Wohlleben-Aussage im NSU-Prozess Bemüht und verschwiegen

Das Gericht hat Fragen gestellt, Ralf Wohlleben hat geantwortet. Es wird dem Angeklagten im NSU-Prozess kaum helfen: Seine Aussagen waren geprägt von Erinnerungslücken, Nichtwissen und Widersprüchen.

Von , München

Ralf Wohlleben (Archivbild): "Allgemein wenig nachgefragt"
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Ralf Wohlleben (Archivbild): "Allgemein wenig nachgefragt"


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Gäbe es einen Preis für taktisches Nichtwissen und punktgenaue Erinnerungslosigkeit - Ralf Wohlleben, der neben Beate Zschäpe zweite Hauptangeklagte im NSU-Prozess, wäre dafür ein Kandidat.

Der zweite Sitzungstag, der allein den Fragen des Senats an Wohlleben vorbehalten war, verging fast ausschließlich mit Antworten, die zur Aufklärung des Sachverhalts so gut wie nichts beitrugen. Das Bild, das die Anklage von Wohlleben als "steuernder Zentralfigur der Unterstützerszene" des NSU zeichnet, dürfte mit dieser Strategie kaum zu widerlegen sein.

Wohlleben hatte zunächst zwar vollmundig erklärt, sich den Fragen aller Prozessbeteiligten stellen zu wollen. Doch tatsächlich folgte er dann der Linie, die seine Verteidiger in einer Internetbotschaft der rechten Szene mitgeteilt hatten: "Herr Wohlleben ist seinen Idealen und politischen Überzeugungen treu geblieben und wird dies auch in Zukunft bleiben. Seine Aussage ändert daran nichts. Sie ist ein Akt der Notwehr gegen Lügen und Unterstellungen."

Verbindlich und nichtssagend

Nach wie vor, so der Eindruck, gilt für ihn das Motto "Brüder schweigen". Zu seinem 40. Geburtstag vor einem Jahr spotteten seine Anhänger über den angeblichen Schauprozess, den die Münchner Justiz Wohlleben mache. Formal lässt Wohlleben sich davon nichts anmerken, verhält sich verbindlich, bemüht und kooperativ. Tatsächlich aber gibt er nichts preis, was der Aufklärung der Morde an acht türkischstämmigen Menschen und einem Griechen sowie einer Polizistin tatsächlich dienen könnte.

Nur wenn von ihm ein Foto in den Akten existiert, aufgenommen etwa bei einer Observation, oder wenn ein sonstiger nicht zu bestreitender Beweis vorliegt, dann erinnert er sich. Aber bei Nachfragen, wenn es zum Beispiel um Gesprächsinhalte, weitere Teilnehmer und dergleichen geht, verlässt ihn schon wieder das Gedächtnis.

Ungerührt arbeitet der Vorsitzende Manfred Götzl Frage um Frage ab. Wohllebens Antworten darauf, etwa nach der finanziellen Unterstützung der mutmaßlichen NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, entbehren meist der Lebensnähe. Er will sich dafür nicht interessiert, nicht darum gekümmert haben. Er habe vieles gar nicht wissen wollen, habe "allgemein wenig nachgefragt". Er habe keine Erinnerung, zumindest keine konkrete oder keine sichere, er könne allenfalls spekulieren, er verfalle ja leider häufig ins Spekulieren.

"Was haben Sie über die Lebensumstände der drei erfahren? Wo lebten sie? Wovon?", fragt der Vorsitzende. "Ich wollte nur so wenig wie möglich wissen", antwortet Wohlleben. "Es interessierte mich nicht. Es nützte mir ja auch nicht, dies zu wissen." Wer soll glauben, dass der Puppentorso mit Judenstern und Bombenattrappe, der von Mundlos und Böhnhardt und anderen am 13. April 1996 auf einer Autobahnbrücke platziert worden war, tatsächlich nur eine harmlose Provokation darstellen sollte? Eine Aktion mit dem Ziel, die örtlichen Medien zur Berichterstattung über die Aktivitäten der rechten Szene zu bewegen, wie Wohlleben vor Gericht vorträgt?

Prozessbeteiligte verzichten auf Fragen

Im Vergleich zu seinem Nichtwissen erscheinen die Erinnerungen des von ihm als "Tollpatsch" bezeichneten Mitangeklagten Holger G. und vor allem des damals kaum zwanzigjährigen Carsten S. geradezu exorbitant. Wohl niemand, der dabei war, hat Carsten S.' Ringen vor Gericht um die Wahrheit, um Erinnerungen an Personen, Vorfälle, um eigene Gefühle und Motive zu Prozessbeginn vergessen. Er hat nicht bis zum 251. Prozesstag gewartet und die Opfer hingehalten. Es fiel ihm nicht leicht zu sprechen. Er quälte sich, kämpfte über viele Tage gegen das Vergessen und gab zu, auch an gewalttätigen Auseinandersetzungen beteiligt gewesen zu sein. Und er trug zur Aufklärung eines weiteren, bis dahin unbekannten Anschlags des NSU in Nürnberg bei.

Die offensichtlich um Aktenlage und Beweisaufnahme herum konstruierte Einlassung Wohllebens veranlasste denn auch nur wenige Prozessteilnehmer, weitere Fragen an ihn zu stellen. Ergebnis jeweils: siehe oben.

Der Verteidiger von Carsten S., Jakob Hösl, wunderte sich, dass Wohlleben nach eigenen Angaben keine scharfe Waffe für Böhnhardt habe besorgen wollen, weil er angeblich nicht zu dessen eventuellem Suizid habe beitragen wollen. Andererseits aber habe er Carsten S. geraten, im Jenaer Szeneladen "Madley" nach einer solchen Waffe zu fragen und sich dabei auf ihn, Wohlleben, zu berufen. "Warum taten Sie das? Das passt für mich nicht zusammen", fragt Hösl. "Ich ging davon aus", antwortet Wohlleben, "dass es dort keine scharfen Waffen zu kaufen gibt". Reiner Zufall, dass die Mordwaffe des NSU dann doch ausgerechnet aus dem "Madley" stammte?

Die Bundesanwaltschaft hatte keine einzige Frage an Wohlleben, verständlicherweise. Sebastian Scharmer, Nebenklagevertreter von Gamze Kubasik, der Tochter eines 2006 in Dortmund erschossenen Kioskbesitzers, resümierte: "Meine Mandantin hätte viele Fragen an Herrn Wohlleben. Sie ist sich jedoch sicher, dass er sie nicht wahrheitsgemäß beantworten würde." Seine Darstellung der rechten Szene in Jena komme ihr vor, als würde eine "Friedensbewegung" geschildert mit Wohlleben als "Nationalpazifistem" an der Spitze.


Zusammengefasst: Ralf Wohlleben, Angeklagter im NSU-Prozess, hat sich zwar an zwei Sitzungstagen den Fragen des Gerichts gestellt. Dabei gab er jedoch nichts preis, berief sich immer wieder auf Erinnerungslücken und widersprach sich gar. Laut Anklage soll er dabei geholfen haben, die Ceska zu beschaffen, mit der Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt neun Männer türkischer und griechischer Herkunft erschossen haben.

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