habe. Brandt war ein Anführer in der rechtsextremen Szene in Thüringen und zugleich gut bezahlter V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes.

Wohlleben sagte, er habe schon Mitte der Neunziger nichts gegen Ausländer gehabt - sondern gegen die Politik, die den Zuzug von Ausländern fördere. In Frankfurt am Main habe er damals den Eindruck gehabt, dass es da Stadtviertel gebe, in denen keine Deutschen mehr lebten. Das habe er nicht für Jena gewollt, sagte er.

Wohlleben sieht Schlüsselrolle bei Tino Brandt

Wohlleben berichtete weiter, wie sich die rechte Szene in den Neunzigerjahren in Jena formierte. Damals habe er Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennengelernt. Mit Zschäpe habe man gut und lange reden können. Sie sei schlagfertig, witzig und ihm sehr sympathisch gewesen. Eine Schlüsselrolle bei der Formierung der verschiedenen Gruppierungen - insbesondere des "Thüringer Heimatschutzes" - wies Wohlleben Tino Brandt zu.

Von der Gewaltbereitschaft seiner damaligen Freunde Mundlos und Böhnhardt will Wohlleben nichts gewusst haben. Das Verhalten der beiden habe keinen Anlass gegeben zu vermuten, dass sie schwere Straftaten begehen würden, sagte er.

Von den zehn Morden will Wohlleben bis zum Auffliegen des NSU im November 2011 nichts gewusst haben. "Wie alle anderen" habe er erst dann davon erfahren. Es sei für ihn unvorstellbar, dass Mundlos und Böhnhardt zu diesen Taten in der Lage gewesen seien.

Wohlleben räumte aber ein, nach dem Untertauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe Kontakt zu den dreien gehabt zu haben. Es sei zu mehreren Telefonaten gekommen. In einer Wohnung in Chemnitz habe er sie dann zum ersten Mal wiedergetroffen. Später sei es zu weiteren Treffen gekommen.

Der Angeklagte erhob im Zusammenhang mit dem Untertauchen der drei Vorwürfe gegen die Behörden. Es sei ihm unerfindlich, warum der Staat Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nicht aufgespürt habe, sagte Wohlleben. Hätte man sie finden wollen, wäre das seiner Meinung nach mit Hilfe von Brandt möglich gewesen.


Zusammengefasst: Ralf Wohlleben ist wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, dem NSU die Mordwaffe beschafft zu haben. Dies bestritt der 40-Jährige nun in seiner Aussage vor dem Oberlandesgericht München. Auch von den Morden will er nichts gewusst haben.

wit/bim/dpa/AFP

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